Heilung durch Somnambulismus

Jakob Lorber

Heilung durch Somnambulismus

GEJ04.40-89

Inhalt

40. Der Somnambulismus und seine Anwendung.

41. Leibliche und geistige Reinlichkeit. Fernheilung.

42. Jesus kündigt ein praktisches Beispiel des Somnambulismus an.

43. Der abgebrannte Bürger Zorel bittet um Schadenersatz.

44. Zorels Eigentumsbegriff.

45. Zorel muß die Wahrheit hören.

46. Zorel bittet um freien Abzug.

47. Die vorbereitenden Bedingungen zur somnambulen Behandlung.

48. Selbsterkenntnis des Zorel.

49. Die Seele des Somnambulen reinigt sich.

50. Die gereinigte Seele wird bekleidet.

51. Der Leib der Seele.

52. Die Seele Zorels auf dem Wege der Selbstverleugnung.

53. Jorel im Paradiese.

54. Das Verhältnis zwischen Körper, Seele und Geist.

55. Jorels Einblick in die Schöpfung.

56. Das Wesen des Menschen und seine schöpferische Bestimmung.

57. Jorels Einblick in die Entwicklungsprozesse der Natur.

58. Richtet nicht!

59. Zorels materialistischer Glaube.

60. Zorels Kritik der Moral und Erziehung.

61. Materialistische Irrtümer.

62. Vom berechtigten Schutze des Eigentums.

63. Zorels Herkunft und Verwandschaft.

64. Zorels Vergangenheit als Sklavenhändler.

65. Zorels Entschuldigungen.

66. Die Mädchenschändungen des Zorel.

67. Des Cyrenius über die Verbrechen des Zorel.

68. Zorels Entschuldigungen.

69. Zorel als Muttermörder.

70. Zorels Rechtfertigung seiner Charaktereigenschaften.

71. Des Cyrenius Verwunderung über den Scharfsinn Zorels.

72. Johannes ermahnt Zorel zu einem besseren Lebenswandel.

73. Erkenntniswille und Genußwille im Menschen.

74. Das Wesen Gottes und Seine Menschwerdung.

75. Cyrenius nimmt sich des Zorel an.

76. Vom Geheimnis des inneren Geisteslebens.

77. Zorels Entschluß zur Besserung.

78. Der Weg zum ewigen Leben.

79. Von der Armut und der Nächstenliebe.

80. Von der Fleischeslust.

81. Vom rechten, gottgefälligen Geben.

82. Von der Demut und vom Hochmute.

83. Die Erziehung zur Demut.

84. Zorels gute Vorsätze.

85. Zorel wird Kornelius anvertraut.

86. Übertriebene und rechte Demut.

87. Kornelius und Zorel besprechen sich über Wunder.

88. Die verschiedenen Ansichten über das Wesen Jesu.

89. Der Leuchtstein von der Nilquelle.

40. Kapitel. Der Somnambulismus und seine Anwendung.

1. Tritt näher zu Mir Kornelius und sagt fragend: „Herr, Du hast nun im Verlaufe Deiner übergöttlichen Rede und Lehre davon eine Andeutung gemacht, wie ein geistig vollendeter Mensch einem andern die Hände auflegen könnte, und dieser andere würde darauf alsbald in einen Verzückungsschlaf geraten und mit gesunder Seele weise Reden von sich geben, – und wäre er sonst ein noch so blinder und vollends dummer Mensch! Wenn ich doch nur den Vorgang einer solchen Behandlung sehen könnte, so wüßte ich dann, wie solch ein heilsamer Versuch an jemand vorzunehmen ist, so es irgend nötig wäre. Wenn man aber in der Behandlungsweise ein Laie ist, da kann man selbst bei bestem Willen nichts unternehmen und somit auch nichts zustande bringen. – Möchtest Du mir darüber etwas Näheres anvertrauen?“

2. Sage Ich: „O ja, recht gerne, weil dieser Akt zur Herstellung der verlorenen leiblichen und auch seelischen Gesundheit ein unbedingt notwendiger ist! Denn einmal lindert schon das pure Auflegen der Hände selbst den heftigsten Leibesschmerz, und dazu ergibt sich zumeist als Folge, daß der Mensch, dem du die Hände festgläubig aufgelegt hast mit dem starken Willen, ihm zu helfen, hellsehend wird und sich dann selbst eine taugliche Arznei bestimmen kann, die, nach seiner Vorschrift angewendet, ihm die volle Heilung bringen muß. Natürlich, wenn irgend, wider seine Vorschrift, sich widrige Fälle ereignet haben, da wird es mit der vollkommenen Heilung nicht gut gehen; ist aber die Vorschrift in ungestörter Behandlung geblieben, so erfolgt die volle Heilung ganz sicher.

3. Wenn aber bei dieser Heilbehandlung irgendeine menschliche Person in den weissagenden Schlaf gekommen ist, da soll sie nicht durch allerlei unnütze Fragen gestört und geschwächt werden, sondern nur um das gefragt werden, was da notwendig ist.

4. Wer aber jemand die Hände auflegt, der muß das in Meinem Namen tun, ansonst seine Behandlung keinen Nutzen brächte und nichts bewirkte.

5. Es gehört ein fester, unerschütterlicher Glaube und ein ebenso unerschütterlicher, fester Wille dazu.

6. Aus des Herzens tiefstem Grunde muß solch eine Bestrebung rühren und muß aus der wahren Nächstenliebe ausgehen, dann erfüllt solche Kraft der Liebe die Hände des Handauflegers, und sie dringt dann durch dessen Fingerspitzen und fließt wie ein sanfter Tau in die Nerven des Kranken und heilt den oft stechenden und oft brennenden Schmerz.

7. Das aber ist wohl zu merken, daß mehr dazu gehört, einen Mann in den Verzückungsschlaf zu versetzen denn ein Weib! In gewissen Fällen könnte auch ein Mann von einem Weibe in den Verzückungsschlaf versetzt werden; dem frommen Weibe aber gelänge solche Behandlung nur mit Hilfe eines ihm zur Seite stehenden, unsichtbaren Engels, den es sich dienstbar machte durchs Gebet und des Herzens Reinigkeit.

8. Solche frommen Weiber würden besonders den oft schwer und mit großen Schmerzen Gebärenden eine große Linderung verschaffen. Dies wäre besser, als daß gewöhnlich die Wehemütter nach Bethlehem reisen und dort die Kunst erlernen, wie einer Gebärenden beizustehen ist, wobei ein ganzer Haufe von allerlei abergläubischen Mitteln, die stets mehr schaden als nützen, in die dümmste Anwendung gebracht wird.

9. Welche höchst dummen und lächerlichen Zeremonien werden oft besonders bei den Erstgeburten vorgenommen! Wird ein Mägdlein zuerst geboren, dann müssen allerlei dumme Klagelieder angestimmt und es muß drei Tage lang jämmerlich geseufzt und geplärrt werden. Wird ein Knäblein geboren, so müssen Kälber und Lämmer geschlachtet und Semmeln gebacken werden und müssen alle Sänger, Pfeifer und Geiger zusammenkommen und einen ohrenzerreißenden Lärm machen den ganzen Tag hindurch, was der Gebärenden eine Linderung ihrer Geburtswehen verschaffen soll! Also – statt solcher Dummheiten wäre die vorerwähnte Geburtshilfe doch sicher sehr am Platze!“

10. Sagt Kornelius: „Na und ob! Aber kommt ein Weib zu solch einer Frömmigkeit?“

11. Sage Ich: „Ganz leicht! Zuerst gehört eine gute Erziehung dazu, und dann ein gründlicher Unterricht einer vollreif gewordenen Jungfrau! Aber der Unterricht darf einer noch so reifen Jungfrau nicht vor der erprobten wahren Frömmigkeit des Herzens erteilt werden.

12. Aber auch Männer können durchs Händeauflegen einer Gebärenden beistehen und ihr eine große Linderung verschaffen!“

41. Kapitel. Leibliche und geistige Reinlichkeit. Fernheilung.

1. Sagt der danebenstehende und auf alles aufpassende Stahar: „Würde aber so etwas den Mann nicht auf einen ganzen Tag verunreinigen nach den Vorschriften Mosis?“

2. Sage Ich: „Von nun an kann dich nichts verunreinigen als arge und unlautere Gedanken, Begierden und Wünsche, böser Leumund, Lüge und Ehrabschneidung, Verkleinerung und Verleumdung. Das sind Stücke, die den Menschen verunreinigen; alles andere verunreinigt den Menschen entweder gar nicht oder höchstens nur äußerlich an der Haut, und dafür hat er Wasser genug, um sich von einer äußeren Unreinheit zu säubern.

3. Moses hatte solche Vorschriften den Juden auch nur hauptsächlich wegen ihres großen Hanges zur Unreinheit in allen ihren äußeren Dingen gegeben; denn Menschen, die schon äußerlich zu ordentlichen Schweinen werden, werden es auch dann um so leichter im Herzen. Darum hatte Moses den Juden ganz besonders die äußeren Reinigungen anbefohlen.

4. Aber die eigentliche Reinigung der Menschen geschieht erst durch eine wahre Buße, durch die Reue über eine begangene Sünde an seinem Nächsten, durch den ernsten Vorsatz, nicht mehr zu sündigen, und durch die sohin vollkommene Besserung des Lebens.

5. Erfolgt solches nicht, so möget ihr hunderttausend Böcke mit Blut besprengen, verfluchen, und statt eurer Sünden in den Jordan schmeißen, so bleiben eure Herzen und Seelen vor Gott noch ebenso unrein und unlauter, wie sie zuvor waren! Mit dem Wasser reinigt man den Leib und mit einem festen, guten und Gott in allem ergebenen Willen Herz und Seele; und wie das reine, frische Wasser des Leibes Glieder stärkt, so stärkt ein Gott ergebener, fester Wille das Herz und die Seele.

6. Solche gestärkten Seelen können dann einem Kranken in Meinem Namen auch geistig, in die weiteste Ferne hin, die Hände auflegen, und es wird besser mit ihm werden.

7. Wer aber noch schwächer in der Vollendung seines Herzens und seiner Seele ist, der nehme zu den früher in Meiner Hauptrede angedeuteten Strichen seine Zuflucht, und er wird einem Leibeskranken auch eine große Linderung seiner Leiden verschaffen. Er wird ihn auch in den verzückenden Schlaf bringen, und der Behandelte wird im Schlafe weissagen, was ihm helfen kann. Das Geweissagte muß dann sorglichst angewendet werden, und es wird in einer Zeit dann auch besser mit dem Kranken werden, – aber freilich wohl so schnell nicht, als so ein geistig vollendeter Mensch ihm die segensreichen Hände aufgelegt hätte, allwo die Heilung augenblicklich bewirkt werden kann und mag.

8. So kann sich jeder überzeugen, daß im verzückenden Schlafe auch die sonst dümmste Seele sogar eines Kindes weissagen kann, weil sie für den Moment mit ihrem allergeistigsten Lebenskeime in Verbindung gesetzt wird. Wird nach dem vergangenen Entzückungsschlafe der innerste Lebenskeim wieder in seine Ruhestätte gebracht, so erwacht die Seele wieder in ihrem Fleische, und von all dem Geschehenen und aus sich selbst Gesprochenen weiß sie dann gar nichts. Das aber bezeugt eben, daß nirgends irgendeine Seele so sehr verdorben sein kann, daß sie nicht mehr zu heilen wäre.“

42. Kapitel. Jesus kündigt ein praktisches Beispiel des Somnambulismus an.

1. (Der Herr:) „Auf daß ihr aber das auch praktisch sehet, werde Ich nun veranlassen, daß aus Cäsarea Philippi so ein recht dummer und kreuzarger Mensch ankommen wird. Dieser soll von einem aus euch also behandelt werden, und ihr werdet es sehen und hören, in welch eine verwunderungswürdige Weisheit der dumme und arge Mensch im Verzückungsschlafe übergehen wird. So er aber dann wieder erwachen wird, da wird er gleich wieder derselbe arge und dumme Mensch sein, der er zuvor war, und wir werden zu tun haben, ihm auf dem natürlichen Wege nur einigermaßen hellere Begriffe von Gott und den Menschen einzuhauchen.“

2. Sagt Cyrenius: „Herr! Da freue ich mich schon wieder überaus darauf; denn da wird sich wieder sehr viel erfahren und lernen lassen! Ist besagter Mensch etwa schon auf dem Wege hierher?“

3. Sage Ich: „Jawohl; er sucht dich und wird dich höchst plump um eine Unterstützung angehen, weil er bei Gelegenheit des Brandes eine Hütte, zwei Schafe, eine Ziege und einen Esel eingebüßt hat. Er erfuhr aber, daß du dich hier aufhältst und den Beschädigten Hilfe zukommen läßt, und der sonst recht arge und dumme Mensch hat sich darum auf den Weg gemacht, um von dir seinen erlittenen Schaden wieder ersetzt zu bekommen. Aber er ist eigentlich, wennschon ein armer Tropf, so stark geschädigt nicht; denn die zwei Schafe hat er zwei Tage zuvor, ehe der Brand entstand, einem andern gestohlen, und den Esel und die Ziege aber hat er schon vor einem Jahre auf dieselbe Weise in seinen Besitz gebracht.

4. Du siehst also schon aus dem dir nun Kundgegebenen, daß unser neuer Ankömmling ein ziemlich arger Schelm, dabei zugleich aber dennoch auch recht blitzdumm ist, was bei solchen Menschen von der tierisch blinden Habgier herrührt. Er hätte seine Hütte samt seinen Habseligkeiten ganz leicht retten können; aber während des Brandes schlich er stets überall herum, um auf einem ungesetzlichen Wege sich so manchen Fund zuzueignen. Nun, er fand aber nichts, und als er ganz verdrießlich nach Hause kam, fand er seine Hütte in den schönsten Flammen, und seine vier Tiere waren bereits bis auf die Knochen verbrannt.

5. Bis heute jammerte er um seine Hütte; als er aber vor einer Stunde in die Erfahrung brachte, daß du aus obangezeigten Gründen hier verweilest, da hat er sich nach nicht gar zu langem Bedenken entschlossen, hierher nachsehen zu kommen, ob du wirklich hier seist, und ob du auch wirklich Beschädigungen vergütest.

6. Damit du nun zum voraus weißt, mit was für einem Menschen wir hier ganz bald zu tun bekommen werden, und wie du dich wenigstens anfänglich zu benehmen haben wirst, habe ich dir ihn zum voraus ein wenig gezeichnet; das Bessere wirst du hernach schon von ihm selbst in die Erfahrung bringen.“

7. Fragte Cyrenius: „Soll ich ihm wohl irgendeine Vergütung zukommen lassen?“

8. Sage Ich: „Vorderhand nicht, denn da mußt du ihm ganz echt römisch auf den Zahn fühlen; erst nach der Behandlung, wenn er etwas Menschlicheres annehmen wird, wird sich das andere finden lassen! Zinka aber soll die Behandlung an ihm vornehmen; denn er besitzt die meiste Kraft dazu. Ich werde zum voraus dem Zinka Meine Hände auflegen, auf daß er desto mehr Kraft gewinne und ihm die Behandlung besser gelinge.“

9. Zinka aber, der stets, um ja keine Silbe zu verlieren, um Mich war, trat hervor und sagte: „Herr, wie werde ich solches wohl vermögen, da ich mit der Form der Behandlung viel zuwenig vertraut bin?“

10. Sage Ich: „Lege die rechte Hand auf die Stirne und die linke auf die Magengrube, und er wird sobald in den besprochenen Schlaf versinken und auch alsbald zu reden anfangen, doch mit schwächerer Stimme als im Naturzustande! Willst du ihn dann wieder erwecken, so brauchst du bloß deine Hände in verkehrter Ordnung aufzulegen, etliche Augenblicke lang anhaltend. Gleich aber, wie er erwachen wird, ziehst du deine Hände zurück, und die Behandlung ist zu Ende!“

11. Zinka ist nun mit allem einverstanden und ist auch voll des festesten Glaubens, daß ihm alles also gelingen werde, und erwartet nun selbst sehnsüchtig seinen Mann, – fragt Mich aber dennoch, ob er die Behandlung sogleich bei dessen Ankunft vornehmen oder eines Winkes harren soll.

12. Sage Ich: „Ich werde es dir schon andeuten, wann da etwas zu geschehen hat. Vorher müsset ihr ja doch seine Dummheit und Roheit kennenlernen, das heißt, den bedeutenden Krankheitszustand seiner Seele. Wird er darin von euch hinreichend erkannt sein, so ist es dann erst an der Zeit, seine Seele im gesunden Zustande zu betrachten und daraus zu erkennen, daß von euch Menschen kein noch so verworfen scheinender Mensch zu richten und ins volle Verderben zu verdammen ist, dieweil eine jede Seele noch einen gesunden Lebenskeim in sich birgt. – Aber bereitet euch und sehet euch vor; er wird nun sogleich da sein!“

43. Kapitel. Der abgebrannte Bürger Zorel bittet um Schadenersatz.

1. Als Ich solches kaum ausgesprochen hatte, kommt unser Mann, der Zorel hieß, mit einem sehr zerstörten Ansehen, in halbverbrannte Lumpen gehüllt und einen bedeutenden Lärm schlagend.

2. Ich bedeute dem Julius, daß er hingehe und ihn frage, was er wolle, und was er hier am Nachmittage suche. Und Julius geht ganz ernsten Gesichtes hin und tut, was Ich ihm geraten habe.

3. Und Zorel stellt sich und sagt mit fester Stimme: „Ich bin ein ganz abgebrannter Bürger aus der Stadt und habe erst heute erfahren, daß sich der große Cyrenius hier befindet, um den bei dem Brande Verunglückten zu helfen durch reiche Mittel. Ich faßte denn auch Mut und kam hierher, um fürs erste zu sehen, ob Cyrenius wohl hier sei, und ob er wirklich zum Troste der Verunglückten etwas tue. Tut er etwas nach der edlen Römer Sitte, so werde auch ich meinen Weg sicher nicht umsonst gemacht haben; tut er aber aus was immer für einem Grunde nichts, na, so wird er im Nichtstun mit mir sicher keine Ausnahme machen! Sage mir darum, du edler Römer, ob Cyrenius hier ist, und ob er wohl also, wie ich's vernommen habe, Wohltaten ausübt, auf daß ich zu ihm gehe und ihn darum anflehe!“

4. Sagt Julius: „Ja, er ist hier und übt bedeutende Wohltaten aus, – aber nur an solche, die ihm eines vollkommen unbescholtenen Rufes bekannt sind! Ist bei dir das auch sicher der Fall, so wirst du nicht leer nach Hause zurückkehren! Drüben an jenem langen Tische, den die hohen Zypressen und Zedern beschatten, sitzt er nun und gibt Audienzen nach allen Seiten. Gehe hin und stelle dich ihm vor! Aber nimm dich nur fest zusammen; denn er ist so scharfsichtig wie ein Aar und hat den Charakter eines Menschen oft auf den ersten Blick heraus! Was er erkennt, ist soviel als eine beeidete Wahrheit, und wehe dem, der ihm etwas widerspricht! Er ist niemals kritischer, als wenn er Wohltaten austeilt!“

5. Zorel denkt auf diese Vorrede stark nach, was er bei so bewandten Umständen tun solle. Nach einer kleinen Weile aber entschließt er sich, doch zum Cyrenius hinzuhinken, – was eigentlich eine dumme Verstellung von ihm ist. Beim Cyrenius angelangt, macht er drei Verbeugungen, sich bis zur Erde mit dem Kopfe duckend. Als er mit dem dritten Ducker zu Ende ist, sagt er mit einer bebend kreischenden Stimme: „Hoher Herr und allergestrengster Gebieter! Ich, Zorel, gewesener Kleinbürger aus dem abgebrannten Cäsarea Philippi, bitte Eure allerhöchste römische Gestrengheit, mir armem Faune von einem verunglückten Menschen zu helfen mit etwas wenigen, selbst ordinärsten Geldes und mit etwas Kleidung, weil ich nichts denn diese Lumpen besitze.

6. Ich war der redliche Besitzer einer kleinen Hütte mit einem Grundanteile von zwei Morgen mageren Ackergrundes. Ich hatte auch ein Weib, das mir die Götter vor zwei Jahren sicher sogleich ins Elysium aufgenommen haben. Kinder hatte ich keine, wohl aber eine Magd, mit der ich noch lebe, aber auch ohne Kinder. Mein beweglicher Besitz bestand in zwei Schafen, einer Ziege und einem Esel, und in einigen schlechten Ackergerätschaften und etwas Kleidung. Alles ward, während ich mit dem Löschen anderer Häuser beschäftigt war, ein Raub der Flammen.

7. Ich bin nun, wie Hunderte mit mir, ein vollkommener Bettler; selbst meine Magd, die meine einzige Lebensstütze war, verließ mich, weil ich ihr nichts mehr geben konnte, – was ihr aber gemerket bleiben wird! Denn sollte ich das außerordentliche Glück haben, wieder zu einer Hütte und zu einem anderartigen Besitztume zu kommen, so soll sie mir nur kommen und ich werde der Losen schon den Weg vom Hause zu weisen verstehen!

8. Überhaupt werde ich in der Folgezeit meines Lebens alles, was Weib heißt, fliehen und verachten; denn es ist kein Weib etwas wert! Man sagt zwar, daß ich ein dummes Vieh sei und gar nicht verstehe, mit einem Weibe umzugehen, und mein Weib sei mir aus Gram gestorben! Wenn das der Fall gewesen wäre, da hätte ich nicht nahe ein Jahr um sie getrauert, und meine Magd wäre nicht bis zu meinem Unglücke recht gerne bei mir geblieben, obschon ich ihr keinen großen Lohn geben konnte.

9. Es ist überhaupt eine ordentliche Schande, daß auch der Mann von einem Weibe geboren sein muß; mitunter wäre es nun schon beinahe ehrsamer, so meine Leibesmutter eine Bärin gewesen wäre!

10. Wenn die Götter alles weise eingerichtet haben, so haben sie sich mit den Weibern doch eine große Blöße gegeben, die ihnen durchaus zu keiner Ehre gereicht! Aber es geschieht dem Zeus vollkommen recht, wenn ihm die Juno alle Augenblicke ein böses Wetter macht! Überhaupt scheint die ganze Götterschaft noch nicht recht ausgebacken zu sein; sonst könnte sie unmöglich mitunter so recht untermenschlich blitzdumme Streiche machen!

11. Ich bin zwar ein gläubiger Mensch und ehre die Götter wegen mancher weisen Einrichtung der Welt; aber wo sie manchmal vor Dummheit ordentlich stinken, da bin ich kein Freund von ihnen. Wäre unsere Stadt etwa abgebrannt, wenn Apollo nicht irgend wieder einen dummen Streich begangen hätte?! Er hatte sich – wie auch unsere weisen Priester allerfestest behaupten – in irgendeine so recht feinfleischige Erdnymphe vergafft, vielleicht ihr gar einen schmutzigen Besuch gemacht, ließ unterdessen den Himmelswagen mit den mutigen Rossen allein stehen, und die Juno oder die Diana haben ihm unterdessen einen Schabernack gespielt, und wir armen Faune müssen dafür das schöne Götterbad bezahlen!

12. Daß dann und wann ein Mensch schwach wird, gewöhnlich aus Mangel an hinreichenden Erfahrungen, das ist begreiflich. Was kann das schwache Rohr dafür, so es von den Winden hin und her gewehet wird?! Aber wenn die gewaltigen Zedern, als Symbole unserer lieben Götter, sich auch von den elenden Erdwinden gleich einem Rohre nach allen Richtungen, sogar nach den schmutzigsten manchmal, biegen und beugen lassen, so ist das unbegreiflich, und ein nur ein wenig nüchtern denkender Mensch muß so etwas ja notwendig für sehr dumm ansehen!

13. Gott hin oder Gott her! Handelt er weise, wie es sich für einen Gott ziemt, so ist er aller Verehrung wert; handelt er aber mitunter auch so wie ein sterblicher Mensch schwach, und wir armen Menschen kommen unverdientermaßen durch einen leichtsinnigen Götterstreich zu Schaden, so ist das auch von einem Gotte dumm, und ich kann ihn darum nicht ehren und preisen.

14. Du, hoher Gebieter und eigentlich selbst so ein bißchen etwas von einem Halbgotte, wirst nun doch einsehen, daß an meinem Unglücke rein die Götter schuld waren – und namentlich der verliebte Apollo!? Ich flehe darum zu dir, mir den Schaden zu ersetzen!“

44. Kapitel. Zorels Eigentumsbegriff.

1. Sagt Cyrenius: „Wieviel wünschest du denn hernach, daß ich dir gäbe?“

2. Sagt Zorel: „Nicht gar zuwenig, aber auch nicht gar zuviel; wenn ich nur das Eingebüßte wiederherstellen kann, so bin ich dann schon gedeckt!“

3. Sagt Cyrenius: „Kennst du auch Roms Gesetze, die den Völkern zum Schutze ihres erworbenen Eigentums gegeben wurden?“

4. Sagt Zorel: „O ja, – nicht alle zwar wie irgendein Rechtsgelehrter, aber etwelche kenne ich dennoch! Gegen die mir bekannten habe ich mich noch niemals versündigt. Eine Sünde gegen unbekannte Gesetze aber ist ohnehin eine Null!

5. Übrigens bin ich ein Grieche, und wir Griechen haben es mit den Gesetzen übers streng geschiedene Mein und Dein noch nie gar zu ernst und genau genommen, weil wir mehr für den Gemein- als für den Sonderbesitz eingenommen sind. Denn Gemeinbesitz erzeugt Freundlichkeit, Brüderlichkeit, wahre und dauernde Ehrlichkeit und Herrschlosigkeit unter den Menschen, was sicher eine sehr gute Sache ist! Der Sonderbesitz aber erzeugt stets Habgier, Neid, Geiz, Armut, Dieberei, Raub, Mord und die großartigste Herrschsucht, aus der am Ende alle Erdenqualen wie aus einer Pandorabüchse für die Menschheit hervorgehen!

6. Wenn es keine übertrieben scharfen Gesetze zugunsten des Sonderbesitzes gäbe, so gäbe es auch um vieles weniger Diebereien und allerlei Betrügereien. Ich sage und behaupte es, daß die Sonderbesitzschutzgesetze der gut gedüngte Acker sind, auf dem alle erdenklichen Laster gedeihen und zur Reife kommen, während im Gemeinbesitze weder ein Neid, eine Habgier, eine Scheelsucht, ein Leumund, ein Betrug, ein Diebstahl, Raub, Mord, noch irgendein Krieg und anderes Elend je Platz greifen können!

7. Weil ich aber die Gesetze zum Schutze des Sonderbesitzes stets als einen Greuel der Verwüstung fürs freundliche und brüderliche Zusammenleben allzeit erkannt habe und noch gleichfort erkenne, so habe ich mir – in kleinen Dingen wenigstens – nie ein besonderes Gewissen gemacht, so ich sie mir auf einem illegalen Wege habe verschaffen können; hatte sich aber jemand bei mir auf demselben Wege etwas ausgeborgt, so ist er von mir darum sicher nie verfolgt worden.

8. Meine Hütte und mein Acker sind legal mein; na, – mit dem, was sich darin als Bewegliches meines Besitztumes befand, da habe ich es aus den angeführten wahren Gründen niemals gar zu genau genommen, weil ich ein Spartaner bin. Wer Sparta und dessen alte und weiseste Gesetze kennt, dem wird es klar sein, warum ich mir aus einem kleinen sogenannten Diebstahle nie ein besonderes Gewissen gemacht habe. Die beiden Schafe, eine Ziege und mein Esel waren zwar kein gekauftes, aber eben auch nicht zu sehr gestohlenes Gut meines Besitzes; denn ich habe sie im Walde soviel wie wild weidend gefunden, zwar nicht auf einmal, aber dennoch so nach und nach. Der Besitzer jener großen Waldweiden ist auch Besitzer vieler Tausende von derlei Tieren. Den schmerzte der kleine Verlust sicher nicht, – und mir kam er äußerst gut und dienlich zustatten!

9. Damit habe ich mich an den römischen Besitzschutzgesetzen sicher nicht gar zu gewaltig versündigt, zumal ich die angeführten Tiere im großen stundenlangen und -breiten Walde als einzeln herumirrend und als für ihren legalen Besitzer ohnehin verloren aufgefunden habe! Die Nachlese ist sogar bei den Juden erlaubt, die dafür vom höchsten Gott Selbst ein Gesetz zu haben vorgeben. Warum soll sie dann bei uns Römern ein Verbrechen sein?!

10. Nur mit dem Schwerte in den Händen der Erdmächtigen, also durch die wilde Bären- und Löwengewalt, läßt sich solch ein widersinniges Sonderbesitzschutzgesetz verteidigen, mit der Vernunft niemals! Und sollten alle zehntausend Götter dafür sein, so bin ich dawider, solange ich leben werde mit der Fähigkeit, so rein zu denken, wie ich jetzt und allzeit gedacht habe!

11. Du, hoher Gebieter, hast wohl des Schwertes Gewalt und kannst mich armen Faun züchtigen nach deinem Wohlgefallen, aber die geraden Linien meiner Lebensgrundsätze wirst du mit allen Waffen Roms nimmer krummzubiegen imstande sein; hast du aber etwa andere und triftigere Vernunftgründe für streng legalen Besitz, so will ich sie anhören und meine künftige Lebensweise danach einrichten!“

45. Kapitel. Zorel muß die Wahrheit hören.

1. Sagt Cyrenius, große Augen machend, etwas geheim zu Mir: „Herr! Du hast mir ehedem die Vorbemerkung gemacht, daß der Mensch so recht dumm und arg sei, und nun redet der Mensch so in aller Ordnung als einer der ersten heidnischen Advokaten! Er hat zwar vom Judentume wenig angenommen, aber in unseren Gesetzen und in denen des alten Griechenreiches ist er so gut bewandert wie unsereiner, und es läßt sich ihm durchaus nicht viel einwenden! Ich wartete nun auf eine so recht armdicke Dummheit; aber vergebens, – er wird nur stets heller und verteidigt seinen Diebstahl auf eine Weise, gegen die sich nahe gar nichts einwenden läßt! Was wird sich denn bei so bewandten Aussichten mit ihm machen lassen?“

2. Sage Ich: „Laß das nur gut sein; er selbst wird alles, was er nun nach seiner arg dummen Idee für völlig vernünftig recht findet, auf eine schlagende Weise widerlegen! Prüfe ihn aber nun nur noch weiter; denn Mir liegt es sehr daran, daß ihr des menschlich sogenannten Mutterwitzes Gründe von denen des Verstandes so recht klar und helle würdet unterscheiden lernen!“

3. Sagt Cyrenius: „Na, da bin ich denn doch neugierig im höchsten Grade, was am Ende da herauskommen wird!“

4. Sagt Zorel, fragend: „Hoher Gebieter Roms! Was habe ich zu erwarten, und was zu gewärtigen? Bist du meiner Ansicht, oder soll ich der deinigen werden, die du aber freilich noch nicht ausgesprochen hast?“

5. Sagt Cyrenius: „Bis dahin, daß ich deinem Wunsche willfahren werde oder auch nicht willfahren werde, werden wir noch einiges miteinander zum Besprechen bekommen! Du scheinst mir ein mutterwitziger Kauz zu sein, und deine Ehrlichkeit scheint nicht weit her zu sein! Ob du die besprochenen vier Tiere gerade als schon für ihren legalen Besitzer sowieso verloren im großen Walde herumirrend oder vielleicht doch irgendwo anderwärts gefunden hast, und ob du auch deine andern Hausgerätschaften bloß nur gefunden hast, das lassen wir vorderhand dahingestellt sein. Aber ich sage dir nun etwas anderes, und das besteht darin, daß es nun hier in meiner Gesellschaft, wie in andern Orten, so hellsehende Menschen gibt, die bereits tausend Beweise von ihrer hellsehenden Fähigkeit abgelegt haben, und daß ich ihrer höchst nüchternen Aussage einen solchen Glauben beilege, daß derselbe durch hunderttausend Gegenbeweise nicht entkräftet werden kann!

6. Sieh, ein solcher Mann sagte mir, als du noch kaum die Stadt kannst verlassen haben, daß du kommen werdest, und was du von mir verlangen würdest. Ich wußte schon, bevor ich dich ersah, daß dir das Unglück begegnet ist. Du hättest es auch leicht verhüten können, so du daheim geblieben wärest; aber deine illegalen Begriffe vom schutzrechtlichen Besitze trieben dich in die Straßen der brennenden Stadt, um dir irgendwo wieder etwas auf illegalen Wegen zu eigen zu machen. Unterdessen fing deine Strohhütte Feuer, und dieses verzehrte dir schnell deine illegalen Besitztümer. Daß dich bei dieser Gelegenheit deine Magd im Kote stecken ließ, ist begreiflich, weil sie dich kennt und weiß, daß du ein Mensch bist, dem bei einer solchen Gelegenheit durchaus nicht zu trauen ist.

7. Denn so sehr du bei andern gegen den legalen Sonderbesitz bist, so willst du solchen aber in deinem Hause doch äußerst ungestört und völlig gesichert haben! Nun, das Feuer hat deinen Besitz aber illegal verzehrt, und du kannst das Element nicht zur strengsten Verantwortung ziehen, weil dir das sicher keine Rede und Antwort geben würde; aber deine Magd hättest du auf das härteste hergenommen, und sie hätte dir unter allerlei Mißhandlungen den Schaden auf Leben und Tod ersetzen müssen, weil du fest behauptet haben würdest, daß das Feuer nur durch ihre Fahrlässigkeit dir alles verzehrt hätte.

8. Sieh, das und noch anderes sagten solche Menschen über dich zum voraus aus, denen ich mehr als allen Göttern Roms und Athens den vollsten Glauben schenke! Aber in unseren Gesetzen steht ein Spruch, der also lautet: AUDIATUR ET ALTERA PARS! Und demzufolge kannst du mir einen Gegenbeweis liefern. Wende zu deiner Rechtfertigung ein, was du weißt und kannst; von mir wird alles mit der größten Geduld angehört werden!“

46. Kapitel. Zorel bittet um freien Abzug.

1. Sagt etwas nachdenkend Zorel: „Hoher Gebieter! Wenn du schon im voraus behauptest, einem deiner erprobtesten Wahrsager mehr Glauben zu schenken als hunderttausend andern Zeugen, da möchte ich denn doch wissen, wozu da eine in jedem Falle wahnwitzige Entgegnung von meiner Seite gut wäre! Gegen deinen auf was immer für Gründe basierten unwandelbaren Glauben läßt sich unmöglich mehr irgendein Gegenbeweis liefern. Zudem hast du die große Gewalt in deinen Händen! Wer könnte da mit dir zu rechten anfangen?!

2. Was nützt es mir, wenn ich dir auch allerfestest sage, daß es dennoch nicht also sei? Du wirst mir den Wahrsager vorstellen, der mir das, was du mir schon gesagt hast, noch einmal ins Gesicht sagen wird, und ich sitze dann mit meiner Gegenrede so recht in der Pfütze aller Pfützen. Kurz, mit deinem Über- hunderttausend-Menschen-Glauben ist nichts Weiteres mehr zu machen, als ihn dir ganz gutmütig gelten zu lassen; denn du wirst dem Wahrsager dennoch mehr glauben als den hunderttausend von mir dir entgegengestellten Beweisen! Ich rede bei solch einer Vorbehauptung nichts anderes mehr als: Hoher Gebieter, vergib es mir, daß ich mich dir genähert habe!

3. Übrigens bleibe ich denn doch bei meinem Grundsatze stehen, daß ein durch scharf sanktionierte Gesetze geschützter Sonderbesitz um tausend Male schlechter ist für die Menschengesellschaft als ein freier Kommunalbesitz! Meine Gründe habe ich gegen diese echte Büchse der Pandora bereits an den Tag gelegt und brauche sie sonach nicht mehr zu wiederholen. Nur das setze ich nun dazu, daß ich in der Folge ob des leidigen Muß der äußern, rohen Gewalt die Praxis meines Grundsatzes werde fahren lassen!

4. Ich sehe zwar in den Besitzschutzgesetzen kein Heil für die arme Menschheit, und im Grunde die größte Vernunftwidrigkeit; aber was kann ein einzelner, in die elendesten Lumpen gehüllter Mensch gegen hunderttausendmal Hunderttausende?! Es mögen schon durch den legalen Besitz irgend im Kommunalbesitze vorkommende Übelchen hintangehalten werden auf Grund dessen, daß jedes Schlechte auch irgend etwas Gutes mit sich bringt; aber die Hintanhaltung der Kleinübelchen steht in gar keinem Verhältnisse zu den Greueln, die aus dem unterminierten Sonderbesitze entstehen und entstehen müssen!

5. Ich habe somit ausgeredet. Etwas Gutes zu gewärtigen habe ich bei obwaltenden Umständen durchaus nicht, und so wird es besser sein, mich mit deiner gnädigen Genehmigung wieder aus dem Staube zu machen. Aber natürlich nur mit deiner Genehmigung! Denn laut den – die Götter wissen es, wie wahr aussehenden Aussagen wider mich, mit denen du von deinen Wahrsagern voll sein wirst, stehe ich als ein Verbrecher vor dir; und diese müssen ja zuvor gestraft sein, ehe sie wieder freigelassen werden. Das Gesetz muß zuvor mit dem Blute eines armen Fauns gesättigt werden, bevor ihm die Freiheit wieder erteilt wird!

6. Stehe ich als ein nach deinen Begriffen strafbarer Verbrecher vor dir, so strafe mich sogleich, und gib mir dann die Freiheit wieder – oder den Tod! Mir ist es nun einerlei, denn ich stehe nun vollkommen wehrlos vor dir; ihr Römer aber seid und bleibet trockene Gesetzesritter, und niemanden schützt seine Vernunft und seine Not vor der Rache eurer Gesetze! Sage, hoher Gebieter, darf ich, wie ich gekommen, wieder abziehen, oder muß ich hier einer über mich zu verhängenden Strafe wegen verweilen?“

47. Kapitel. Die vorbereitenden Bedingungen zur somnambulen Behandlung.

1. Sagt Cyrenius in einem zwar ernsten, aber doch menschlich sanften Tone: „Fortziehen darfst du nicht, aber wegen einer zu erwartenden Strafe auch nicht hier verweilen, sondern allein um deines Heiles willen! Am Strafen der Sünder haben wir Römer noch nie ein Vergnügen gehabt, sondern nur an ihrer wahren und vollkommenen Besserung. Kann diese ohne die scharfe Zuchtrute erzielt werden, so ist uns das allzeit um vieles lieber! Die Zuchtrute nehmen wir erst dann zur Hand, wenn alle andern Mittel nichts nützen. So wird auch niemand wegen einer einmaligen Sünde gegen das bestehende heilsame Gesetz zur strengsten Verantwortung gezogen; das geschieht erst dann, so er zum wiederholten Male dieselbe Sünde begangen hat, entweder aus zu großem Leichtsinn oder gar aus dem allerverderblichsten Mutwillen. Wer da immer mutwillig wiederholt eine Sünde begeht, der muß auch mutwillig bestraft werden!

2. Nun, du hast nach deinen alten spartanischen Grundsätzen nur aus Not gesündigt und stehst nun zum ersten Male vor einem Richter! Aus diesem Grunde allein wirst du auch nicht verflucht und gerichtet werden; aber du mußt nun hier dein Arges und Dummes erkennen und ablegen! Deine sehr kranke Seele wird geheilt werden, und du mußt den Segen der weisen Gesetze einsehen und sodann erst fest danach zu handeln anfangen, so wirst du dann erst von hier als ein ganz Freigewordener heimziehen und selbst eine große Freude haben darum, weil du ein wahrhaft reiner und freier Mensch sein wirst.

3. Damit aber solch eine Heilung bezweckt werden kann, so wird ein reiner und physisch und geistig kräftiger Mann aus unserer Gesellschaft dir seine heilbringenden Hände auf dein Haupt und auf deine Brust legen; und solch eine überzarte Behandlung wird bei dir erst jene in dir selbst schlummernden Begriffe erwecken und beleben, aus denen heraus du dann erst das Heil der geordneten und scharf sanktionierten Gesetze Roms erkennen und dich selbst darüber freuen wirst! – Bist du damit einverstanden?“

4. Sagt Zorel, etwas heiterer denn zuvor: „Hoher Herr und erhabenster Gebieter! Ich bin schon mit allem einverstanden, was da nicht Schläge, Enthauptung oder gar Kreuzigung heißt! Ob mich aber solch eine Behandlung zu besseren und vernünftigeren Grundsätzen bringen wird, dafür stehe ich nicht völlig gut; denn ein bejahrter Baum läßt sich nicht mehr gar leichtlich biegen! Aber an der Möglichkeit will ich gerade eben auch nicht gänzlich zweifeln! – Wo aber ist der Mann, der mir seine kräftigen Hände auflegen wird?“

5. Cyrenius fragt Mich seitwärts, ob es nun an der Zeit wäre.

6. Sage Ich: „Noch eine kleine Geduld; lasse nun der Seele noch eine kleine Verdauungsfrist! Der Mensch ist nun voll aufgeregter Gedanken und würde nicht gut in den verzückenden Schlaf zu bringen sein; auch Zinka darf nicht eher als der dazu Gewählte ihm gezeigt werden, als bis es an der vollends rechten Zeit sein wird! Ich werde euch dazu schon den Wink geben.“

7. Nach solchen Meinen Worten und nach solcher Meiner Bestimmung verhält sich alles eine Zeitlang still, und unser Zinka harret mit einer ängstlichen Freude auf Meinen Wink zur Behandlung des Zorel. Dieser aber faßt nun allerlei Gedanken, was man etwa doch im Ernste Gutes, möglich nach seiner Idee aber auch Arges mit ihm vornehmen könnte. Aber er durchmustert unsere Gesichter und sagt dann bei sich selbst: ,Nein, aus diesen Menschen leuchtet keine Hinterlist; denen kann man sich anvertrauen! Diese können nur Gutes, nie aber etwas Arges tun!‘

8. Nun, diese Vorbereitung aus sich selbst heraus war vor der vorzunehmenden Behandlung notwendig, ohne welche das Auflegen der Hände von seiten unseres Zinka eine fruchtlose Mühe geblieben wäre. Denn bei diesen Behandlungen muß der zu Behandelnde selbst in ein gewisses Glaubens- und Vertrauensstadium gesetzt werden, ohne das es nicht leicht möglich wäre, ihn mit aller menschlich möglichen, wenn noch so überflutenden Seelensubstanzialkraft in den heilsamen Verzückungsschlaf zu bringen.

9. Ah, ganz was anderes ist es dann bei vollkommen aus dem Geiste und im Geiste wiedergeborenen Menschen! Diese bedürfen so wie Ich nur ihres erregten Willens, – und der Akt der Heilung ist vollbracht! Aber bei noch nicht voll wiedergeborenen, einen Kranken also behandelnden Menschen muß auch die Erweckung und Belebung des zu behandelnden Menschen vorausgehen, ansonst – wie bemerkt – die ganze Behandlung eine vergebliche Mühe und Arbeit wäre.

10. Nun ist unser Zorel reif, und Ich gebe nun sogleich dem Zinka den bekannten Wink, dem Zorel die Hände aufzulegen.

48. Kapitel. Selbsterkenntnis des Zorel.

1. Ich winke nun dem Zinka, und er tritt sogleich zum Zorel hin und sagt: „Bruder, also will es der Herr, der allmächtig und voll Erbarmung, Güte und Liebe und Weisheit ist, daß ich dich allein durch die Auflegung meiner lebenskräftigen Hände heilen soll. Fürchte nichts, sondern vertraue und werde dann ein anderer Mensch, und es soll dir darauf nichts vorenthalten werden, was dir nur irgend leiblich und geistig zum wahren Heile gereichen kann! Willst du, und vertraust du mir, deinem wahren Freunde und Bruder, so lasse es mir, daß ich dir meine Hände auflege!“

2. Sagt Zorel: „Freund, mit der treuen Sprache kannst du mich in den Tartarus schicken, und ich werde gehen! Daher lege du immerhin deine wahren Bruderhände auf mich, wo und wie du sie legen willst, und ich werde mich dir nicht widrig entgegenstellen!“

3. Sagt Zinka: „Nun wohl denn, – so setze dich denn auf diese Bank, und ich will dich von der Kraft Gottes durchströmen lassen!“

4. Sagt Zorel: „Welches Gottes denn? Etwa gar des Zeus, Apollo, Mars, Merkur oder des Vulkan, Pluto oder Neptun? Ich bitte dich, laß mir nur den Pluto aus dem Spiele; denn von dessen orkanischer Kraft möchte ich wahrlich nicht durchdrungen sein!“

5. Sagt Zinka: „Laß die Götter, die da nirgends als nur in der Phantasie der lange Zeiten blinden Menschen existieren! Es gibt nur einen wahren Gott, und das ist der euch unbekannte große Gott, dem ihr Heiden zwar auch allenthalben einen Tempel erbauet, Ihn aber bisher noch nie erkannt habt. Nun aber ist die Zeit herangekommen, daß ihr auch diesen allein wahren Gott werdet kennen lernen! Und siehe, von dieses Gottes Gnade und Kraft sollst du nun zu deinem Heile durchströmt werden, so ich dir meine Hände auflegen werde!“

6. Sagt Zorel: „Ah, wenn also, dann lege mir deine Hände nur sogleich auf nach der Weise, die dir bestens bekannt sein wird!“

7. Hier legt Zinka dem Zorel in der vorbeschriebenen Weise die Hände auf, und sogleich verfällt Zorel in den Verzückungsschlaf.

8. Nach einer Zeit von einer starken Viertelstunde fängt Zorel, sonst fest schlafend mit stark zugeschlossenen Augen also zu reden an: „O Gott, o Gott, was bin ich doch für ein gar elender und schlechter Mensch, und was für ein ehrlicher und biederer Mensch könnte ich sein, wenn ich's nur sein wollte; aber darin liegt eben der Fluch der Sünde und der Lüge und des Hochmuts, welche beiden die eigentliche Grundsünde sind, daß sie sich selbst stets wieder von neuem zeuget und vermehret wie das Gras auf der Erde und der Sand im Meere!

9. O Gott! Ich habe so viele Sünden und Makel an meiner Seele, daß ich vor lauter Sünden meine Haut nicht sehe; ja, wie in einem dicksten Rauche und Nebel stecke ich nun in meiner zahllosen Sünden Wucht!

10. O Gott, o Gott, wer wird mich je von meinen Sünden frei zu machen imstande sein?! Ich bin ein Hauptdieb, ich bin ein Lügner, und so ich lüge, da lüge ich noch immer neu hinzu, um durch eine neue Lüge die alte zu bekräftigen und sie als irgendeine Wahrheit geltend zu machen. O ich abscheulicher Lügenhund ich! Alles, was ich habe, habe ich nur durch Lüge und Betrug und durch geheimen und offenen Diebstahl an mich gebracht!

11. Freilich wohl hielt ich das alles in meiner großen Blindheit für keine Sünde, aber ich hatte auch oft die Gelegenheit, mich von der Wahrheit überzeugen zu lassen. Aber ich wollte mich nicht überzeugen lassen! Ich schob immer Sparta und Lykurg vor und verachtete stets Roms weise Gerechtigkeitsgesetze! Oh, ich gar zu gemein schlechter Lump ich!

12. Na, das einzige nur tröstet mich, daß ich noch niemanden ermordet habe; aber es hätte nicht viel gefehlt! Wäre meine Magd nicht vorher durchgegangen, als ich nach Hause kam, so wäre sie ein trauriges Opfer meiner teufelsargen Wut geworden!

13. Oh, ich bin ein gar scheußliches Ungeheuer! Ich bin ärger denn ein Bär, ärger denn ein Löwe, ärger denn ein Tiger, ärger denn eine Hyäne, viel ärger denn ein Wolf, und um vieles ärger denn eine wilde Sau! Denn ich bin auch schlau wie ein Fuchs, und das stempelt mich zu einem wahren vermummten Teufel!

14. Oh, ich bin sehr krank an meiner Seele, und du, Bruder Zinka, wirst mich schwer oder gar nicht heilen!

15. Es wird nun wohl etwas heller in mir, und der gar dicke Rauch und die gar dichten Nebel um mich schwinden! Sieh, sie werden dünner, und es kommt mir vor, daß ich leichter atme; aber in dieser größern Helle sehe ich erst so recht meine wahre Ungestalt, voll von allerlei Aussatz, voll von Beulen und eklichen Geschwülsten! Ach, ach, meine Gestalt ist ein wahres Scheusal! Wo ist der Arzt, der mich heilete?! Mein schlechter Leib ist wohl gesund; aber es läge nichts an dem schlechten Leibe, wenn nur ich, Seele, gesund wäre!

16. O Gott, könnte jemand meine Seele schauen, er würde sich entsetzen vor ihrer zu großen Häßlichkeit! Je heller es um mich wird, desto scheußlicher nimmt sich meine Seele aus! Bruder Zinka, gibt es denn kein Mittel, durch das meine Seele ein nur etwas besseres Aussehen bekommen könnte?!“

49. Kapitel. Die Seele des Somnambulen reinigt sich.

1. Hier fängt Zorel an zu seufzen in seinem Schlafe, und einige meinen, daß er nun erwachen werde.

2. Ich aber sage zu ihnen allen: „O mitnichten! Das war nun nur das erste Stadium seines Schlafes; er wird noch über eine Stunde lang schlafen und bald wieder, in einem andern und höheren Stadium seines Seelenlebens zu reden anfangen. Dieses Stadium bestand in dem Sichloswinden der Seele von ihren fleischlichen und weltsinnlichen Leidenschaften, die er als lauter Krankheiten am Formleibe seiner Seele sehen und gegen die er von tiefstem Abscheu ergriffen werden mußte. Für solche Seelenübel aber gibt es keine andere Arznei, als zuerst die Erkenntnis derselben, dann ihre tiefste Verabscheuung und endlich den festen Willen, ihrer ehestmöglich vollends los zu werden. Ist der Wille einmal da, so geht es dann leicht mit der Heilung vorwärts.

3. Gebet nun nur acht, er wird gleich wieder zu reden beginnen! So er dich, Freund Zinka, wieder um etwas fragt, so antworte du ihm nun bloß nur mit den Gedanken, und er wird dich hören und ganz wohl verstehen!“

4. Als Ich dem Zinka solch eine Weisung noch kaum gegeben hatte, begann Zorel schon also zu reden und sagte: „Siehe, ich weinte über mein großes Elend! Aus den Tränen entstand ein Teich wie Siloah in Jerusalem; und ich bade mich nun in diesem Teiche, und siehe, dieses Teiches Wasser heilt die vielen Wunden, Geschwüre und Beulen am Leibe meiner Seele! Ah, ah, das ist ein wahres Heilbad! Die Masen (Narben) sehe ich nun wohl noch, aber die Wunden, Beulen und Geschwüre sind verschwunden vom Leibe meiner gar so armen Seele. Aber wie war das möglich, daß sich sichtlich aus meinen Tränen ein ganzer Teich gebildet hat?

5. Den Teich umgibt eine recht herrliche Gegend; es ist das die Gegend des Trostes und einer lieblichen Hoffnung. Es kommt mir auch in meinem Gefühle so vor, als dürfte ich auf eine volle Genesung hoffen. – Ah, gar so lieblich ist diese Gegend; da möchte ich immer bleiben! Das Wasser in meinem Teiche ist sehr klar nun, aber früher war es trübe; und je klarer es wird, desto heilsamer wirkt es auf mich ein!

6. Ah, jetzt merke ich aber auch, daß sich in mir etwas zu regen anfängt wie ein starker Wille, und hinter dem starken Willen merke ich etwas wie einen Worttrieb, und der redet laut: Ich will, ich muß, – ich muß, weil ich will! Wer kann in mir hemmen das, was ich will? Ich bin frei in meinem Willen; ich darf gar nicht wollen, was ich soll, sondern ich will, was ich selbst will! Was wahr und gut ist, das will ich, weil ich es selbst wollen will, und niemand kann mich dazu zwingen!

7. Ich erkenne nun die Wahrheit; sie ist ein göttliches Licht aus den Himmeln! Unsere Götter alle sind Schemen; nichts, gar nicht sind sie. Wer an sie glaubt, ist ärger denn ein wirklicher Narr; denn ein wirklicher Narr glaubt niemals an solch nichtigste Götter. Ich sehe die Götter nirgends, aber das göttliche Licht sehe und das göttliche Wort vernehme ich. Aber Gott Selbst kann ich nicht sehen; denn Er ist zu heilig für mich.

8. Aber nun ist mein Teichwasser schon zu einem See um mich herum geworden! Der See ist nicht tief; mir steht das Wasser nur bis an die Lenden. Und klar ist es, ganz ungeheuer klar; aber es gibt noch kein Fischlein darin! Ja, da werden aber auch nie Fischlein hineinkommen; denn die Fischlein rühren vom Gotteshauche her, und das ist gar ein allmächtiger Hauch! Ich bin nur eine sehr schwache Menschenseele, aus deren Hauche keine Fischlein Gottes werden.

9. Oh, da gehört viel dazu, da muß man sehr allmächtig sein, so man mit seinem Hauche Fischlein zeihen will! Oh, das kann ein Mensch nimmer; denn ein Mensch ist da viel zu schwach dazu! Ganz unmöglich wäre es wohl gerade nicht für den Menschen, aber da müßte er voll des göttlichen Willens und des göttlichen Geistes sein! Das ist für einen rechten Menschen zwar nichts Unmögliches; aber ich bin kein rechter Mensch, und darum ist das für mich dennoch rein unmöglich!

10. Aber rein ist das Wasser, und der Boden ist auch rein, lauter schönes Gras; 's ist wohl recht wunderbar: unterm Wasser ein so schönes, üppiges Gras! Und sieh, das Gras wächst zusehends und fängt an, das schöne Wasser zu verdrängen! Ja ja, die Hoffnung wird mächtiger als die Erkenntnisse und die sie begleitende Furcht!

11. Ah, ah, nun sehe ich einen Menschen am ziemlich fernen Ufer; der winkt mir! Ja, ich möchte wohl hin zu ihm, weiß aber nicht, wie tief allenthalben der See ist! Wenn dazwischen etwa sehr tiefe Stellen sich vorfänden, da könnte ich ja untergehen und wäre verloren!

12. Aber eine Stimme aus dem Wasser tönt: ,Ich bin durchweg gleich tief! Du kannst ohne Furcht und Scheu durch mich ziehen; gehe hin zu dem, der dich ruft, der dich führen und richten wird!‘ Das ist doch sonderbar; hier redet sogar das Wasser und das Gras! Nein, das ist noch nicht dagewesen!

13. Ich gehe nun zum Freunde am Ufer. Ein Freund muß er ja doch sein, sonst hätte er mir nicht gewinkt! Zinka, du bist es nicht, – das ist ein anderer! Dich sehe ich nun auch hinter ihm; aber du bist lange nicht so freundlich wie er! Wer er etwa doch sein mag? Aber ich schäme mich vor ihm sehr, weil ich ganz nackt bin. Mein Leib sieht nun zwar schon ganz gut aus; ich entdecke nun nahe keine Krankheitsspuren mehr an ihm. Oh, wenn ich doch nur ein Hemd hätte! Aber so bin ich ganz nackt wie ein Badender. Aber ich muß doch hin; sein Winken zieht mich gewaltig! Ich gehe nun, – und sieh, es geht sich recht gut!“

50. Kapitel. Die gereinigte Seele wird bekleidet.

1. Hier erfolgt eine Redepause des Zorel, und Zinka fragt: „Wie sieht er denn das alles, und wie geht er nun durch ein Wasser, und doch liegt er so unbeweglich da, als wäre er tot?!“

2. Sage Ich: „Seine Seele sieht nun nur ihre zum Bessern führenden Zustände; aus diesen formt sich im Gemüte der Seele eine eigene Welt, und das, was du hier eine Gedankenbewegung nennst, das erscheint im Seelenreich als eine Bewegung von einem Orte zum andern.

3. Der Teich, der aus seinen Tränen entstand, und dessen Wasser seine Seele heilte, stellt seine Reue über die begangenen Sünden vor, und das Bad darin bezeichnet eine rechte Buße, die aus der Reue entspringt. Das reine Wasser bezeichnet das gerechte Erkennen seiner Sünden und Gebrechen; und so der Teich zu einem See wird, so drückt dies das mächtigere Wollen aus, aus sich selbst gereinigt und geheilt zu werden. Das schöne Gras unter dem Wasser bezeichnet die Hoffnung auf die Erreichung der vollen Gesundheit und der höheren freien Gnade Gottes. Diese stellt sich bereits am noch etwas fernen Ufer erscheinlich auf; Ich selbst bin das im Geiste und im Willen. Die Bewegung zu Mir hin durch das Gewässer der wahren Reue und Buße aber bezeichnet in sich den Fortschritt der Seele zur wahren Besserung.

4. Das alles aber ist für seine Seele nur eine entsprechende Erscheinlichkeit, aus der die Seele ersieht, wie sie beschaffen ist und was zu ihrer Besserung sie in ihrem Gemüte vornimmt und tut, – freilich in diesem Zustande nur allein im Willen, ohne eine äußere, wirkliche Tätigkeit. Diese muß erst erfolgen, so er sich im wachen Zustande im vollen Verbande mit seinem Leibe befinden wird.

5. Nun wird er bald bei Mir sein und sogleich wieder zu reden beginnen. Gebet nur recht acht; alles, was er nun aussagt, hat Entsprechung mit seinem innern Seelenzustande! Es wird noch manches Verworrene zum Vorscheine kommen, bis er ins dritte Stadium, das ist in die zeitweilige Verbindung mit seinem reinen Lebenskeime treten wird.

6. Im dritten Stadium werdet ihr euch dann schon überzeugen, wie zusammenhängend und wie weise er da reden wird! Jetzt spricht nur seine für diesen Augenblick geläuterte Seele; im dritten Stadium aber wird sein Geist aus ihm sprechen! Und da werdet ihr gar keine Lücken mehr in ihm entdecken; da wird er eine Rede führen, bei der es euch allen warm ums Herz wird!

7. Nun kommt er schon ans Ufer und sagt: ,Ah, war aber das doch eine recht mühevolle Reise! Da bin ich nun bei dir, du edler Freund! Hast du kein Hemd bei dir? Sieh, ich schäme mich meiner Nacktheit ganz entsetzlich!‘

8. Sage Ich aus Meinem ihm nun sichtbaren Geiste und Willen: ,Steige heraus aus dem Wasser; nach deinen Werken wirst du bekleidet werden!‘

9. Sagt Zorels Seele: ,Freund, o rede nicht von meinen Werken; denn diese sind eitel schlecht und böse! Wenn ich danach ein Kleid bekomme, so wird es ganz entsetzlich schwarz und zerlumpt aussehen!‘

10. Sage Ich: ,Wenn das, so ist ja hier des Wassers genug, um es weiß zu waschen!‘

11. Sagt Zorel: ,O Freund, das hieße einen Mohren weiß waschen wollen! Das wird nicht gut gehen! Aber ein Kleid ist immer besser denn gar keines. Ich steige sonach aus dem Wasser!‘

12. Zu Meinen Füßen liegt eine Toga mit vielen Falten, aber sehr beschmutzt, obschon die Grundfarbe weißgrau ist, – eine Eigentümlichkeit der Heidenkleidungenfarbe im Geisterreiche. Er nimmt das Kleid und findet einen Ekel an dem Schmutze, was da ein gutes Zeichen ist. Aber er nimmt es dennoch, eilt aber damit schnell ins Wasser und fängt an, es zu rippeln und zu schwemmen und endlich auszubalgen.

13. Nun ist er fertig, und das Kleid ist rein. Da es aber noch feucht ist, getraut er sich nicht, es so recht mutig anzuziehen. Ich aber bedeute ihm, daß er es dennoch anziehen soll; er habe doch ehedem das Wasser nicht gescheut, wie solle er nun vor dem noch ein wenig feuchten Kleide eine Art Abscheu haben?! Nun sagt er – höret nur, denn solches wird er laut reden! –:“

14. Zorel: „Ist aber auch wahr! Früher hat mir der ganze See nichts gemacht, und nun sollte das feuchte Hemd mir etwas machen? Nur über den Leib damit! – Ah, wie das wohl tut!“

51. Kapitel. Der Leib der Seele.

1. Nun macht Zinka mit seinen Gedanken eine Frage und sagt: „Hat denn die Seele auch einen Leib?“

2. Diese Frage stellte Zinka, weil er selbst keinen Dunst von dem hatte, wie da eine Seele aussieht und beschaffen ist. Denn der gewöhnliche jüdische Begriff von der Seele war, daß sie sich solche als eine Art von einem dunstigen Nichts vorstellten und sagten: sie, die Seele, sei ein purer Geist, der einen Verstand und Willen, aber durchgehends weder eine Gestalt, noch weniger irgendeinen Leib habe.

3. Zinka machte darum große Augen, als Zorel ihm auf die Gedankenfrage zur Antwort gab: „Na freilich hat die Seele auch einen, zwar nur ätherischen Leib, – aber für die Seele ist ihr Leib ebenso vollkommen Leib, wie dem Fleische das Fleisch vollkommen Leib ist. Nichts fehlt dem Seelenleibe, was immer da innehat der fleischliche Leib. Du siehst solches mit deinen Fleischaugen freilich wohl nicht, aber ich kann das alles sehen, hören, empfinden, riechen und schmecken; denn auch die Seele hat dieselben Sinne, wie sie der Leib hat als Verkehrsmittel zwischen sich und seiner Seele.

4. Die Sinne des Leibes sind die Leitzügel in den Händen der Seele zur Beherrschung ihres Leibes für die Außenwelt. Hätte der Leib solche Sinne nicht, so wäre er gänzlich unbrauchbar und der Seele eine unerträgliche Last.

5. Denke dir nur einen Menschen, der völlig blind und taub wäre, nichts fühlte, weder Schmerz noch das Behagen der Gesundheit, und auch keinen Geruch und keinen Geschmack hätte; sage es dir selbst, ob der Seele mit solch einem Leibe in etwas gedient wäre! Müßte sie bei ihrem sonstigen vollsten und klarsten Bewußtsein nicht völlig verzweifeln?

6. Aber im gleichen Maße würden der Seele die schärfsten Sinne des Leibes nichts nützen, so sie nicht selbst in ihrem ätherischen Leibe ganz dieselben Sinne besäße! Weil aber auch die Seele dieselben Sinne besitzt wie der Leib, so nimmt sie denn auch leicht und bestimmt mit ihren feinen Sinnen wahr, was vorausgehend die Sinne des Leibes von der Außenwelt wahr- und aufgenommen haben. – Nun weißt du, wie die Seele auch eine leibliche Form ist.

7. Du weißt es zwar nun, da ich es dir gesagt habe, wie ich es nun schaue, fühle und wie körperlich empfinde; wenn ich aber wieder wach werde, dann wirst du das noch wissen, aber ich werde nichts davon wissen, weil ich das nun nur mit meinen feinen Seelensinnen sehe, fühle und empfinde – und nicht zugleich auch mit den Sinnen des Leibes.

8. Würde ich das alles nun auch mit den Sinnen des Leibes wahrnehmen, so würden diese auf meines Gehirnes Nerven und entsprechend auf die Lebensnerven des Fleischherzens gewisse Merkmale eingraben, und ich Seele würde sie dann in meinem Fleischleibe wiederfinden und sie durch und durch erkennen. Aber da ich nun nahe außer allem Verbande mit meinem Leibe frei dastehe und auf die Sinne meines Leibes nicht rück- und einwirken kann, so werde ich nach dem Wiedereintritte in meinen Leib von all dem gar nichts wissen, was ich nun sehe, höre und fühle und rede, und was alles nun mit mir vorgeht.

9. Es hat aber die Seele auch für sich gar wohl ein Erinnerungsvermögen und kann sich demzufolge an alles Kleinste und Unbedeutendste erinnern, was je mit ihr vor sich gegangen ist; aber nur in ihrem freien Zustande kann sie das. Ist sie aber im sie durch und durch verdunkelnden Leibe, so sieht, hört und fühlt sie, alles Geistige übertäubend, nur die groben und übermächtig rauschenden und rohen Eindrücke; ihr Selbstisches aber nimmt sie oft kaum derart wahr, daß sie sich ihrer selbst nur insoweit bewußt wird, daß sie da sei, geschweige daß sie von den in ihr rastenden höheren und tieferen geistigen Eindrücken etwas wahrnähme.

10. Du hast auch eine Seele, wie ich selbst nun eine völlig freie Seele bin; aber du wußtest auch wenig oder nichts von dir selbst. Der Grund davon liegt im finstersten Fleische, mit dem eine Zeitlang eine jede Seele umhüllt ist. Erst nun, weil ich dir durch des noch lebendigen Leibmundes Stimme einige Eindrücke in deines Hinterhauptes Nerven machte und du als Seele nun durch solche Eindrücke die gleichen Urmerkmale in dir selbst liesest, so weißt du nun auch als Seele und nicht als Fleisch, daß du eine Seele hast und auf Grund deines Denkens und Wollens selbst Seele bist, die in ihrem ätherisch-leiblichen Wesen die gleiche Gestalt hat wie dein Leib.

11. Wundere dich aber übrigens gar nicht, so ich dir nun sage, daß ich nachher bei meinem Erwachen ins irdische Leben nichts mehr wissen werde von all dem, was ich dir nun gesagt habe; denn ich habe dir den Grund davon erklärt!“

52. Kapitel. Die Seele Zorels auf dem Wege der Selbstverleugnung.

1. (Zorel:) „Jetzt sagt der Freund zu mir: ,Komm, Zorel, verlasse diese Stätte, ich werde dich in eine andere Gegend führen!‘

2. Ich gehe nun mit dem guten Freunde fort, weit fort und hinweg von dem See. Wir wandeln nun durch eine herrliche Allee, und die Bäume verneigen sich vor dem, dem ich folge. Der muß etwas Großes sein im Reiche aller Geister! Oh, einige der Bäume brechen sich fast ab vor lauter Verbeugung!

3. Du, Zinka, gehest wohl auch mit, schaust aber sehr neblig aus und scheinst nicht zu bemerken, wie sich die Bäume beugen vor meinem Freunde! Das ist doch etwas sonderbar für die Welt, aber dennoch ist es wahr!

4. Merkwürdig, merkwürdig! Jetzt fangen die Bäume sogar zu reden an! Sie rufen in lautem und wohl vernehmbarem Geflüster: ,Heil dem Heiligen der Heiligen, Heil dem großen Könige der Könige von Ewigkeit zu Ewigkeit!‘

5. Findest du das nicht höchst merkwürdig?! Du tust aber ärgerlicherweise dennoch, als bemerktest du so etwas gar nicht, oder als wäre das eine so ganz gewöhnliche Erscheinung wie irgendein fauler Regen auf der Erde!

6. Ja, ja, der Freund, vor dem sich die Bäume verneigen und sein Lob ausrufen, sagt's mir, daß das, was dir ähnlich uns folgt, nicht du selbst, sondern nur ein schattenartiges Ausbild deiner Seele sei und sich erst in unserer Atmosphäre erzeuge. Aus deiner Seele gingen gewisse Lebensstrahlen wie von einem Lichte aus; sobald sie unsere Atmosphäre berührten, da gewännen sie auf eine nahe ähnliche Weise die Gestaltung, wie die am Tage von einem Menschen ausgehenden Strahlen, wenn sie auf die Oberfläche eines Spiegels fallen, auch sogleich die Gestaltung desjenigen Menschen annehmen, von dem ausgehend sie auf die Fläche eines Spiegels gelangen.

7. Ich möchte dir nur auf die Füße sehen und werde mich überzeugen, daß du nicht mitgehst, sondern nur mitschwebst. Und richtig, du bewegst weder Füße noch Hände und folgst uns dennoch in einer Entfernung von sieben guten Schritten! Ja, nun begreife ich's, warum du die Bäume sich nicht verneigen siehst und nicht hörest ihr wunderbares Geflüster!

8. Aber die Allee wird nun immer enger, und die Bäume werden niederer, stehen aber dafür enger aneinander; aber die Verneigungen und das Flüstern hört darum nicht auf. Der Weg wird aber auch stets beschwerlicher. Nun ist die Allee schon so enge und der Weg so dornig und gestrüppig, daß wir nur sehr mühsam durchkommen können! Noch ist kein Ende zu sehen, obschon der Freund sagt, daß der Weg nun bald sein Ende erreicht haben wird und wir am Ziele sein werden. Oh, jetzt werden die Gestrüppbäumlein gar dicht, und der Boden nahezu steinicht, und zwischen den Steinen ist alles voll von Dornen und Disteln; da ist es aber nun schon fast rein nicht mehr zum Weiterkommen!

9. Ich frage den Freund, warum wir denn einen gar so heillos schlechten Weg eingeschlagen haben. Der Freund aber sagt: ,Siehe dich nur nach rechts und links um, und du wirst zu beiden Seiten ein Meer entdecken, das eine grundlose Tiefe hat! Das ist die einzige und alleinige, zwar am Ende sehr schmale und dornige, aber feste Landzunge, die zwischen den beiden endlos großen Meeren sich dahinzieht. Sie verbindet alle irdische Welt mit dem großen jenseitigen Paradieslande der Seligen. Wer dahin kommen will, muß sich diesen Weg, weil er der einzige ist, schon gefallen lassen!‘

10. Siehst du, Zinka, solche merkwürdige Antwort gab mir nun der Freund und Führer meiner Nichtigkeit! Ich frage ihn aber nun wieder und sage: ,Auf der Welt gibt es auch recht viele schlechte Wege, aber da helfen sich die Menschen; sie nehmen Hauen, Krampen und Schaufeln und machen den Weg gut. Warum geschieht denn hier so was nicht?‘

11. Aber der Freund sagt: ,Weil eben dieses gewaltige Gestrüppe diese Landzunge vor den oft zu gewaltigen Meeresstürmen schützt! Wäre diese einzige, feste Zunge nicht so dicht und so fest mit diesem Gestrüppe verwahrt, so hätten die mächtigen Wogen des beiderseitigen Meeres sie schon lange ganz hinweggespült durch ihre starke Brandung. Weil aber dies Dorngestrüppe so dicht verwachsen ist, besonders gegen die beiden Ufer hinaus, so brechen sich an ihm die starken Wogen und setzen zwischen sein dichtes Gezweige ihren Schaum ab, der sich nach und nach zu Stein verhärtet und so diese gar wichtige Landzunge nur stets mehr und mehr befestigt. Diese Landzunge aber führt den Namen Demut und feste Grundwahrheit. Beide, Demut und Wahrheit, aber sind für den Menschen ja noch allzeit voll Dornen gewesen!‘

12. Siehe, Zinka, also hat der Freund geredet, und in mir wird es nun sonderbar helle, und ich fange an wahrzunehmen, als finge in meinem Herzen etwas an, sich zu regen; und das, was sich regt, ist ein Licht, und das Licht hat eine Form im Herzen wie die eines Embryo im Mutterleibe. Es ist ganz rein, – ich sehe es. Es wird aber stets größer und mächtiger nun! Ah, was das doch für ein herrliches und völlig reinstes Licht ist! Das ist sicher die eigentliche Lebensflamme aus Gott im wahren Herzen des Menschen! Ja, ja, das ist es! Es wächst nun in einem fort, und ach, wie wohl tut mir das!

13. Noch wandeln wir den schmalen Pfad; aber nun beirrt mich das Gestrüppe und das Dornwerk nicht mehr; auch empfinde ich nichts Schmerzliches mehr, so mich auch noch irgendein Dorn sticht und ritzt! – Nun wird das Gestrüppe dünner, die Bäume werden wieder größer, es gestaltet sich wieder eine herrliche Allee. Das Gestrüppe hört gänzlich auf, die Landzunge erweitert sich, und der Meere Ufer entfernen sich von uns stets mehr und mehr, und schon sehe ich, wohl noch in weiter Ferne, ein gar herrliches Land mit den schönsten Gebirgen, und über die Gebirge strahlet wie ein herrlichstes Morgenrot! Aus der nun stets größer und breiter werdenden Allee aber sind wir noch immer nicht herausgekommen, und die nun sehr großen und hohen Bäume haben noch nicht aufgehört, ihre majestätischen Kronen zu beugen vor meinem Freunde und Führer, und ihr Geflüster tönet nun wie die herrlichsten und reinst gestimmten Harfen!

14. O Zinka! Da, wohl da, da ist es schon gar unbeschreibbar herrlich! Aber du schwebest uns auch noch nach und bist so stumm wie ehedem, kannst aber nicht darum; denn du bist es ja nicht, sondern nur dein flüchtig Abbild ist es. Ach, könntest auch du so etwas schauen, aber dann auch davon ganz lebendig die guten Merkmale behalten hinüber ins irdische Leben, – was für ein denkwürdiger Mensch wärest du dann! Ich könnte es auch sein, wenn mir von all dem etwas in der Erinnerung bliebe; aber mir wird gar nichts bleiben! Doch der Freund sagt, mit der Zeit solle mir die lebendige Erinnerung an alles das wiedergegeben werden; aber ich werde zuvor auch im Fleische diesen dornigen Weg, der sich finden wird, durchmachen müssen.“

53. Kapitel. Jorel im Paradiese.

1. (Zorel:) „Ah, mein inneres Lebenslicht wird nun aber schon ungeheuer stark; es durchdringt nun schon alle meine Eingeweide! Oh, wie wohl doch tut dieses Licht meinem ganzen Wesen! Aber ich sehe es nun in der Gestalt eines vierjährigen Kindes von ungemein freundlichem Aussehen! Und sehr weise muß es sein; denn es sieht aus wie ein reinst gedachter kleiner Gott, aber nicht wie ein Phantasiegott der Ägypter, Griechen und Römer, sondern wie ein wundersames Abbild des wahren Gottes der Juden! Es ist ein Abbild der wahren Gottheit!

2. Oh, jetzt erkenne ich es wohl, daß es nur einen wahren Gott gibt; aber nur diejenigen werden Sein heiliges Angesicht schauen, die eines vollkommen reinen Herzens sind! Ich werde wohl schwer zu dessen Anschauung gelangen; denn mein Herz war schon ganz verzweifelt unrein! Du wohl, Freund Zinka; denn an deinem Herzen entdecke ich beinahe gar nichts Unreines, außer den Fleck und den Faden, mittels welchem du notwendig mit der Welt noch eine Zeitlang zusammenhängend bleiben mußt!

3. Aber nun erst erschaue ich in wohl noch ziemlicher Ferne das breite Ende der Allee. Nun ist von keinem Meere irgendwo mehr eine Spur, überall üppigstes und wunderschönstes Land, Gärten an Gärten; überall stehen die schönsten Häuser und Paläste! Ach, ist das doch eine unbeschreibliche Herrlichkeit!

4. Mein Freund sagt, dies sei noch lange kein Himmel, sondern das sei das Paradies. In den Himmel wäre bis jetzt noch kein Sterblicher gekommen; denn dahin sei bis jetzt noch keine Brücke erbaut worden. Alle die Guten, die vom Anfange der Schöpfung an auf der Erde gelebt haben, weilen hier mit Adam, Noah, Abraham, Isaak und Jakob. Jene hohen Berge begrenzen dieses gar wundersam herrliche Land. Wer auf jene Berge käme, der würde wohl den Himmel erschauen mit den großen Scharen der Engel Gottes, aber hinein könnte niemand kommen so lange, als über die große Kluft, die keinen Boden habe, nicht eine feste Brücke für ewig dauernd erbaut sein wird.

5. Wir gehen nun so schnell wie ein Wind. Mein Lichtmensch in mir hat bereits die Größe eines achtjährigen Knaben, und es kommt mir vor, daß seine Gedanken wie Blitze mein ganzes Wesen durchzucken. Ich fühle wohl ihre unbegreifliche Erhabenheit und Tiefe, aber ihre Formen erfasse ich noch nicht. Es muß etwas Wundersamstes darin sein! Jeder ausfahrende Gedankenblitz aber verursacht mir ein unbeschreibbares Wonnegefühl! So eine Wonne kennt die ganze Erde nicht, – kann sie auch nicht fühlen! Denn die ganze Erde ist ja nur ein Gnadengericht Gottes, – aber immerhin ein Gericht; im besten Gericht aber sind die Wonnen stets spärlich ausgeteilt.

6. Nun kommen wir den hohen Bergen schon sehr nahe, und immer herrlicher wird es! Welch eine unbeschreibliche Mannigfaltigkeit von Wundern über Wundern! Sie alle zu beschreiben würden tausend Menschenalter nicht auslangen!

7. Und da siehe erst, an den Bergen wohnen eine Unzahl von den schönsten Menschen! Aber uns beide, das heißt mich und meinen lieben Freund, scheinen sie nicht zu bemerken; denn sie gehen eilenden und stets muntern Schrittes an uns vorüber, tun aber nicht dergleichen, als sähen sie uns, während doch meinen Freund sichtlich alle Bäume begrüßen! Ein sonderbares Geistervolk das!

8. Aha, aha, bei dieser Gelegenheit haben wir auch den Gipfel eines hohen Berges erstiegen! O Gott, o Gott, da stehen wir nun, und besonders ich, wie ein wahrer Ochse am Berge! Ich erschaue stets klarer in die weiteste Ferne hin einen großen, übersonnenhellen Horizont. Da soll der Himmel Gottes Anfang sein, der aber dann immer fortginge, höher und höher ewig fort!

9. Aber zwischen hier und dort gähnt eine Kluft, größer denn der Raum zwischen der Erde und der Sonne! Darüber werde nun eine Brücke erbaut werden! Bei Gott mag das wohl alles ganz gut möglich sein!

10. Aber nun ist mein innerer Lichtmensch schon so groß wie ich selbst, und sonderbar, ich werde nun schläfrig, und der Freund heißt mich auf dem grünen und duftigen Rasen ausruhen! Ich werde es auch tun!“

54. Kapitel. Das Verhältnis zwischen Körper, Seele und Geist.

1. Sage Ich: „Sehet, nun erst wird er ins dritte Stadium übergehen; da merket wohl auf seine Rede!“

2. Fragt Cyrenius: „Herr, wenn Zorel nun auf dem für uns unsichtbaren Rasen einschläft, was wird dann dadurch bezweckt? Muß das sein, oder könnte er nicht ohne ein gewisses Einschlafen ins dritte Stadium übergehen?“

3. Sage Ich: „Wenn seine Seele pur wäre, so ginge es auch ohne einen gewissen Schlaf; aber solange seine Seele noch durch gewisse Bande mit dem Leibe in Verbindung steht, muß vor dem Wechsel des Stadiums eine gewisse Betäubung eintreten, in der die Seele unvermerkt in ein anderes Stadium übergeht. Was des Zorel Seele nun im zweiten Stadium geschaut und gesprochen hat, war bis auf sich selbst nur eine zuständliche Erscheinlichkeit; im dritten Stadium erst kommt sie ins wahre Hellsehen, und was sie da reden wird, das wird auch volle Realität haben.“

4. Fragt Cyrenius: „Was ist aber dann so ganz eigentlich der Schlaf? Wie und wodurch entsteht dieser?“

5. Sage Ich: „Mußt du denn auch das wissen? Nun wohl denn, so du es schon durchaus wissen willst, da muß Ich es dir gleichwohl kundtun, und so höre denn!

6. Wenn du einen Rock am Leibe hast und nach griechischer Art eine Hose an den Beinen, so leben durch deines Leibes Bewegung Rock und Hose, das heißt, sie müssen deinem Willen sich also fügen, als wie sich deines Leibes Glieder fügen dem Willen deiner Seele. So du aber im Sommer in ein Bad gehst, da ziehst du die Kleider aus, weil du sie im Bade nicht brauchen kannst. Rock und Hose befinden sich nun, während du im Bade bist, in einer notwendigen Ruhe und haben für sich weder eine Regung noch eine Bewegung. Entsteigst du wieder dem Bade, so werden dein Rock und deine Hose gleich wieder die frühere Regung und Bewegung bekommen und gewisserart mit dir leben. Warum zogst du aber des Badens wegen deine Kleidung aus? Sieh, weil sie dir beschwerlich war und dich zu drücken begann! Im Bade aber hast du dich gestärkt, und deine dir beschwerlich gewordene Kleidung wird dir nach dem Bade völlig federleicht vorkommen.

7. Wenn deine Seele durch des Tages Beschwerden müde und schwach geworden ist, so erwacht in ihr das Bedürfnis nach einer erquicklichen und stärkenden Ruhe. Da zieht dann die müde Seele alsbald ihr gegliedertes Fleischgewand aus und begibt sich in ein stärkendes Bad des geistigen Wassers und badet, reinigt und stärket sich darin; ist sie wieder stark geworden, dann begibt sie sich wieder in ihren Fleischrock und bewegt dessen schwerfällige Glieder wieder mit einer großen Leichtigkeit.

8. Nun hast du aber durch die Erzählung des Zorel sicher gesehen oder vielmehr so recht lebendig wahrgenommen, daß in seiner Seele noch ein innerster Lichtmensch aus dem Herzen der Seele aufzukeimen angefangen hat, zu dem sich das Wesen der Seele nahe also verhält, wie zur Seele ihr materieller Leib. Nun, dieser Lichtmensch hatte zuvor in dieser seiner Seele, als seinem gegliederten Gewande, noch nie eine wie immer geartete Stärkung erhalten; er lag so im Herzen der Seele wie das Ei im Weibe ohne eine männliche Belebung, Erregung und Erweckung. Durch diese eigenste Behandlung ist der eigentliche Urlebenskeim durch Mein und durch des Zinka Wort für den Moment belebt, erregt und erweckt worden, und da das mit ihm vorgenommen ward, so fing er an zu wachsen so lange, bis er seine ganze Seele, das ist sein Kleid, erfüllt hatte mit seinem rein geistigen Wesen.

9. Die Seele aber, obschon so viel als für den Moment möglich gereinigt, hat doch noch so gewisse materielle Teile in sich, die für den reinen Geist zu beschwerlich sind, da er früher nie ein solches Joch zu tragen eingeübt ward. Dieser gewisserart nur auf eine künstlich geistige Weise erweckte und zum Schnellwachstume genötigte Geistmensch ist zur Tragung der schwerfälligen Seele noch viel zu schwach und sehnt sich nach Ruhe und Stärkung. Dieser Scheinschlaf der Seele auf dem Gebirgsrasen ist sonach auch nichts anderes als eine Entkleidung des Geistes von den materiellsten Teilen seiner Seele; nur das ihm Ähnliche in der Seele behält er, das andere muß derweil also ruhen, wie der Leib ganz stumm ruht, wenn die Seele sich stärkt, oder wie dein Rock ruht, wenn du deinem Leibe in einem Bade eine erquickliche Stärkung gönnest.

10. Aber es besteht bei solcher zur Stärkung der edleren Menschensphäre erfolgten Zur-Ruhe-Legung der gröberen und unedleren Außenteile dennoch immerdar eine Verbindung. So jemand käme, wenn du im Bade dich erquickst, und nähme dein ausgezogenes Kleid und begänne es zu zerstören, da würde deine natürliche und notwendige Liebe zu deinem Kleide sogleich ein ganz gewaltiges und grimmiges Veto einlegen. Eine noch intensivere Verbindung besteht zwischen dem Leibe und der Seele; wer vor der Zeit den Fleischrock nehmen und zerstören wollte, den würde sie dann ganz kurios behandeln.

11. Aber die Verbindung zwischen Seele und Geist ist eine allerintensivste, weil die Seele, besonders eine ganz reine, selbst ein ganz geistiges Urelement ist, und der Geist würde eine ganz entsetzliche Bewegung machen, so man ihm seinen Leib und sein Kleid ganz entreißen wollte. Er würde dann gleich ins höchste Feuer geraten und alles zerstören, was sich ihm nahen würde.

12. Aber das Materielle muß die Seele zuvor doch ganz ablegen, bis der Geist das ihm Verwandte in ihr als sein Selbstisches anziehen kann und werden mit demselben ein vollkommenes Ich. Das Materielle der Seele ist für den Geist ersichtlich in dem, womit die Seele bekleidet ist. Du hast gehört, wie Zorel von einem schmutzigen Hemde redete, das er selbst reinigte im See, dann ausbalgte und als ein noch feuchtes Vestiment anzog. Siehe, dies Vestiment ist eben die noch materielle Außenseite der Seele, die zuvor ab- und zur Ruhe gelegt werden muß, bevor der innerste, göttliche Geistmensch völlig in seine ihm nun sehr verwandte Seele übergehen und mit ihr eins werden kann.

13. Das braucht stets eine kleine Zeit für den Moment des Überganges, weil alles, was in den eigentlichen Bereich des freien Lebens gehört, erst mit dem neuen und edleren Wesen in eine volle Verbindung (geistige Ehe) treten muß, bevor das neue Wesen oder der neue, himmlische Mensch als in allem selbst fühlend, denkend, sehend, hörend, riechend, schmeckend und aus sich heraus selbsttätig auftreten kann. In dem gewissen Schlafe geschieht solche notwendige geistige Übersiedlung; ist die Übersiedlung geschehen, so ist der neue Mensch fertig und braucht zu seinem nur ganz rein geistigen Bestehen fürder ewig keine weitere Umwandlung mehr.

14. In solchem Zustande ist aber ein Mensch dann auch ganz vollendet und kann in der Wesenheit nicht noch mehr vollendet werden; nur im Erkennen und im steten Vollkommenerwerden in der reinsten Liebe und Weisheit der Himmel und ihrer die ganze Unendlichkeit ordnenden, regierenden und führenden Macht ist ein stetes Zunehmen in Ewigkeit und dadurch auch die Erreichung einer stets höheren Seligkeit als Folge der stets höheren Liebe, Weisheit und Macht zu gewärtigen.

15. Als ein so vollendeter Geistmensch wird nun unser Zorel sogleich auftreten und wird – immer noch durch seinen Fleischmund – Kunde geben von der Vollendung seiner wesenhaft höchst vollendeten Menschheit. – Gebet nun acht; er wird sogleich wieder zu reden anfangen!“

55. Kapitel. Jorels Einblick in die Schöpfung.

1. Als Ich solches dem Cyrenius erklärt hatte, fing Zorel, der die Zeit hindurch ohne alle Regung wie tot dalag, an, sich zu rühren, und bekam das Aussehen eines Verklärten derart, daß sein Anblick sogar den anwesenden römischen Soldaten eine große Ehrfurcht einflößte und einer sagte: „Dieser Mensch sieht aus wie ein schlafender Gott!“

2. Cyrenius sagte auch: „Wahrlich, ein unbeschreiblich erhabenes Menschenbild!“

3. Endlich machte Zorel den Mund auf und sagte: „Also stehet der vollendet in seiner Wesenheit vor Gott, der Ihn nun erst erkennt, liebt und anbetet!“ – Hier folgte eine Pause.

4. Nach dieser spricht Zorel weiter und sagt: „Mein ganzes Wesen ist nun Licht, und ich sehe keinen Schatten, weder in mir noch außer mir; denn auch um mich ist alles Licht. Im Allichte aber sehe ich noch ein allerheiligstes Licht; es leuchtet wie eine gar mächtige Sonne, und in dieser ist der Herr!

5. Zuvor dachte ich von meinem Freunde und Führer, daß er nur eine Menschenseele gleichwie unsereins wäre; allein in meinem Vorzustande war noch viel Täuschung in mir. Nun erkenne ich erst den Führer! Er ist nun nicht mehr bei mir, sondern in jener Sonne sehe ich Ihn, der da heilig ist über heilig! Endlose Scharen der vollendetsten Lichtgeister umschweben diese Sonne nach allen Richtungen in engeren, weiteren und weitesten Kreisen. Welch eine unendliche Majestät ist das doch! O Menschen! Gott zu schauen und Ihn über alles zu lieben ist die höchste Wonne, ist der Seligkeiten höchste!

6. Aber ich sehe nun nicht nur die Himmel alle, sondern mein Blick dringt nun auch in die Tiefen der Schöpfungen des allmächtigen, einen, großen Gottes. Ich sehe diese unsere magere Erde durch und durch und sehe alle Inseln und Festlande auf der ganzen Erde. Ich sehe der Meere Grund und was unter demselben alles ist und besteht, alle die vielen Geschöpfe im Meere von der kleinsten bis zur größten Art. Welch eine unendliche Mannigfaltigkeit doch unter denselben haust!

7. Ich sehe auch, wie das Gras gebaut wird von allerlei Geisterchen, die sehr munter und emsig sind. Ich sehe, wie der Wille des Allmächtigen sie nötigt, emsig zu sein, und sehe eines jeden der zahllos vielen Geisterchen genaust abgemessene Bestimmung und Arbeit. Wie da arbeiten die Bienen an ihren Wachszellen, so arbeiten die Geisterchen an und in den Bäumen und Gesträuchern, Gräsern und Pflanzen. Aber sie tun das alles, wenn sie ergriffen und durchdrungen werden von dem Willen Dessen, der mein Freund und Führer war auf dem schmalen und dornigen Pfade meiner Selbstprobe des Lebens bis hierher und nun in jener nie erreichbaren Sonne als in Seinem urheiligsten Lichte wohnt und ausfahren läßt Seinen Willen in alle Unendlichkeiten.

8. Ja, Dieser allein ist der Herr, Ihm ist niemand gleich! Seinem Willen muß sich fügen groß und klein. Nichts in der ganzen Unendlichkeit gibt es, das Ihm einen Widerstand bieten könnte. Seine Macht geht über alles, und Seine Weisheit ist nie erforschbar. Alles, was da ist, ist aus Ihm, und es gibt nichts in den endlosesten Räumen Seiner Schöpfungen, das da nicht aus Ihm hervorgegangen wäre.

9. Ich sehe aus Ihm die Kräfte fahren, wie man siehet am Morgen der aufgehenden Sonne Strahlen nach allen Richtungen mit mehr denn Blitzesschnelle ausfahren, und wo ein Strahl etwas erreicht und ergreift, da fängt es an, sich zu regen, zu leben und zu bewegen, und bald tauchen neue Formen und neue Gestalten auf. Aber des Menschen Form ist aller Formen Grenz- und Schlußstein, und seine Gestalt ist eine rechte Gestalt des Himmels; denn der ganze Himmel, dessen Grenzen nur Gott allein kennt, ist auch ein Mensch, und jeder Verein der Engel ist ebenfalls ein ganz vollendeter Mensch.

10. Das ist ein großes Geheimnis Gottes, und wer nicht auf dem Punkte steht, auf dem ich nun stehe, der kann solches unmöglich fassen und begreifen; denn nur der reinste Geist aus Gott im Menschen kann fassen und begreifen und schauen, was des Geistes ist, und was da ist in ihm und außer ihm, und wie es besteht und entsteht, und warum und wofür! Nichts gibt es in der Unendlichkeit, daß es nicht da wäre für den Menschen; alles ist auf den Menschen und sein jedzeitliches und zuständliches Bedürfnis abgezielt.“

56. Kapitel. Das Wesen des Menschen und seine schöpferische Bestimmung.

1. (Zorel:) „Gott Selbst ist der höchste und allervollkommenste, ewigste Urmensch aus Sich Selbst; das heißt, dieser Mensch ist in sich selbst ein Feuer, dessen Gefühl die Liebe ist; ein Licht, dessen Gefühl Verstand und Weisheit sind; und eine Wärme, deren Gefühl das Leben selbst ist in der vollsten Sphäre des Seiner- selbst-Bewußtseins. Wenn das Feuer heftiger wird, so wird auch heftiger das Licht und mächtiger die alles schaffende Wärme und strahlt am Ende weithin, und der Strahl ist selbst Licht, hat in sich schon die Wärme, und diese schafft in der Ferne wie in sich. Das Geschaffene nimmt stets mehr des Lichtes und der Wärme auf, leuchtet und erwärmt dann stets weiter und weiter hin und schafft abermals, dahin es gelangt. Und so pflanzt sich alles ewig fort aus dem Urfeuer, Urlichte und aus der Urwärme und erfüllt stets fort und fort und mehr und mehr den unendlichen Schöpfungsraum.

2. Alles nimmt sonach aus dem einen Ursein Gottes seinen Ursprung und bildet sich aus, bis es ähnlich wird dem Urwesen des Urmenschen, in welcher Ähnlichkeit es dann auch in einer vollends selbständigen Freiheit in der Form des Menschen bestehet aus Gott, wie ein Gott für sich in der notwendigen Erzfreundlichkeit mit dem Urgotte, weil es dasselbe ist, was der Urgott Selbst ist.

3. Wo ihr sehet Licht, Feuer und Wärme, da ist auch der Mensch entweder fertig oder im Beginne. Milliarden von Licht-, Feuer- und Wärmeatomen puppen sich ein und erzeugen Formen. Die einzelnen Formen ergreifen sich wieder von neuem, puppen sich in eine größere und dem Menschen schon entsprechendere Form ein und bilden sich in derselben zu einem Wesen. Dieses Wesen erzeugt nun schon mehr des Feuers, des Lichtes und der Wärme; mit dem stellt sich aber ein höheres Bedürfnis nach einer höheren und vollkommeneren Form ein. Gleich zerreißen die vielen, wenn auch in sich schon vollkommeneren Formen ihre Umhäutungen, ergreifen sich und puppen sich mit der Substanz ihres Willens wieder in eine höhere und vollendetere Form ein. Das geht so fort bis zur Vollendung des Menschen hin, und der Mensch puppt sich dann selbst aus bis zu dem Zustand, in welchem ich mich nun befinde, und ist also dem Urfeuer, Urlichte und der Urwärme völlig ähnlich, welches alles da ist Gott, den ich nun schaue mit unverwandtem Blicke in Seinem Urlichte, in Sich das volle Feuer und die volle Wärme, was allein da ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.

4. Der Mensch ist darum zuerst ein Mensch aus Gott und dann erst ein Mensch aus sich. Solange er allein aus Gott ist, gleicht er einem Embryo im Mutterleibe; erst wenn er auch aus sich selbst ein Mensch wird in der Ordnung Gottes, dann ist er ein vollkommener Mensch, weil er dadurch erst zur wahren Gottähnlichkeit gelangen kann. Ist er zu dieser gelangt, dann bleibt er wie ein Gott in Ewigkeit und ist ein Selbstschöpfer der weiteren Welten und Wesen und Menschen geworden. Denn es ist sonderbar, daß ich nun alle meine Gedanken, Gefühle und Wünsche schaue, und mein Wille ist gleich der Umhäutung dessen, was ich mir gedacht und was ich gefühlt habe! Seht, so geht das Erschaffen stets von neuem vor sich!

5. Das Gefühl als Wärme, und sohin Liebe, hat das Bedürfnis nach Wesenhaftem; je mehr aber das Gefühl mächtig wird, je mehr Flammen und Wärme sich da in sich erzeugt, desto mächtiger wird auch der Flammen Licht.

6. Im Lichte drückt sich das Bedürfnis der Liebe in Formen aus. Aber die Formen entstehen und vergehen gleich wie bei einem Menschen von einer erhitzten Phantasie bei geschlossenen Augen die Augenliderbilder, wie man sie also benamset; es kommen aber dafür stets wieder andere, sie werden größer und nehmen nach und nach weilendere und bestimmtere Formen an. Aber bei den vollendeten Menschen, wie bei mir nun freilich nur für eine kurze Dauer, wird der Gedanke in seiner Form erhalten, weil er, vom Willen erfaßt, sogleich durch eine schnelle Umhäutung in der aufgetretenen Form erhalten wird und dieselbe nicht mehr ändern kann; da die Umhäutung aber ursprünglich nur höchst ätherisch zart und somit und sonach durchscheinend ist, so dringt vom Schöpfer des nun eingefangenen Gedankens stets mehr Licht und Wärme hinein. Dies vermehrt des eingefangenen Gedankens eigenes Licht und eigene Wärme, aus welch beiden geistigen Elementen er ursprünglich entstand, und der also eingefangene Gedanke fängt bald an, sich mehr und mehr zu entwickeln, und wird nach dem Lichte der Weisheit und der vollendetsten Erkenntnis, der die noch so künstliche Konstruktion klarer als der hellste Tag ist in allen ihren notwendigen Teilen, Verbindungen und Gliederungen, notwendig und zwecklich organisch eingerichtet. Hat der Gedanke einmal die Organeinrichtung, so fängt dann schon an, sich in ihm ein eigenes Leben seiner selbst bewußt zu werden und sich zu richten.

7. Nun läßt sich wohl denken, daß ein vollendeter Mensch schon eine endlose Fülle von allerlei Gedanken und Ideen in einigen Augenblicken, ganz organisch eingerichtet, wird denken und zusammenfassen können. Will er sie mit seinem Willen einhäuten, so werden sie fortbestehen und sich ausbilden, am Ende dem Schöpfer selbst ähnlich werden in ihrer natürlich höchsten endlichen Selbstvollendung und werden ihresgleichen fortzeugen und erschaffen und so aus sich eine endlose Vermehrung ihresgleichen auf dieselbe Art bewerkstelligen, auf welche Art sie selbst ins Dasein getreten sind. Davon weist schon die materielle Welt handgreifliche Beispiele auf.

8. Die Selbstfortzeugung findet ihr bei Pflanzen, Tieren, Menschen dem Leibe nach und bei den Weltkörpern, die sich auch vermehren. Ihrer Vermehrung sind jedoch Grenzen gesetzt. So ist einem Samenkorne von einer bestimmten Art und Gattung auch nur eine bestimmte Anzahl nachgezeugter gleicher Samenkörner zugeteilt, welche Anzahl es nicht übertreten kann; ebenso den Tieren – und zwar: je größer das Tier, desto beschränkter in der Nachzeugung! Ebenso ist es beim Menschen, und noch um vieles mehr bei den Weltkörpern. Aber im Geisterreiche der vollendeten Menschen geht, wie bei Gott, das Fühlen und Denken ewig fort. Da aber auf die vorbeschriebene Weise ein jeder Gedanke und eine jede Idee von dem sie schaffenden Geiste durch seinen Willen eingehäutet und endlich gar selbständig werden kann, so ist es zu begreifen, daß die ewige Vermehrung der Wesen nie ein Ende haben kann.

9. Du, Zinka, fragst nun in deinem Gemüte, wo am Ende alle die so endlos vielfach entstandenen Wesen Raum haben werden, wenn das Erschaffen ewig im stets ungeheuer vervielfachten Maße und Verhältnisse zunehmen soll. O Freund, bedenke nur, daß der physische Raum selbst unendlich ist, und so du ewig fort in jedem Augenblicke zehnmal hunderttausend Sonnen erschaffen möchtest, so würden diese bei schnellster Fortbewegung im unendlichen Raume sich dennoch ewig fort also verlieren, als wäre keine Sonne je erschaffen worden! Niemand außer Gott fasset des ewigen Raumes Unendlichkeit; selbst die größten und vollkommensten Engel fassen des Raumes ewige Tiefen nicht, wohl aber erschauern sie vor den zu endlosen Tiefen des ewigen Raumes!

10. O Freund, ich sehe nun mit meines Gemütes Augen die Ganzheit der materiellen Schöpfung! Diese Erde, ihr Mond, die große Sonne und alle die zahllosen Sterne, die du erschaust, und deren es welche gibt, die, deinem Auge wie ein schwach schimmernder Punkt vorkommend, selbst ein unmeßbar großes Sonnen- und Weltengebiet sind, das in sich milliardenmal Milliarden Sonnen und noch mehr Planeten faßt, sind nicht das gegen die gegenwärtige Allheit der Schöpfung, was ein kleinstes und feinstes Sonnenstäubchen gegen diesen ganzen dir sichtbaren Sternenraum ist! Und doch kann ich dir sagen, daß es unter den vielen Sternen, die dein Auge erschaut, etliche gibt, deren Durchmesser noch um viele tausend Male größer ist, als wie lang die Linie selbst von dem dir kaum sichtbaren, entferntesten Sterne bis zum von diesem gleich weit abstehenden Gegensatze ist, – eine Entfernung, zu deren Durchwanderung du sogar mit des Blitzes Schnelle mehr denn eine Milliarde mal Milliarden von Erdjahreslängen zu tun hättest!

11. Also einzelne Körper sind schon von solch einer rätselhaften Größe, und doch erscheinen sie deinem Auge als kaum leuchtende Punkte wegen ihrer zu großen Ferne von hier! Und doch ist das alles gegen die Allheit des gesamten Schöpfungsalls, wie gesagt, ein kleinstes Stäubchen, das die Sonnenstrahlen ganz leicht tragen können! Ich sage es dir: Du kannst eine Milliarde Sonnen mit all ihren Planeten und Monden und Kometen erschaffen und sie alle verteilen in dieser Sonnengebietsglobe, und sie werden dir diesen nur einen Globenraum noch ebensowenig merkbar beengen, wie ein Tropfen Wassers das Meer vergrößert und dessen weites Bett beengt; und milliardenmal Milliarden Globen würden im ganzen nun bestehenden Schöpfungsallgebiete ebensowenig bemerklich sein wie die Milliarden Regentropfen im Meere.

12. Sieh an die ganze Erde! Wie viele tausend Bäche, Flüsse und Ströme in das Meer auch fallen, so wird dasselbe darum dennoch nicht um eine Linie vergrößert; nun denke dir noch so viele Schöpfungen über Schöpfungen in jedem Augenblick, und sie werden sich im unendlichen Raume stets ebenso verlieren wie die Myriaden mal Myriaden Wassertropfen, die, in jedem Augenblick ins Meer fallend, sich in ihm verlieren. Es sei dir darum wegen des zu vielen Erschaffens ja nicht kleinmütig bange; denn im Unendlichen gibt es ewig Raum und Platz genug fürs Unendliche, und Gott ist mächtig genug, alles für ewig zu erhalten und einer endlichen Hauptbestimmung zuzuführen!

57. Kapitel. Jorels Einblick in die Entwicklungsprozesse der Natur.

1. (Zorel:) „Ich sage dir nun noch mehr, Zinka! Soviel du je von deiner Jugend an auf dieser Erde gedacht, gesprochen und getan hast, und was du auch in deiner vordieserdlichen Seelenexistenz gedacht, geredet und getan hast, das alles ist aufgezeichnet im Buche des Lebens; davon trägst du ein Exemplar im Haupte deiner Seele, das ganz große Exemplar aber ruhet stets offen und weit aufgeschlagen vor Gott. Wenn du vollendet sein wirst, so wie ich nun vollendet vor Gott stehe, so wirst du alle deine Gedanken, Reden und Taten getreust wiederfinden. An dem, was gut war, wirst du natürlich eine große Freude haben; was aber nicht war in der guten Ordnung, daran wirst du zwar keine Freude haben, aber als ein vollendeter Mensch auch keine Trauer. Denn du wirst daraus die großen Erbarmungen und weisen Führungen Gottes erkennen, und das wird dich stärken in der reinen Liebe zu Gott und in aller Geduld gegenüber allen jenen armen, noch unvollendeten Brüder, die Gott der Herr deiner Führung anvertrauen wird, sei es in dieser oder auch in einer andern Welt.

2. Aus solchen deinen aufgezeichneten Gedanken werden einst auch noch neue Schöpfungen hervorgehen. Gewöhnlich werden aus solchen aufgezeichneten Gedanken, Reden und Taten zuerst größere oder kleinere Weltkörper in der Neuzeit. Sie werden ins Feuer der Sonnen gegeben, um dort bis zu einer gewissen Reife zu gelangen; haben sie solche erreicht, so werden sie dann mit aller Gewalt in den Schöpfungsraum hinausgeführt und dort nach und nach und stets mehr und mehr ihrer selbsttätigen Ausbildung anheimgestellt. Nach und nach bilden sich in einer solchen neugeborenen Welt die vielen tausendmal tausend Einzelgedanken und Ideen – wie die ins Erdreich gelegten Samenkörner – durch das in ihnen lebenskeimige Feuer und Licht stets mehr und mehr aus und dienen dann der neuen Welt als Grundlage zur nachherigen Entstehung von allerlei Wesen, als Mineralien, Pflanzen und Tieren, aus deren Seelen mit der Zeit Menschenseelen gebildet werden.

3. Derartige Neuwelten siehst du dann und wann als zum größten Teile dunstige Nebelsterne, auch als Schweifsterne durch den Himmelsraum ziehen. Ihr Urursprung sind die im Gottesbuche aufgezeichneten Gedanken, Ideen, Reden und Handlungen.

4. Du siehst daraus, daß da auch der leiseste Gedanke, den ein Mensch je gedacht hat, entweder auf dieser oder auf einer andern Erde, unmöglich ewig je verlorengeht und – gehen kann; und die Geister, aus deren Gedanken, Worten und Ideen und Taten solch eine Neuwelt durch Gottes Willen gebildet wird, erkennen in ihrem vollendeten Zustande gar bald, daß solch eine Welt ein Werk ihrer Gedanken, Ideen, Reden und Taten ist, und übernehmen dann ganz gerne und mit einem großen Seligkeitsgefühle die Führung, Leitung, Ausbildung und volle Belebung und zweckliche innere Organisierung des Weltkörpers selbst und endlich aller Dinge und Wesen, die auf solch einem Weltkörper zu bestehen haben werden.

5. Du schauest dir nun diese Erde an und siehst nichts denn eine totscheinende Materie. Ich sehe nun zwar die totscheinenden Formen der Materie auch; aber ich sehe noch viel mehr darin, was du mit deinen Augen nimmer sehen kannst. Ich sehe darin die gebannten geistigen Dinge und Wesen und fühle ihr Bestreben, und sehe, wie sie stets zunehmen an der inneren Ausbildung und besseren und bestimmteren Gestaltung und Entfaltung ihrer zweckdienlichen Formen, und ich sehe abermals zahllose Geister und Geisterchen, die da unablässig tätig sind, so wie der Sand in einem römischen Stundenmesser. Da ist von keiner Ruhe eine Rede, und aus ihrer unablässigen Tätigkeit bildet sich das gesamte zweckdienliche Werden alles und jedes Naturlebens.

6. Ich sage es dir: In jedem Tautropfen, der noch so helle an einer Grasesspitze zittert, sehe ich wie in einem Meere schon Myriaden Wesen sich nach allen Richtungen herumtummeln! Des Tropfens Wasser ist nur eine erste und allgemeine Umhäutung eines Gottesgedankens. Aus dieser nehmen dann die darin gefangenen Geistlein ihre sonderheitliche Umhüllung und bestehen darauf schon gleich in irgendeiner bestimmteren Form, die von der äußern allgemeinen schon sehr verschieden ist; dadurch aber verschwindet dann der Tropfen als Wasserperle, und die im selben sich neu gebildeten Formen als schon Leben tragende Püpplein bekriechen dann die Pflanzen oder andere Dinge, an denen der Wassertropfen sich gebildet hatte. Da gehen aber diese Püpplein, sich ergreifend, alsbald in eine andere Form über, und aus hunderttausenden wird eins. Eine neue Haut wird um die neue Form gebildet; in ihr werden die vielen kleinen Formen durch den Einfluß des Lichtes und der Wärme zum zweckdienlichen Organismus der neuen und größeren Form umgewandelt, und das also entstandene neue Wesen beginnt eine neue Tätigkeit als Vorbereitung zum abermaligen Übergange in eine stets mehr und mehr ausgebildete Form, in der es wieder für den Übergang in eine noch höhere und vollendetere Form tätig zu werden beginnt. Und so ist die sichtliche Tätigkeit eines jeden schon in irgendeine bestimmte Form eingegangenen Wesens nichts als eine rechte Vorbereitung für eine höhere und vollkommenere Form zur stets größeren Festigung des seelischen und endlich in der Menschenform des rein geistigen Lebens.

7. Was ich dir hier sage, ist keine Phantasie, sondern die reinste und ewige Wahrheit. Ich könnte dir nun noch gar vieles von der Ordnung aus Gott kundtun also, wie ich's nun schaue und allerklarst erkenne! Aber ich erkenne nun auch, daß die Zeit dieser meiner Vollendung zu Ende geht; darum muß ich dir hiermit nur noch die Bitte anfügen, daß du mit mir, wenn ich wieder ein sehr dummer und mitunter ärgerlicher Mensch sein werde, Geduld habest und mich in der rechten, dir nun bekannten Ordnung Gottes leitest und führest auf den rechten Weg. Du wirst bei meinem Erwachen in die Welt dich hoch erstaunen, daß ich wieder ganz dumm und finster sein und von allem dem, was nun mit mir vorgegangen ist, keine Silbe wissen werde; aber es wird mir das alles dennoch wohl zustatten kommen.

8. Eine Zeitlang wird mein nun gezwungen reif gewordener Geist, dieses ungewohnten und ungeübten Zustandes müde, sich wohl ganz schlafstumm verhalten; aber er wird durch die für jetzt noch nötige Ruhe bald gestärkt und wach werden und fühlen die Dringlichkeit der wirklichen Lebensvollendung, deren seligste Süße er nun zum Verkosten bekam, und wird sonach zur schnelleren Vollausbildung der Seele sehr viel beitragen, auf daß sie ehest reif werde in ihm in aller Wahrheit und rechten Fähigkeit, um vollends überzugehen in den sie durchdringenden Geist.

9. Ich werde nun abermals schlafen noch eine halbe Stunde lang, nach welcher Zeit du mich durch die Gegenlage deiner Hände erwecken mußt. Wenn ich aber wieder wach werde, da lasse mich nicht von der Stelle, bis ich nicht den Menschen der Menschen an diesem Tische werde vollends erkannt haben! Denn Dieser ist eins mit Dem, den ich nun noch sehe in der Sonne der ewig großen Geisterwelt.

10. Nun habe Dank darum, daß du mir aufgelegt hast deine Hände!“

58. Kapitel. Richtet nicht!

1. Nach diesen Worten schlief unser Zorel wieder ruhig, und Zinka sagte: „Nein, was dieser Mensch uns jetzt alles geoffenbart hat! Wenn das alles also wahr ist, dann haben wir eine Kenntnis erhalten, von der schwerlich je irgendeinem Propheten etwas geträumt hat! Nein, ich bin ganz wie aufgelöst von dieses Menschen tiefster Weisheit! Wahrlich! Kein Engel kann eine tiefere Weisheit besitzen!“

2. Sagt auch Cyrenius: „Ja, dem Menschen muß geholfen werden; denn so viel des höchst Wundervollen aus Deiner göttlichen Ordnung ist hier noch nicht enthüllt worden! Mathaels Enthüllungen waren groß und machten mich sehr denken; aber was nun dieser Zorel alles enthüllt hat, ist unerhört! Kaum glaublich und denkbar, daß solche innersten Weisheitstiefen sich noch in menschliche Worte einkleiden und dann als klar verständlich darstellen lassen! Kurz, ich bin ganz außer mir ob diesem Zorel! Könnte er das auch im nachfolgenden fleischwachen Zustande sagen, oh, ich würde ihn auf einen Thron setzen, von dem herab er den Menschen die hohe Wahrheit predigen sollte, auf daß sie alle desto sicherer erreichten ihres Seins und Lebens wahre und vollendete Bestimmung!“

3. Sage Ich: „Ganz gut, Freund Cyrenius! Es liegt vorderhand weniger an dem, was er in seinem dritten Stadium geweissagt hat – obschon es durchgängig wahr ist –, als vielmehr an dem, daß ihr in der Folge über keinen Menschen darum den Stab brechet, weil er an sich eine kranke Seele ist. Denn ihr alle habt es nun gehört und empfunden, wie auch in einer noch so kranken Seele ein völlig allergesundester Lebenskeim rastet; und wird die Seele durch eure brüderliche Mühe gesund gemacht, so habt ihr einen Gewinn gemacht, den euch ewig keine Welt bezahlen kann! Welchen Nutzen kann danach ein solch vollendeter Mensch stiften! Wer ermißt dessen Tragweite?! Ihr Menschen wisset es nicht, aber Ich weiß es, wie weit solch eine Mühe sich der Mühe lohnt!

4. Darum sage Ich es euch: Seid allzeit barmherzig auch gegen die großen Sünder und Verbrecher wider eure und wider die göttlichen Gesetze! Denn nur einer kranken Seele ist eine Sünde zu begehen möglich, einer gesunden wohl niemals, weil eine gesunde Seele gar nicht sündigen kann, da die Sünde stets nur eine Folge einer kranken Seele ist.

5. Wer aus euch Menschen aber kann eine Seele wegen der Verletzung eines Meiner Gebote richten und strafen, da ihr doch alle unter demselben Gesetze stehet?! Ein Gesetz aus Mir aber besteht ja eben darin, daß ihr niemanden richten sollet! Wenn ihr eure Nächsten richtet, die sich an Meinem Gesetze versündigt haben, so versündigt ihr euch ja im gleichen Maße an Meinem Gesetze! Wie könnet ihr aber als selbst Sünder einen andern Sünder richten und verdammen?! Wisset ihr denn nicht, daß, während ihr euren seelenkranken Bruder zur harten Sühne verdammet, ihr damit auch für euch ein doppeltes Verdammungsurteil ausgesprochen habt, welches an euch dereinst, wenn nicht nach Umständen auch schon hier, vollzogen werden wird?!

6. So einer aus euch ein Sünder ist, der lege das Richteramt nieder; denn richtet er, so richtet er sich selbst in doppeltes Verderben, aus dem er schwerer frei werden wird als derjenige, den er gerichtet und verdammt hat. Kann denn je ein Blinder einen andern führen oder ihn setzen auf den rechten Weg?! Oder kann ein Tauber einem andern Tauben etwas erzählen von der Wirkung der Harmonien der Musik, wie sie am reinsten geübet ward vom David? Oder kann ein Lahmer zum andern sagen: ,Komme her, du Elender, ich werde dich führen auf die Herberge!‘? Werden da nicht alle beide bald ausgleiten und fallen in einen Graben?!

7. Daher merket euch das vor allem, daß ihr niemanden richtet, und leget das auch allen denen ans Herz, die dereinst eure Jünger werden! Denn bei der Befolgung dieser Meiner Lehre werdet ihr aus Menschen Engel zeihen, – bei der Nichtbefolgung aber Teufel und Richter wider euch selbst.

8. Niemand zwar ist ganz vollkommen auf dieser Welt; doch der Vollkommenere im Verstande und im Herzen sei der Leiter und Arzt seiner kranken Brüder und Schwestern, und der selbst stark ist, der trage den Schwachen, sonst erliegt er samt dem Schwachen, und sie werden beide nicht mehr von der Stelle kommen!

9. Daß ihr alle aber das so recht grundrichtig und wahr einsehet, dazu habe Ich euch eben mit diesem Zorel so ein recht handgreifliches Beispiel gestellt, aus dem ihr wohl erkennen möget, wie sehr und wie hoch gefehlt es ist, einen Verbrecher nach eurer Art zu richten! Zwar wird eure Art zu richten stets ein Angehör der Welt verbleiben, und dem Drachen der Tyrannei wird das harte, diamantene Haupt schwer je völlig zertreten werden – denn die Erde ist ja eben darum eine Probewelt für Meine angehenden Kinder –; aber unter euch soll es nicht also verbleiben, denn unter euch streuen die Himmel Früchte mit reichlichen Samenkörnern versehen.

10. So ihr die Früchte Meines Eifers nun genießet, da vergesset es ja nicht, die davon entfallenden Samenkörner so reichlich als möglich in die Herzen eurer Brüder und Schwestern zu streuen, auf daß sie darin aufgehen und eine reichliche und gesunde neue Frucht tragen mögen! Wie sich aus den ins Herz gelegten Samenkörnern aber eine neue wunderbare Frucht erzeugt, das hat euch Zorel nahe ins kleinste klar und deutlich gezeigt. Tut also danach, so werdet ihr wie aus euch selbst schon Leben zeihen und eben dadurch selbst das ewige Leben in aller euch nun bekannten Vollendung überkommen! Das ist nach diesem Händeauflegungsakte für euch zur möglichst genauesten Danachachtung und Handhabung gegeben.

11. Nun aber ist die Zeit herangekommen, wo du, Zinka, dem Zorel deine Hände entgegengesetzt auflegen mußt, auf daß er wach werde; dann aber, so er wach wird, gib du, Markus, ihm Wein mit etwas Wasser, auf daß sein Leib in die frühere Kraft komme! So er aber wach wird und zu reden anfangen wird wieder wie früher, da ärgert euch nicht und erinnert ihn nun gar nicht an das, was er in seiner Ekstase geredet hat; denn solches könnte ihm einen leiblichen Nachteil bewirken. Belachet ihn aber auch nicht, so er mit irgendeiner Dummheit zum Vorscheine kommen wird! Ganz sachte könnet ihr nach und nach auf Mich hinlenken; aber nur keine Übereilung dabei, weil durch sie vieles auf lange Zeit für ihn verdorben werden könnte! Und jetzt gehe du, Zinka, an dein Werk, dieweil der Markus mit dem Weine und Wasser bereits schon da ist!“

59. Kapitel. Zorels materialistischer Glaube.

1. Zinka legte dem Zorel nun die Hände entgegengesetzt auf, und dieser schlug alsbald die Augen auf und wurde wach. Als Zorel vollends wach geworden war, winkte Ich dem alten Gastwirte Markus, ihm den etwas gewässerten Wein zu verabreichen, da ihn der Durst sehr plagte. Markus tat solches sogleich, und der sehr durstige Zorel leerte einen ganz tüchtigen Becher mit einem Zuge und bat um noch einen Becher voll, da es ihn noch dürste. Markus fragte Mich, ob er so etwas wohl tun solle. Und Ich bejahte solche Frage, nur mit dem hinzugesetzten Bemerken, das zweitemal mehr Wasser als Wein zu geben. Und Markus tat solches, und es bekam dies dem Zorel wohl. Als er sich aber also gestärkt hatte, sah er sich um und musterte die Umgebung, die er noch ganz gut ausnehmen konnte, obwohl sich die Sonne schon sehr dem Untergange zu nahen begann.

2. Nach einer Weile sagte er (Zorel), mit seinen Augen Mich unverwandt anschauend: „Zinka, jener Mensch dort kommt mir sehr bekannt vor! Ich muß ihn schon irgendwo gesehen haben! Wer er etwa doch ist, und wie er heißt? Je länger ich ihn betrachte, desto mehr kommt es mir ganz lebendig vor, daß ich ihn irgendwo gesehen habe! Zinka, ich habe nun eine große Sympathie für dich, – darum vertraue es mir an, wer jener Mann ist!“

3. Sagt Zinka: „Jener Mann ist eines Zimmermanns Sohn aus Nazareth, das da liegt über Kapernaum, – aber nicht aus dem gleichnamigen Flecken, der da liegt hinterm Gebirge und zum größten Teile von den schmutzigen Griechen bewohnt ist. Sein Charakter ist der, daß er ein Heiland ist und überaus geschickt in seiner Kunst; denn dem er hilft, dem ist geholfen. Sein Name entspricht seinem Charakter, und er heißet darum ,Jesus‘, was da ist ein Heiland der Seelen und der kranken Leibesglieder zugleich. Er hat eine noch viel größere Kraft in seinem Willen und in seinen Händen und ist dabei engelsgut und weise. Nun weißt du alles, darum du gefragt hast; hast du etwa noch um irgend etwas zu fragen, so tue das, – ansonst dürften die hohen Herren etwas unternehmen, und wir hätten dann wenig Zeit mehr, über manches uns näher zu verständigen!“

4. Sagt Zorel so etwas halblaut zum Zinka: „Ich danke dir für das Mitgeteilte, obschon ich nun noch nicht weiß, wie ich so ganz eigentlich daran bin; denn ich kann mir nur den Grund nicht aufhellen, aus dem mir jener Mann gar so bekannt vorkommt! Es kommt mir vor, als hätte ich irgendwann eine große Reise mit ihm gemacht! Ich bin gereist, und das viel zu Wasser und zu Lande, und habe Gesellschaft gehabt, kann mich aber nicht irgend entsinnen, solch einen Mann gesehen und gesprochen zu haben; und doch kommt es mir, wie gesagt, gar sehr also vor, als hätte ich gar vieles auf einer Reise mit ihm zu tun gehabt! – Erkläre mir das, wie das kommen mag!“

5. Sagt Zinka: „Auf die natürlichste Art von der Welt! Du hast irgendeinmal einen recht lebhaften Traum gehabt, dessen du dich nun so ganz dunkel erinnerst, und das wird der sichere Grund deines nunmaligen Gefühles sein!“

6. Sagt Zorel: „Kannst recht haben! Mir träumt öfter etwas, dessen ich mich erst so nach etlichen Tagen entsinne, so ich durch ein ähnliches Außenobjekt daran gewisserart erinnert werde; ansonsten geht da alles verloren, und ich erinnere mich dann keines Traumes, und hätte ich noch so lebhaft geträumt! Aber das wird schon so sein; denn in der Wirklichkeit habe ich jenen Nazaräer wohl noch nie gesehen.

7. Nun aber noch etwas, lieber Freund! Sieh, ich bin hierhergekommen, um vom hohen Statthalter das bewußte Almosen zu erhalten. Was meinst du, wird mit ihm etwas zu machen sein? Wäre da nichts zu hoffen, so könntest du dich wohl bei ihm wenigstens dahin für mich verwenden, daß ich wieder heimziehen dürfte. Denn was soll ich nun hier? Für all den theosophisch und auch philosophisch weisen Kram gebe ich nichts. Meine Theosophie und Philosophie sind ganz kurz beisammen: Ich glaube an das, was ich sehe, also an die Natur, die sich von Ewigkeit her immer und immer erneuert. Darauf glaube ich auch, daß das Essen und Trinken die zwei allernotwendigsten Stücke zum Leben sind; aber an sonst etwas glaube ich nicht leichtlich.

8. Es gibt wohl manches Sonderbare in der Welt, wie allerlei Magie und andere Künste und Wissenschaften. Aber zwischen ihnen und mir besteht dasselbe Verhältnis wie zwischen dem Feuer und mir: solange es mich nicht brennt, blase ich nicht! Ich fühle kein Bedürfnis in mir, mehr zu wissen und zu verstehen, als was ich nun weiß und verstehe; und so wäre es auch sehr dumm von mir, noch länger etwa darum verweilen zu wollen, um irgendeine schwer verständliche Weisheitslehre zu erschnappen, damit ich mich dann irgend vor dummen Kerlen patzig machen könnte.

9. Du siehst in mir einen Naturmenschen, dem alle die weise sein wollenden Einrichtungen und Gesetze der Menschen zuwider sind, weil sie dessen angeborene Freiheit oft auf zu harte Weise beeinträchtigen, und das bloß darum, damit einige wenige sehr reich, mächtig und hoch angesehen werden können, wofür dann freilich Millionen im oft tiefsten Elend schmachten dürfen. Verstünde ich mehr noch, als ich jetzt verstehe, so würde ich noch tiefer auf den Grund solcher Ungerechtigkeiten sehen können, was mich sicher nicht glücklicher machen würde; so aber muß mir in meiner Dummheit viel Kummer erspart werden, weil ich nicht den Grund von all den menschlichen Schlechtigkeiten recht fundamental einsehe.

10. Wo die argen, weise sein wollenden Menschen nicht aus sich selbst genug die Menschheit drückende Gesetze haben erfinden können, da stellten sie denkende und sehr erfinderische Köpfe auf, die, mit ekstatisch verzerrten Gesichtern einhergehend, mit mancherlei Gesetzen von seiten der Götter sicher nur lügnerisch ans Licht traten und damit die arme und schwache Menschheit von neuem zu plagen anfingen unter den lächerlichsten Androhungen von den schrecklichsten, ewigen Strafen und unter Verheißungen von den allergrößten Belohnungen, aber freilich das alles erst nach des Leibes Tode, wo es gut belohnen ist, weil die Toten nichts mehr brauchen.

11. Doch was die Strafen betrifft, da ließen die Menschen es nicht bis nach dem Tode anstehen, griffen ihren erfundenen und nichtigen Göttern vor und straften die Vergeher gegen die Gesetze der Götter gleich lieber schon hier, damit jenseits ja niemand zu kurz käme in der angedrohten Strafe. Nur auf die Belohnung ließen sie die Frommen bis ganz nach dem Tode warten; da kommt in diesem lieben Leben niemals irgendein freier Vorschuß zum Vorscheine, außer man hätte sich für einen Großen irgend förmlich totschlagen lassen! Alles, was in den menschlichen Gesellschaftsverbänden ist und besteht, ist so einzeln hoch menschenintereßlich eingeleitet, daß jeder nüchterne Denker auf den ersten Griff gleich den Grund heraus hat, auf dem es erbaut ist: das göttergesetzliche und menschengesellschaftliche Element!

12. Freund! Wenn einer allein als ein freiester Herr aller Herrlichkeiten der Erde leben will, da muß dann freilich die andere willens- und kraftschwache Menschheit weinen samt dem Erdboden, darauf sie steht! Für die Bedrücker der Menschheit, für die allerherzlosesten Tyrannen wäre dereinst freilich wohl eine entsprechende Vergeltung gut; aber wer soll solche erteilen können?! Kurz, es ist nichts! Ein pures, loses Puppenspiel!

13. Wer die andern, das ist die Nebenmenschheit, sich dienstbar machen kann, der tut recht und wohl; denn ein dummer Mensch ist nicht mehr wert denn ein dummer Hund! Der Stärkere und Pfiffigere erschlage ihn, nehme von seinen Gütern vollen Besitz und suche sie dann auf Leben und Tod vor fremden Eingriffen auf jede mögliche Art zu beschützen! Bringt er das zustande, dann wird er bald ein großer und freier Herr; kann er das nicht, so geschieht es ihm auch recht, darum er etwas unternommen hat, von dem er als ein weiser Mann lange genug hätte voraussehen sollen, daß es ihm nicht gelingen werde. Kurz, für die Dummen tauget nichts besser als die Vernichtung; wenn sie nicht mehr sind, da haben für sie alle Gesetze, alle Verfolgungen und alle die unmenschlichen Strafen für ewig aufgehört! Nur nicht sein, wenn man elend sein muß; eine Stunde rechten Elends wiegt zehntausend Jahre der größten Glückseligkeit nicht auf!

14. Liebster Freund Zinka, sieh, das ist so mein harmloses Glaubensbekenntnis, gegen das sich auf dieser Welt wohl schwer wird irgend etwas entgegenstellen lassen. Es ist Wahrheit, die man nun nirgends hören will; alles wiegt sein Dasein in lauter lügenhaften Phantasien und dünket sich dabei so recht glücklich zu sein! Nur zu! Wühle ein jeder denn im Reiche der Lüge und suche in der phantastischsten Phantasie den Trost, wenn das Elend mit eherner Ferse ihm das Genick zu zertreten beginnt!

15. Betäubet euch, ihr Elenden, alle mit dem Mohngifte der Lüge, und schlafet solange ihr lebet unter dem süßen Drucke des Wahnsinns, und es geschieht jedem wohl und recht, so ihn das glücklich macht; nur mir geschieht es unrecht, weil ich mich unter den Aarsfittichen der Wahrheit überaus unglücklich fühlen muß, so ich aus den lichten Höhen den stets gleichen und todbringenden Sturz sehen, fühlen und selbst berechnen muß, der meiner und der andern, mir ähnlichen, harrt! Wer wird mich im Falle aufhalten, so das lockere Band bricht, mit dem mich meine Torheit an des Aars mächtigen Fittich befestigt hat?!

16. Menschen! Lasset mich in der Ruhe doch meinen Raub verzehren, ich tue euch ja nichts; gebt mir von eurem Überflusse nur so viel, daß ich mir das wieder anschaffen kann, was mir der arge Zufall genommen hat, und ihr sollet an mir keinen undankbaren Bettler finden! Wollt ihr mir aber nach der gewöhnlichen Art gar nichts geben, so lasset mich zum wenigsten unbeirrt heimziehen, auf daß ich als ein armer Faun, natürlich auf ungesetzlichen Wegen, mir so viel Holz zusammensammle, um mir auch nur eine allernotdürftigste Hütte zu erbauen, so gut wenigstens, wie sich das Bibertier eine erbaut! Eines oder das andere werdet ihr mir ja etwa doch gewähren; mich aber etwa noch elender zu machen, als ich nun schon bin, das werdet ihr ja etwa doch wohl nicht tun! Habt ihr für mich aber solches im Sinne, da tötet mich lieber gleich! Denn elender als ich nun schon bin, will ich durchaus nicht werden und sein! Denn tötet ihr mich nicht, dann weiß ich, was ich zu tun habe! Ich werde mich selbst zu töten verstehen!“

17. Sagt Zinka endlich wieder: „Das sei ferne von dir! Auch sollst du bei deinen sonderlich guten Kenntnissen und Erfahrungen zu solch einer tollsten Tat, sie zu vollführen, nicht genötigt werden; denn während du schliefst, hat Cyrenius für dich schon bestens gesorgt, – aber erst wenn du einsehen wirst, wie eben das, was du als Wahrheit nun erkennst, die größte Unwahrheit ist! Sei also unbesorgt und nimm eine bessere Lehre an, und du sollst dann erst wahrhaft und ganz glücklich werden!“

60. Kapitel. Zorels Kritik der Moral und Erziehung.

1. Sagt Zorel: „Deine Worte klingen recht freundlich, gut und zart, und ich bin überzeugt, daß du ebenso redest, wie es dir ums Herz ist und die Sache auch wahr sein wird; aber es fragt sich da wohl sehr, welch eine Lehre ich da annehmen soll, unter deren Leuchtfackel ich das, was ich nun als höchst wahr einsehe, als etwas Grundfalsches erkennen werde! Zwei und noch einmal zwei geben zusammen vier, das ist eine mathematische Wahrheit, gegen die sich aus allen Himmeln heraus nichts einwenden läßt, und es kann da unmöglich irgendeine andere Lehre geben, die diese ewige Wahrheit Lügen strafen könnte! Ich müßte nur ein abergläubischer Narr sein, um annehmen zu können, daß zwei und abermals zwei zusammen gleich sieben als Summe geben könnten, dann wäre bei mir freilich wohl eine Glaubensänderung möglich; aber bei meinem gegenwärtigen Erkennen ist das rein unmöglich!

2. Daß es irgendeine intelligente, ewige Urkraft geben muß, von der wenigstens die Urkeime oder zum mindesten deren erste Regelungen herrühren, kann von keiner noch so reinen Vernunft geleugnet werden; denn wo es einmal ein Zwei gibt, da muß es zuvor auch ein Eins gegeben haben. Aber wie lächerlich und überaus dumm ist es von den albernen, blinden Menschen, so sie sich eine Urkraft – die doch in der ganzen, ewigen Unendlichkeit gleich verteilt und ausgebreitet sein muß, weil ihre Grundwirkung durch die ganze Unendlichkeit gleich verspürbar sein wird – in einer Form, und gar in einer menschlichen, vorstellen, ja mitunter sogar in einer bestialischen!

3. Die Juden hätten, wenn sie bei ihrer Urlehre stehengeblieben wären, im Grunde noch die vernünftigste Vorstellung von einer allgemeinen Urkraft, die sie ,Jehova‘ nennen; denn es lautet bei ihnen ein Satz: ,Du sollst dir Gott unter gar keiner Form vorstellen und dir noch weniger ein geschnitztes Bild von Ihm machen!‘ Aber sie sind davon ganz abgegangen und haben nun ihre Synagogen und Tempel voll Bilder und Zieraten und glauben daneben an die albernsten Dinge, und die Priester strafen jene ihrer Bekenner, die das nicht glauben, was sie lehren. Sie heißen sich Gottes Diener und lassen sich darum ungeheuer ehren; aber dafür plagen sie die arme Menschheit mit allerlei, was sie dazu nur immer erfinden können. Soll ich etwa bei solchen Bewandtnissen ein Jude werden? Nein, dies sei ewig ferne!

4. Wohl heißt es, daß sie Gesetze von Gott Selbst haben, die Er ihnen durch ihren Grundlehrer Moses gegeben habe auf dem Berge Sinai. Die Gesetze sind zwar an und für sich ganz gut, so sie jedermann als eine unerläßliche Lebensregel dieneten; aber was nützt das, so man dem armen Menschen das Stehlen und Betrügen auf das strengste untersagt, selbst aber, als ein auf dem Stuhle der Herrlichkeit Sitzender, alle ihm ganz sklavisch untergeordnete Menschheit bei jeder Gelegenheit ausraubt, sie bestiehlt und betrügt, wie da nur immer möglich ist, und sich darum dem göttlichen Gesetze zum Trotz aber auch nicht das allergeringste Gewissen macht! Sage mir, in welch einem Lichte einem Reindenker solch ein Gesetz und die Hüter desselben erscheinen müssen!

5. Hat einen armen Faun die Not dazu gezwungen, sich irgend, wo er einen Überfluß fand, für sein dringendes Bedürfnis etwas zu nehmen, so wird er mit aller unnachsichtigen Strenge zur Verantwortung gezogen und sogleich über und über gestraft; aber der Gesetzeshüter, der alle Tage und bei jeder Gelegenheit raubt, mordet, stiehlt und betrügt, steht über dem Gesetze, beachtet es nicht im geringsten und glaubt bei sich selbst auch an nichts, außer an seine viel fordernden zeitlichen Vorteile! Kann das wohl irgendeine göttliche Einrichtung sein, die mit den selbst nur sehr geringen Anforderungen der armen Menschheit in einem gar zu grellen Widerspruche steht?! Welche nur einigermaßen gereinigte Vernunft kann das wohl je billigen?!

6. Was mir sicher nur angenehm sein kann, daß man es mir tue, das muß ich auch von meinem Nebenmenschen denken, daß es auch ihm nicht unangenehm sein werde, so ich ihm tun werde, was ihm bescheidenstermaßen wohl und angenehm dünkt! So ich bis über die Ohren in aller Not und Armut stecke, kein Geld habe, mir auch nur das Notdürftigste zu verschaffen, gehe, suche und bitte, auf die Bitte von niemandem etwas erhalte und erst am Ende mir selbst nehme, was mir not tut, – kann ein Gesetz mich darum verdammen?! Habe ich denn gar kein Recht, von etwas mir höchst Nötigem Besitz zu ergreifen, da doch die starken Vorfahren sicher keine Sünde begingen, von ganzen Ländern den vollen Besitz zu ergreifen?!

7. Ja, so ich aus Arbeitsscheu stehlen und immer stehlen würde, da könnte sich darob keine Vernunft für beleidigt halten, so man mich darum zur Verantwortung zöge; wenn ich aber nur im äußersten Notfalle von irgend etwas mir Notwendigstem den gewisserart gesetzwidrigen Besitz ergreife, so kann und soll mich darum auch kein Gott zur Verantwortung ziehen können, – geschweige ein selbstsüchtiger, schwacher Mensch, der in mancher Hinsicht in einem Tage mehr Ungerechtigkeiten begeht denn ich in einem ganzen Jahre! Ich will mich zwar gegen das göttlich sein sollende Besitzschutzgesetz nicht schmähend äußern; aber besser und menschlicher macht es in seiner ausnahmslosen Rigorosität die Menschheit nicht, sondern nur härter und liebloser!

8. Ebenso ist das Verwahrungsgesetz für reine Zucht und Sittlichkeit sehr roh und rauh hingeworfen, ohne alle Rücksicht auf die Natur, Zeit und Kraft der Menschen. Man bedenke, welchen Zuständen der Mensch – gleichviel, ob männlich oder weiblich – ausgesetzt ist! Oft gar keine Erziehung, oft eine, die noch schlechter denn gar keine ist! Er genießt oft Speisen und Getränke, die sein Blut sehr aufregen; er findet oft eine leichte Gelegenheit, seinen mächtigen Naturtrieb zu befriedigen und befriedigt ihn auch. Aber die Geschichte kommt auf, und er wird als Sünder ohne alle Rücksicht bestraft, denn er hat ja ein – göttliches Gesetz übertreten.

9. O ihr Narren samt euren göttlichen Gesetzen! Warum habt ihr denn nicht dahin ein göttliches Vorgesetz herausgegeben, demnach vor allem für eine wahre und beste Erziehung gesorgt sein sollte, und hättet dann erst gesehen, ob irgendein anderes Nachgesetz notwendig gewesen wäre?! Ist es nicht kaum aussprechbar dumm von einem Gärtner, der zu einem Bugspalier Bäume setzt, wenn er sie dann erst zu beugen beginnt mit aller Macht und Kraft, so die Bäume zuvor schon eine Reihe von Jahren hindurch groß, hart und unbeugsam geworden sind?! Warum hat der dumme Gärtner denn mit seinen Bäumen die Beugung nicht zu einer Zeit vorgenommen, in der sie ganz leicht und ohne alle Gefahr zu beugen gewesen wären?! Sorge ein Gott oder auch ein Mensch, durch dessen Mund die Gottheit reden soll, zuerst für eine gerechte, der sittlichen Menschennatur angemessene weise Erziehung und gebe erst dann weise Gesetze, wenn der besterzogene Mensch derselben irgend noch bedürfen sollte!

10. O Freund Zinka! Du bist wohl ein Jude und wirst deine Lehre besser kennen als ich; aber soviel mir von ihr zufälligerweise bekannt ist, kann ich dir nichts anderes sagen, als was ich dir bereits gesagt habe, und du wirst aus dem einsehen, daß ich wegen der Versorgung von seiten des hohen Cyrenius meine auf der reinen Vernunft und auf den mathematischen Grundsätzen fußende Erkenntnis durchaus nicht von mir lassen kann. Unter solchen Tauschbedingungen weise ich jede noch so glänzende Versorgung zurück, ergreife lieber den Bettelstab und bringe so den armseligen Rest meiner Tage auf dieser Erde zu; was aber nachher die Natur mit mir machen will, das wird einem Toten und ins alte Nichts Zurückgekehrten wohl sehr einerlei sein! – Rede nun du, Zinka, ob ich recht oder nicht recht habe nach deiner Ansicht!“

11. Sagt Zinka: „Freund und Bruder Zorel! Ich kann dir im Grunde des Grundes ganz und gar nicht unrecht geben; aber das muß ich dir dennoch auch hinzubemerken, daß es noch ganz sonderbare Dinge gibt, von deren Möglichkeit du dir noch gar keine Vorstellung machen kannst. Wenn du dahinterkommen wirst, dann erst wirst du selbst erkennen, wieviel Gutes und Wahres an deinen diesmaligen Grundbehauptungen liegt!“

12. Sagt Zorel: „Ja, ja, recht also; wenn du aber schon etwas Besseres weißt, so wende mir was ein, und ich bin bereit, dir Rede zu stehen!“

13. Sagt Zinka: „Das würde dir und mir wenig nützen; aber wende dich an jenen Mann dort, von dem du sagtest, daß er dir gar so bekannt vorkäme! Der wird dir schon ein rechtes Licht anzünden, und du wirst darauf die Wahrheit oder das Gegenteil deiner Behauptungen gleich heller einzusehen beginnen!“

14. Sagt Zorel: „Gut denn, ich werde solches tun und habe keine Scheu vor ihm; aber er wird an mir eine harte Nuß zum Knacken bekommen!“

61. Kapitel. Materialistische Irrtümer.

1. Mit diesen Worten verläßt der in seine sehr elenden Lumpen gehüllte Zorel den Zinka und tritt zu Mir hin, sagend: „Hoher Herr und Meister der Heilkunde, dies Kleid, das da bedeckt meinen elenden Leib, sind Lumpen von gar elender Art; aber sie decken wenigstens die Scham eines Menschen, dem es wirklich leid tut, unter diesen vielen sein wollenden oder sollenden Menschen leider auch ein Mitmensch zu sein! Form haben wir zwar bis aufs Kleid dieselbe; aber zwischen dem Sein scheint ein himmelhoher Unterschied obzuwalten.

2. Ich bin ein Mensch, der da wohl zu unterscheiden versteht, daß zwei und zwei zusammen nicht sieben, sondern vier ausmachen! Zinka sagte mir, daß du der Mann wärest, der mir noch ein helleres Lichtchen anzünden könnte, als da ist das meinige, das mir wenigstens unter meinen Glaubensgenossen den Stempel der Menschheit aufdrückte; aber ich habe mir darauf nie was zugute getan und will mir noch weniger zugute tun, wenn du mir ein anderes Lichtlein anzünden willst. Zinka sagte mir, daß du allein solches zu tun imstande wärest.

3. Meine eben sicher nicht aus der blauen Luft gegriffenen Grundsätze hast du gehört. Sie waren für mich leider eine nur zu handgreifliche Wahrheit; kannst du mir aber dafür etwas Besseres geben, so tue das, und ich lasse gerne augenblicklich meinen ganzen Wahrheitsplunder von ganzem Herzen fahren! Ich weiß zwar nicht, mit welchem Ehrentitel ich dich begrüßen soll, – aber ich denke, daß auch du ein Mensch der Wahrheit bist, und solchen Menschen ist es wohl eins, welchen Titel man ihnen beilegt. Ich nenne dich ,Hoher Meister‘ und ehre dich als solchen, obwohl ich dich bloß nur vom Hörensagen kenne. Wirst du mir aber auch in der Tat genügen, da sollst du von mir angebetet werden!

4. Sage mir denn, so es dir genehm ist, inwieweit ich mit meinen Wahrheitsgrundsätzen wohl oder irrig daran bin! Sind wir nun mehr oder weniger Menschen, als jene es waren, die als erste vernünftige Wesen diese Erde bewohnt haben? Darf ich nun, weil die Menschen einmal ein Besitzschutzgesetz erfunden haben, von dem sie sagen, daß es ein Gott gegeben habe, als ein armer Faun, der schon oft drei Tage keinen Bissen zu essen hatte und durchs Bitten auch nichts bekommen konnte, mir nicht so viel nehmen von irgendeines andern Menschen Überflusse, um mich nur zur Not vor dem Hungertode zu schützen, da doch ein jeder Erdwurm das Recht hat, sich mit einem Fremdbesitze zu sättigen, ohne ihn kaufen zu müssen, weil auch er ein Bewohner dieses Erdbodens ist und leider sein muß, da es einmal die mächtige Natur also eingerichtet hat? Oder soll ein Mensch weniger Recht haben, sich mit den seiner Natur zusagenden Erdfrüchten zu sättigen darum, weil er sich kein gutes Stück Erdreich kaufen konnte –, als ein Vogel in der Luft, von denen doch ein jeder ein ausgemachter Dieb ist?! Ich bitte dich, daß du mir darüber einen rechten Bescheid geben möchtest!“

5. Sage Ich: „Freund, solange du deine Menschenrechte denen der Tiere gleichstellst, hast du mit deinen Naturgrundrechten auch vollkommen recht; da kann Ich dir durchaus nichts einwenden, und jedes Eigentum schützende und jedes andere Moralgesetz ist da eine allerabsurdeste Lächerlichkeit! Wie dumm müßte der sein, der den Vögeln in der Luft, den Tieren auf der Erde und den Fischen im Wasser Eigentumsschutzgesetze und andere sittliche Vorschriften geben wollte; denn ein nur einigermaßen vernünftiger Mensch, oder gar ein Gott, muß es ja wissen, daß diese Wesen ihre Natur zum einzigen Gesetzgeber haben! Du hast demnach ganz recht mit deinen Ansichten, wenn der Mensch vorderhand nichts anderes ist und zu erwarten hat – als irgendein Tier, wie es so in seiner Natur dasteht.

6. Aber wenn der Mensch irgendeines sehr wohl möglichen höheren Zweckes wegen da ist oder da sein dürfte, wovon dir freilich bis jetzt wohl noch nichts in deinen Sinn hat kommen können, was deine nur für die untersten Bedürfnisse streitende Weisheit nur zu deutlich zu erkennen gibt, so dürften deine mathematischen Grundsätze wohl auf sehr schwachen und wankenden Füßen stehen!

7. Daß aber ein jeder Mensch für einen höheren Zweck auf diese Erde gesetzt wurde, solltest du ja schon daraus erkennen, daß er als ein neugeborenes Wesen tief unter jedem Tiere steht und erst nach einigen Jahren tüchtiger Pflege anfängt, ein Mensch zu werden. Er muß in irgendeine Ordnung treten und mit allerlei gerechter Mühe und rechtlichem Kampfe sich sein Brot erwerben. Darum hat er aber denn auch Gesetze überkommen, damit er sie als erste Wegweiser zu einem höheren Ziele hin betrachten soll und sie auch halten aus seinem freien Willen heraus wegen der ferneren Selbstbildung und Selbstbestimmung, durch die allein er am Ende seine hohe Bestimmung erreichen kann, – aber nie als ein noch so beißend vernünftiger Tiermensch, sondern als ein vollkommener Menschmensch.

8. Solange du dich nur kümmerst um das, was dem Fleische gebührt, wirst du als Mensch nicht weit kommen; ah, wenn du aber dahinterkommen wirst, daß in dir noch ein Mensch wohnt, der ganz andere Bedürfnisse als dein Leib hat und auch für etwas ganz anderes bestimmt ist, da wird es dir nimmer schwer werden zu erkennen, wie sehr du mit deinen Grundsätzen im lockersten Sande herumwühlst!

9. Siehe, Ich kenne deinen sonst guten Willen und dein Forschen nach Wahrheit und nach dem Grund all des Bösen, mit dem nun die Menschheit auf Erden wahrlich bis über die Ohren behaftet ist! Deine Gedanken, dieweil du am Stehlen von jeher eine besondere Freude hattest, haben dir das Schutzgesetz für Eigentum und rechtlichen Besitz als deine Pandorabüchse bezeichnet; und weil du in deinen jüngeren Jahren zugleich ein großer und genußsüchtiger Freund der Weiber warst, so genierte dich auch stets ein Moralgesetz, das dir wie jedermann den Mißbrauch des Beischlafs als eine Sünde bezeichnet hat.

10. Ja, als ein Tiermensch hast du auch da mit deinen Grundsätzen ganz vollkommen recht, wie auch damit, daß vor den anderen Gesetzen dahin ein Vorgesetz bestehen sollte, demnach alle Kinder eine solche Erziehung erhalten sollten, durch die ihnen die gesellschaftliche Ordnung so eingebleut werden müßte, daß es ihnen im männlichen Alter zur blanksten Unmöglichkeit würde, je irgendein Gesetz zu übertreten, was dann eine nachträgliche Gesetzgebung ganz natürlich überflüssig machen würde.

11. Ja, siehe, diese Ordnung hat der Schöpfer der Welten und aller Wesen ja auch bei den Tieren eingeführt! Jedes Tier bekommt schon im Mutterleibe deine verlangte Vorerziehung ordentlich in seine ganze Natur und bedarf für späterhin gar keines Gesetzes mehr; denn es bringt mit der Vorerziehung im Mutterleibe schon alles mit sich, was es fürs ganze Leben braucht! Der aber, der die Engelsgeister, die Himmel, die Welten und die Menschen erschuf, wußte sicher recht wohl, was dazu erforderlich ist, um den Menschen zu einem freien Menschen und zu keinem gerichteten Tiere zu erschaffen und nachher zu erziehen.

12. Wenn du deine mathematisch richtigen Lebensgrundsätze noch etwas genauer untersuchst, so wirst du bald auch finden, daß die Sprache für den Menschen ein großes Übel ist, da die Menschen sich durch sie in allen schlechten Dingen und Sachen unterweisen können. Auch wäre die Lüge nie unter die Menschen gekommen, so sie nicht reden könnten, weder durch Zeichen noch durch Worte; ja sogar das Denken ist gefährlich, weil die Menschen durch dasselbe auf allerlei Bosheiten und Hinterlistigkeiten geraten könnten! Am Ende sollten sie auch nicht klar sehen, rein hören, nicht schmecken und nicht riechen dürfen; denn alle diese Sinne im klaren und reinen Zustande könnten den Menschen ja noch gar leicht auf irgend etwas gierig und lüstern machen, was zufälligerweise schlecht wäre! Jetzt betrachte du deinen Menschen nach deinen mathematischen Grundsätzen und frage dich selbst, ob zwischen ihm und einem Meerespolypen, mit Ausnahme der Form, irgendein Unterschied obwaltet!

13. Was willst du aber dann für den hohen Zweck, für den ein jeder Mensch erschaffen ist, mit solch einem Menschen machen? Welche Bildung wirst du ihm geben können? Wann wird so ein Mensch zur Erkenntnis seiner selbst und zur Erkenntnis des wahren Gottes, des Urgrundes aller Dinge und alles Lichtes und aller Seligkeiten, gelangen? Siehe an die Einrichtung eines gesunden Menschen, betrachte und durchforsche sie mit deinem kritischen Verstande genau, und du wirst finden, daß ein so weise und überaus kunstvoll eingerichtetes Wesen am Ende ja doch noch eine andere Bestimmung haben muß als bloß die nur, sich täglich den Bauch zu füllen, um hernach recht viel Unrates von sich lassen zu können!“

62. Kapitel. Vom berechtigten Schutze des Eigentums.

1. (Der Herr:) „Du schützest hier freilich deine und noch vieler anderer Menschen Armut vor und willst für dich gegen das göttliche Eigentumsschutzgesetz so viel des Rechtes haben, daß du als hungrig und durstig dir im dringenden Notfalle so viel ohne Sünde gegen das besagte Gesetz nehmen darfst, um dich zu sättigen. Ich kann dir da aus verläßlichster Quelle sagen, daß Jehova, als Er durch Moses dem israelitischen Volke die Gesetze gab, dieses Bedürfnisses wohl gedachte und ebenfalls als ein förmliches Gesetz den Menschen einschärfte, indem Er sagte: ,Dem Esel, der auf deinem Acker arbeitet, sollst du nicht wehren, daselbst einen Fraß zu nehmen, und dem Ochsen, der den Pflug zieht, das Maul nicht zubinden! So du aber die gebundenen Garben in deine Scheuern trägst, da lasse die auf dem Acker gebliebenen Ähren liegen, auf daß die Armen sammeln für ihre Notdurft! Jeder aber sei stets bereit, dem Armen zu helfen, und wer da sagt: ,Es hungert mich!‘, den lasse nicht weiterziehen, als bis er sich gesättigt hat!‘ Siehe, das ist auch ein Gesetz Jehovas, und Ich meine, daß da auch der Armut hinreichend gedacht wurde.

2. Daß aber nicht ein jeder auf dieser Erde geborene Mensch ein Grundbesitzer werden und sein kann, liegt ja klar in der Natur der Dinge. Die wenigen ersten Menschen konnten sich in den Besitz der Ländereien freilich leicht teilen, denn es war damals noch die ganze Erde herrenlos; nun aber wird die Erde besonders in ihren fruchtbaren Ländern von nahe zahllos vielen Menschen bewohnt und darunter kann man doch jenen Familien, die den Erdboden schon seit lange her im Schweiße ihres Angesichtes bearbeitet und ihn mit vielen Lebensgefahren gereinigt und fruchtbar gemacht haben, den ihnen zugemessenen Grundbesitz nicht mehr streitig machen, sondern muß sie des allgemeinen Wohles wegen allerkräftigst schützen, daß denen, die einmal durch ihren Fleiß den Erdboden gesegnet haben, ihr Anteil nicht entrissen werde, weil sie ihn nicht nur für sich ganz allein, sondern noch danebst für hundert andere Menschen, die keinen Grund und Boden besitzen können, alljährlich bearbeiten müssen.

3. Wer einen großen Grundteil besitzt, der muß sehr viele Dienstleute haben, und diese leben alle wie der Besitzer selbst vom selben Grund und Boden. Wäre es gut für die Diener, so man einem jeden von ihnen irgendeinen gleich großen Grund gäbe? Könnte ihn ein Mensch wohl bearbeiten?! Und könnte er dies auch eine Zeitlang, – was aber geschähe dann, wenn er krank und schwach würde? Ist es denn nicht bei weitem besser und klüger, so da wenige etwas Festes besitzen und haben Kammern und Vorräte, als so da alle Menschen, ja sogar schon die neugeborenen Kinder nichts als lauter vereinzelte Grundbesitzer wären, bei welcher Einrichtung am Ende, und das ganz sicher, zur Zeit der Not gar niemand einen Vorrat hätte?!

4. Weiter frage Ich deinen mathematischen Verstand: Wenn es in der Gesellschaft von Menschenvereinen nicht ein Eigentumsschutzgesetz gäbe, so möchte Ich denn doch sehen, was du für eine Miene dazu machen würdest, so da andere kämen, die es nie besonders gelüstet hatte zu arbeiten, und dir wegnähmen deinen kleinen Vorrat, um sich zu sättigen! Würdest du ihnen da nicht zurufen und sagen: ,Warum habt denn ihr nicht gearbeitet und gesammelt?!‘? Und wenn sie dir antworteten: ,Weil wir dazu keine Lust hatten und wohl wußten, daß unsere Nachbarn arbeiten!‘, würdest du da nicht ein Schutzgesetz für höchst zweckmäßig finden und wünschen, daß solche losen Frevler durch irgendein Gericht gezüchtigt würden und endlich angehalten zu dienen und zu arbeiten, und möchtest du fürder nicht wünschen, daß dir die weggenommenen Vorräte wieder zurückerstattet würden? Siehe, das verlangt alles auch die reine Vernunft des Menschen!

5. Wenn du deine mathematischen Grundsätze aber schon durchaus für die besten von der Welt ansiehst, so wandere du von hier tausend Feldwege gen Osten fort; dort wirst du noch eine Menge vollkommen herrenlosen Grundes finden in den hohen und weitgedehnten Gebirgen! Dort kannst du dich sogleich ganz ungehindert in den Besitz eines viele Stunden Weges langen und breiten Grundes setzen, und kein Mensch wird dir den Besitz streitig machen. Du darfst dir sogar ein paar Weiber und noch etliche Diener mitnehmen und dir in jener etwas fernen Gebirgsgegend einen förmlichen Staat einrichten, und in tausend Jahren wird dich kein Mensch in deinen Besitzungen stören; nur etwelche Bären, Wölfe und Hyänen wirst du dir zuvor aus dem Wege zu räumen haben, weil sie dich sonst zur Nachtzeit ein wenig beunruhigen könnten. Auf diese Weise würdest du wenigstens die bedeutenden Schwierigkeiten samt und sonders kennenlernen, mit denen die Besitzer dieser Gründe zu kämpfen hatten, bis der Boden auf den gegenwärtigen Kulturzustand gebracht werden konnte! Wenn du das alles selbst versucht haben würdest, da würdest du dann auch einsehen, wie ungerecht es wäre, den Urgrundbesitzern nun für die trägen und arbeitsscheuen Gauner den Besitz wegzunehmen und ihn diesen einzuräumen.

6. Siehe, weil du selbst weder ein besonderer Freund vom Arbeiten und noch weniger vom Bitten bist, so hat dich das alte Eigentumsschutzgesetz auch stets geniert, und du nahmst dir darum selbst das Recht, zu nehmen, wo du nur etwas ungesehen und ungestraft zu nehmen bekamst! Nur den bei zwei Morgen großen Acker hast du dir samt der Hütte angekauft, aber auch mit einem Gelde, das du dir nicht durch Arbeiten verdient, sondern in Sparta einem reichen Kaufmanne auf eine ganz pfiffige Art entwendet hast. Nun, in Sparta war einst das Stehlen erlaubt, wenn es auf eine pfiffige Art vollzogen wurde; aber nun bestehen auch in Sparta schon seit vielen Jahren dieselben Eigentumsschutzgesetze wie hier, und du hattest darum jenen Kaufmann ganz rechtswidrig bestohlen und ihn um ein paar Pfunde Goldes leichter gemacht. Und damit hast du dir als ein Flüchtling hier den bewußten Acker samt der Hütte angekauft; alles andere aber, was du besessen, hast du dir in Cäsarea Philippi und in der Umgegend zusammengestohlen!

7. Wehe jedoch dem, der dir etwas entwendet hätte; dem hättest du das dich so stark anwidernde Eigentumsschutzgesetz auf eine Weise eingeschärft, die einem römischen Büttel sicher keine Schande gemacht haben würde! Oder wäre es dir wohl genehm gewesen, so deines Ackers reife Frucht jemand anders darum, weil er ein vollkommen Armer wäre, eingeerntet hätte?! Siehe, was dir nicht recht wäre, das wird auch einem andern nicht recht sein, so du ihn mit deinen mathematisch wahren und richtigen Lebens- und Erziehungsgrundsätzen seiner Ernte berauben würdest! Wenn aber die Sache sich praktisch nur so verhalten kann, wie Ich sie dir nun dargestellt habe, hältst du da nun noch deine Lebensgrundsätze für die allein wahren und unbestreitbar richtigen?“

8. Hier stutzt Zorel sehr, da er sich gänzlich überwiesen und besiegt ersieht.

63. Kapitel. Zorels Herkunft und Verwandschaft.

1. Zinka aber kommt von hinten zu ihm, klopft ihm auf die Achsel und sagt: „Nun, Freund Zorel, wirst du nun die Versorgung vom Cyrenius annehmen oder nicht? Denn mir scheint's, daß deine Lebensmaximen, so gut sie anfänglich sogar mir selbst geschienen haben, samt und sonders in den Brunnen hinabgefallen sind!“

2. Sagt nach einer Weile Zorel: „Ja, ja, der Heiland hat allein recht! Ich sehe nun meinen Unsinn ganz hell und klar ein, und es verhält sich alles also, wie er es über mich ausgesagt hat. Wie er aber nur das alles hat erfahren können?! Ja, wahr ist alles, und das nur leider zu wahr! Aber, was nun anfangen, was nun tun?“

3. Sagt Zinka: „Nichts, als weiter bitten um eine rechte Belehrung, sie dann hören und danach handeln; alles andere überlasse du nun denen, die dir wohlwollen und dir helfen können und auch werden, so du das tust, was ich dir nun angeraten habe!“

4. Hier fällt Zorel gleich vor Mir auf die Knie nieder und bittet Mich um eine Belehrung, und Ich bescheide ihn zum Apostel Johannes darum. Zorel fragt Mich nun sehr ehrfurchtsvoll, warum Ich ihm nicht eine weitere Belehrung geben wolle.

5. Ich aber sage: „So ein Herr einer Sache allerlei Diener und Knechte um sich hat, tut er etwa unrecht, so er auch ihnen nach ihren guten Fähigkeiten Arbeiten zuteilt? Es ist nicht nötig, daß er selbst alles mit seinen Händen angreift, damit es vollendet werde; es genügt des Herrn Geist, und die Arbeit wird doch vollendet werden auch durch der Knechte gewandte Hände. Gehe du darum nur hin, zu dem Ich dich beschieden habe, und du wirst schon auch an ihm den rechten Mann finden! Jener dort an der Ecke des Tisches ist es, der einen lichtblauen Mantel über seinen Lenden trägt.“

6. Nach diesen Meinen Worten erhebt sich Zorel und eilt zu Johannes hin. Als er zu Johannes kommt, sagt er zu ihm: „Du treuer Knecht jenes überweisen Herrn dort! So du auch vernommen hast, wer ich bin und wie beschaffen, so gib du mir zu meiner vollen Besserung jene Lehre, die mich würdig machen soll, unter die Zahl derjenigen aufgenommen zu werden, die sich mit wahrem Rechte Menschen nennen dürfen! Ich verlange nun keine Versorgung mehr darum, daß ich ein rechter Mensch werde, sondern allein um der Wahrheit willen möchte ich von dir die volle Wahrheit hören!“

7. Sagt Johannes: „Die soll dir im Namen jenes Herrn dort auch zuteil werden! Aber zuvor mußt du mir die Versicherung geben, daß du dein Leben in der Zukunft völlig ändern wirst und gutmachen jeglichen Schaden, den du je jemand wider seinen Willen zugefügt hast; auch dem noch lebenden Kaufmanne in Sparta müssen seine zwei Pfunde Goldes zurückerstattet werden! Nebstbei mußt du dein Heidentum auch ganz fahren lassen und ein Neujude werden; denn es war dein Großvater ein Jude, und zwar aus dem Stamme Levi. Er zog vor vierzig Jahren nach Sparta, um dort den Griechen den allein wahren Gott zu verkünden und sie zu Juden im Geiste zu machen; aber er ließ sich am Ende selbst überreden und ward mit seinem ganzen Hause ein dummer und sehr blinder Heide, und du wardst dasselbe, weil du in Sparta erst auf die Welt kamst. Deine beiden Brüder aber, die sich nun in Athen aufhalten, wurden zufolge ihrer guten Beredsamkeit gar heidnische Priester und weihen noch zur Stunde ihre leeren Dienste dem Apollo und der Minerva, und deine einzige Schwester ist das Weib eines Krämers, der mit den Ephesergöttern und -bildern einen lockern Handel treibt und daneben auch mit allerlei Lust- und Buhldirnen ziemlich Geld eintragende Geschäfte, teils durch Verkauf und größtenteils durch Verkuppelung, macht. Das ist dein Schwager, einst auch ein Jude, und nun das, was ich dir soeben bemerket habe.“

8. Zorel war ganz betroffen darob, daß Johannes alles wußte, was er selbst aus ganz triftigen Gründen wohl nie jemandem gemeldet hätte; aber er konnte nun nicht umhin, solches alles aus dem Munde eines Menschen zu vernehmen, von dem er nichts anderes halten konnte, als daß dieser im Griechenlande war und um alles wußte, was dort war und geschah und nun noch ist.

9. Zorel fragte darum etwas hastig den Johannes, sagend: „Aber wozu dies alles nun hererzählen vor allen Menschen? Ist es denn nicht genug, daß du und ich es wissen?! Warum müssen denn das alle uns Umgebenden vernehmen?“

10. Sagt Johannes: „Sei darob ruhig, Freund! Täte ich solches, um dir zu schaden an Seele und Leib, so wäre ich ein schlechter Mensch und wäre vor Gott ärger daran denn dein loser Schwager in Athen; aber ich muß dich nun um deines Heiles willen ganz enthüllen vor den Menschen, auf daß du vor niemandem als etwas dastehest, was du nicht bist! Willst du vollkommen werden, so mußt du dich entdecken, und es darf kein Hehl in deiner Seele sein; erst wenn alles Unordentliche aus dir heraus ist, kannst du an der Vollendung zu arbeiten anfangen. Du könntest zwar auch im stillen bei dir selbst alle deine vielen Sünden gänzlich ablegen und ein besserer Mensch werden, so daß dich die Menschen darob achteten und ehrten; denn sie wüßten von dir ja nur Gutes und nichts Schlechtes, und es würden viele deinem guten Beispiele folgen! Aber so sie nach der Zeit von einem glaubwürdigen Zeugen erführen, welch ein grober und großer Sünder du so ganz im Verborgenen gewesen bist, mit welch bedenklichen Augen würden dich am Ende alle die ansehen, die dich zuvor als einen reinen Menschen ehrten und deinem Beispiele folgten?! Alle deine Tugend würde zu einem Schafspelze werden, hinter dem man einen reißenden Wolf zu wähnen anfinge, und man würde dich dann trotz aller deiner an und für sich tadellosen Tugend fliehen und deine sonst so lehrreiche Gesellschaft meiden.

11. Du siehst daraus, daß man, um vollkommen zu sein, nicht nur das Sein, sondern auch den Schein des Bösen meiden muß, ohnedem es schwer sein wird, seinem Nächsten wahrhaft zu nützen, was am Ende doch der Hauptberuf eines jeden Menschen ist und sein muß, weil ohnedem sich keine wahrhaft glückliche Gesellschaft auf dieser Erde denken läßt!

12. Denn was nützete das einer Menschengesellschaft, so auch jeder Mensch für sich ganz vollkommen wäre, hielte sich aber stets verborgen vor seinem Nachbar? Da würde einer dem andern zu mißtrauen anfangen, und wo irgendeine Mücke um das Haupt eines noch so harmlosen Nachbarn sumsete, würde man lauter fliegende Drachen und Elefanten ersehen! Lernen dich aber nun alle kennen, wer und wie du warst, was du getan und wie du gelebt hast, und du besserst dich nun und wirst vor aller Menschen Augen und Ohren ein anderer Mensch voll Einsicht in deine früheren Übel und voll wahrer und lebendiger Verabscheuung gegen dieselben, so wird ein jeder Mensch dich auch mit dem aufrichtigsten Vertrauen und Wohlwollen umfassen und dich lieben, wie da ein reiner Bruder den andern reinen Bruder liebt. Es muß daher hier von dir zuvor alles offenkundig werden, bevor du wirksam in eine bessere Lehre eingehen kannst.

13. Es ist nun zwar vieles schon offenbar geworden, aber noch nicht alles, und weil dir das Bekennen etwas schwer vorkommt, so erleichtere ich dir solches eben dadurch, daß ich statt deiner ganz wort- und sinngetreu erzähle, was mir aus deinem Leben sonnenhell und klarst bekannt ist!“

14. Fragt Zorel: „Aber wie möglich kannst du das alles wissen? Wer hat es dir geoffenbart? Ich habe dich zuvor noch nie gesehen und gesprochen!“

64. Kapitel. Zorels Vergangenheit als Sklavenhändler.

1. Sagt Johannes: „Darum kümmere dich nun wenig; wenn du vollkommen wirst, dann wird dir alles klar werden; aber nun zu unserer Sache!

2. Das Schlimmste an deinem Wesen aber ist, daß du einen geheimen Sklavenhändler gemacht hast, in der letzten Zeit mit zwölf- bis vierzehnjährigen Mägdlein aus Kleinasien, und verhandeltest sie nach Ägypten und nach Persien, und es kamen solche edlen Mägdlein oft in sehr böse Hände und nur wenige in gute. Daß solche Mägdlein von dem, der sie an sich gekauft hatte, alsbald auf das schnödeste geschändet worden sind, kannst du dir wohl denken. Wenn es noch beim natürlichen Beischlafe geblieben wäre, so machte das noch nicht gar soviel der Schuld aus; aber wie sind welche in Alexandrien, in Kahiro, in Theben und in Memphis zugerichtet worden! Und wie werden sie noch zugerichtet! Sähest du so ein armes Mädchen, wie es vor dem Genusse der größeren Sinnlichkeitserregung halber von ihrem Teufel von einem Herrn mit Ruten und Peitschen zerfleischt wird, so würdest du dich selbst, bei deinem wenigen Menschengefühle, verfluchen, durch schnöde Gewinnsucht einen Menschen solch einem unbeschreiblichen Elende ausgeliefert zu haben!

3. Wie viele tausend Flüche und allergräßlichste Verwünschungen sind über dich schon ausgesprochen worden, wie viele hunderttausendmal hunderttausend Tränen im zu großen Schmerze zu teuflischer Mißhandlungen geweint und verächzet worden! Wie viele solcher zarten Mägdlein sind infolge zu unaushaltbarer Schmerzen in der allergrinsendsten Verzweiflung gestorben! Und siehe, diese alle hast du, dich verdammend, auf deinem Gewissen! Denn sieh, du triebst dein geheimes, losestes Geschäft ins Große, besonders vor etwa drei Jahren, und die Zahl derer, die du also sehr unglücklich gemacht hast, ist groß geworden und faßt nun schon die Vielheit von achttausend Köpfen! Frage: Wie wirst du das je wohl gutzumachen imstande sein? Was haben dir diese Mägdlein je getan, darum du sie gar so unglücklich gemacht hast? Jetzt rede und verantworte dich!“

65. Kapitel. Zorels Entschuldigungen.

1. Hier steht Zorel ganz betroffen und bestürzt, und erst nach einer ziemlich langen Pause sagt er: „Freund, hätte ich damals das erkannt und gekannt, wie und was ich nun erkenne, so kannst du dir's wohl denken, daß ich alles eher denn einen Sklavenhandel getrieben hätte! Ich bin ein Staatsbürger Roms, und kein Gesetz verbot je meines Wissens den Sklavenhandel; er ist und war von jeher erlaubt, und was Hunderte gesetzlich erlaubt treiben durften, wie hätte das dann mir untersagt sein sollen?! Kinder dürfen ja sogar die Juden kaufen, besonders so sie kinderlos sind, warum irgend andere gebildete Völker nicht, zu denen die Ägypter doch schon seit Menschengedenken ohne allen Zweifel gehörten, wie im gleichen Maße auch die Perser?! Man hatte also die Mägdlein an kein wildes und rohes Volk verkauft, sondern an das in jeder Hinsicht gebildetste auf der nun bekannten weiten Erde, wo man mit Fug und Recht erwarten konnte, dadurch das heimisch traurige Los solcher Kinder nicht zu verschlimmern, sondern offenbar nur zu verbessern!

2. Denn gehe du hin in die Gegend von Kleinasien, und du wirst dort solche Massen von Menschen und besonders Kindern antreffen, daß du als ein weisester Mann dich am Ende dennoch selbst zu fragen anfangen müßtest, woher diese Menschen sich, ohne daß sie sich gegenseitig aufzuessen anfangen, ernähren und erhalten sollen! Ich kann dir versichern, daß ich beim jedesmaligen Kommen in die Gegenden von Kleinasien von den Bewohnern mit Kindern ordentlich bestürmt wurde. Um etliche Brotlaibe bekam ich Mägdlein und auch Knaben in Hülle und Fülle; und die Kinder rannten mir jauchzend zu und wollten sich von mir gar nicht mehr trennen. Wenn ich hundert kaufte, bekam ich noch eine Zuwage von vierzig bis fünfzig Mägdlein. Viele kauften mir die Essäer ab, die Knaben nahe alle, welchen Alters sie auch waren; auch Mägdlein nahmen sie mir häufig ab. Die Ägypter kauften nur die schon mehr erwachsenen Mägde teils zur Arbeit, teils wahrscheinlich auch zu ihrer Lust. Daß es einige Geilböcke darunter geben mag, die eine Sklavin aus Wollust peinigen, will ich nicht gerade bezweifeln; aber viele solcher wird es ja doch wohl nicht geben.

3. Nach Persien sind meines Wissens nicht viele gegangen, und die wurden zumeist von persischen Kaufleuten und allerlei Künstlern aufgekauft, allwo sie meines Wissens zu allerlei nützlichen und guten Arbeiten verwendet werden. Dazu besteht in Persien schon seit langem ein recht weises Gesetz, laut dem ein jeder Sklave und eine jede Sklavin nach zehn Jahren, wenn sie sich gut aufgeführt haben, die volle Freiheit erlangen und am Ende tun können, was sie wollen. Sie können dort bleiben, für sich ein Gewerbe anfangen oder aber auch heimwärts ziehen. Also die nach Persien Verkauften können wahrlich von wenig Unglück reden! Nun, daß es gerade einigen in Ägypten eben nicht am besten gehen dürfte, will ich nicht in irgendeine Abrede stellen; aber begeben wir uns nur in ihr Vaterland, und wir werden dort gar viele treffen, denen es sicher als Freie nicht um ein Haar besser geht als jenen Unglücklichen in Ägypten! Denn fürs erste haben diese nahe nichts zu essen, und viele nähren sich von rohen Wurzeln, die sie in Wäldern sammeln, und viele gibt es, die sommers und winters aus Mangel an irgendeiner Bekleidung ganz nackt herumziehen und betteln, stehlen und wahrsagen. Manche von ihnen erbetteln oder erstehlen sich einige Lumpen; den meisten gelingt dies nicht, und die ziehen darum ganz nackt herum, stets mit einem Haufen Kinder versehen.

4. Von diesen Herumziehern haben ich und mein Gesellschafter denn auch stets die größte Anzahl von überzähligen Kindern aufgekauft und sie auf diese Weise versorgt. Die festen Pontusbewohner heißen sie ,Zagani‘, was soviel besagt als ,die Vertriebenen‘. Es wimmelt von diesen Menschen; ganze, große Horden treiben sich herum und haben weder Dach noch Fach, noch irgend Grund und Boden. Höhlen, Erdlöcher und hohle Bäume sind gewöhnlich ihre Wohnung; und ich frage nun dich, ob man diesen Menschen nicht schon dadurch eine große Wohltat erweist, so man ihnen die Kinder umsonst abnimmt und sie irgend versorgt, geschweige erst, so man sie den nackten und überhungrigen Eltern ums bare Geld, um Kleidung und ums gute Brot abkauft?

5. Wenn man nach meiner bisherigen Art zu denken nun das gegeneinander hält, wie einige von diesen Menschen früher die leidigsten Sklaven der größten Armut waren und hernach durch mich zu von Menschen ganz gut versorgten Sklaven wurden, so wird man mit Leichtigkeit finden, daß das Unglück, das ich nach deinem Dartun diesen Menschen zubrachte, nicht ein gar so enorm großes ist, wie du es dir vorstellst. Aber auch dieses würde ich ihnen nicht zugefügt haben, wenn ich ehedem so wie nun gedacht hätte.

6. Übrigens sage ich dir nur so im Vertrauen, obwohl ich über deine fromme und gottergebene Weisheit staune, daß es von einem allgütigen Gott, wenn Er irgend in die Geschicke des Menschen eingreift, denn doch auch ein wenig sonderbar ist, eine so große Anzahl ganz wohlgestalteter Menschen gleich wilden Tieren auf der Erde herumkriechen zu lassen! So viel könnte irgendein allmächtiger Gott schon tun, daß derlei Menschen irgendeine etwas bessere Unterkunft auf der lieben Erde fänden!

7. Es ist ja für einen denkenden Menschen doch ein bißchen sonderbar, wenn er Hunderttausende von sonst ganz wohlgestalteten Menschen im höchsten Grade unversorgt, hungrig und nackt herumziehen sieht und kann ihnen selbst mit dem besten Willen von der Welt nicht helfen! Wäre es denn ein Wunder, Freund, so man beim Anblick solcher Menschen am Dasein eines allweisen und höchst gütigen Gottes ein wenig zu zweifeln anfinge?! Und meine frühere Behauptung gegen wenigstens ein zu schroffes Eigentumsschutzgesetz dürfte beim Anblick so vieler Elenden am Ende doch nicht ganz ohne sein!

8. Nun, Freund, hast du meine Verantwortung und Rechtfertigung wider den schwersten von dir mir gemachten Vorwurf; tue nun, was du willst, doch vergiß es nie, daß ein sehr weltkundiger Zorel mit gespanntem Bogen vor dir steht und trotz der Lumpen, die ihn nun bedecken, vor keiner Weisheit irgendeine zu übermäßige Furcht hat! Gib mir aber nun bessere Gründe dafür, daß alles, was da ist, nach der Weisheit Gottes so sein muß, wie es ist, und ich werde dir leichten Atems höchst dankbar sein! Denn das mußt du so gut wie ich einsehen, daß es auf der Erde nach meiner menschlichen Einsicht viel des unnötigen Elendes nebst eines häufig vorkommenden zu großen Wohlstandes einzelner Menschen gibt! Warum hat gerade einer alles – und Hunderttausende neben ihm nichts? Kurz, erkläre mir das Elend von all den kleinasiatischen Zaganen! Wer sind sie, von woher kommen sie, und warum müssen sie in solcher ewigen Not schmachten?“

66. Kapitel. Die Mädchenschändungen des Zorel.

1. Sagt Johannes: „Wenn du die wahre Weisheit aus Gott mit der Elle des etwas geweckten Verstandes bemißt, dann hast du recht, dich vor keiner Weisheit zu scheuen. Aber da die wahre Weisheit aus Gott nie mit der kurzen Verstandeselle bemessen wird, sondern wie alles aus Gott mit dem Maße der Ewigkeit und Unendlichkeit, da dürftest du mit deinem Verstande schier etwas zu kurz kommen! Aber lassen wir das und kehren zu dem zurück, von dem wir ausgegangen sind.

2. Du sagtest mir aus guter Sachkenntnis, wie schlecht es den Zaganen in Kleinasien ergeht, und wie elend sie sind, und daß es für ihre Kinder eine rechte Wohltat sei, und mitunter auch ist, von den Sklavenhändlern aufgekauft und sodann irgendwohin weiterverkauft zu werden. Lassen wir somit das; denn du schützest eine Art guten Wollens von deiner Seite vor, und ich will dir einen Zehnteil davon zugute kommen lassen! Aber ich habe aus deiner Gewissenskammer noch etwas im Hintergrunde, und dieses sonderbare Etwas verzehrt das dir zugute kommen sollende Zehntel nahe ganz, so daß dir am Ende nichts als pur Arges wird zugeschrieben werden können! Ich zweifle, daß dir dagegen dein Verstand irgendein Recht zuerkennen wird.

3. Sage mir, womit du, sage nur für deine Person, die von dir sehr häufig vorgenommene Mädchenschändung rechtfertigst! Findest du da nicht auch irgendeinen vernünftigen Grund, nicht gegen das mosaische Gottesgesetz, sondern gegen das römische Staatsgesetz, das mit starker Ahndung gegen die Schändung unreifer Mägdlein zu Felde zieht?! Hat dich je das gewaltige Angst- und Wehegeschrei eines Mägdleins, das deiner großen Sinnlichkeit zu Gesichte stand, gerührt?! Und sind nicht bei fünf von dir, wennschon in früherer Zeit, erbärmlichst genotzüchtigte, sonst sehr wohlgestaltete Mägdlein auf eine elendeste Art von der Welt verstorben?! Dein Kompagnon zeigte dir noch den Geldschaden, der euch dadurch erwachsen war, denn die fünf zehn- bis zwölfjährigen Mägdlein hättet ihr wegen ihrer schönen und üppigen Gestalt leicht um fünfhundert Pfunde Silbers in Kahiro verkaufen können. Dich schmerzte zwar ein so bedeutender Verlust, und du verwünschtest darum auch zu öfteren Malen deine starke Geilheit; aber darum hast du sie noch nie verwünscht, weil du ein blinder Mörder von fünf gar lieblichen Mägdlein geworden bist!

4. Nun fasse du das alles zusammen und sage mir, wie du dir nun als Mensch unter den Menschen vorkommst, und ob das Maß deines Verstandes hier auch noch einen entschuldigenden Grund für dich finden wird! Mit dem, als wärest du ein ganz verwildeter, roher Naturmensch, der kaum das noch so Schlechte von etwas Gutem zu unterscheiden vermöchte, kannst du dich nicht entschuldigen; denn du hast mir ehedem recht schön gezeigt, wie bedauerlich elend die Zaganen leben, und wie solch eine Vernachlässigung eines ganzen Volkes Gott dem Herrn und Seiner Liebe und Weisheit eben keine besondere Ehre mache. Ja du fordertest mich sogar auf, dir den göttlichen Weisheitsgrund zu zeigen, aus dem ein Gott ein ganzes, großes Volk gar so elendiglich darben läßt! Du hast demnach ein ganz respektierliches Rechtsgefühl und eine vollkommene Kenntnis von Gut und Böse. Wie konntest du mit jenen Mägdlein gar so unmenschlich verfahren? Du hast sie wohl selbst darauf nach deiner schlechten Kenntnis ärztlich behandelt, verdarbst sie aber dadurch nur noch mehr als früher durch deine Geilheit! – Rede nun, und rechtfertige dich vor Gott und den Menschen!“

67. Kapitel. Des Cyrenius über die Verbrechen des Zorel.

1. Hier ist unser Zorel endlich ganz geschlagen und weiß nun nichts mehr zur Rettung seiner Ehre vorzubringen. Er fängt nun an, bei sich sehr nachzudenken, was er noch zu seiner Rechtfertigung aus seiner Verstandeskammer hervorbringen könnte; aber er findet sich allenthalben verrammt, und kein noch so kleines Loch will sich irgendwo zeigen, zu dem er hinausschlüpfen könnte.

2. Johannes ermahnt ihn, zu reden und von seinem gespannten Bogen Gebrauch zu machen; aber Zorel will noch immer seinen Mund nicht eröffnen.

3. Mich aber fragt Cyrenius, etwas erstaunt über Zorels Schlechtigkeit: „Herr, was wird denn da zu machen sein? Der Mensch ist bei all solchen Umständen ja den Gerichten verfallen! Denn unsere Gesetze hinsichtlich des Sklavenhandels gestatten wohl, Sklaven samt ihren Kindern, so sie welche haben, an jedermann zu veräußern, aber Kinder von freien Menschen, besonders weiblichen Geschlechts, dürfen unter dem vollends zurückgelegten vierzehnten Jahre bei großer Strafe nirgends auf den Markt gebracht werden. Das ist ein Verbrechen!

4. Ferner muß ein jeder, der den Sklavenhandel treiben will, eine eigene, wohlgeordnete Befugnis dazu haben und dem Staate eine bedeutende Kaution für diese Befugnis geben, nebst einer jährlichen eigenen großen Steuer. Bei dem und seinem Gesellschafter ist darin von weitem her keine Spur irgend zu entdecken; sie haben sonach einen Schleichhandel betrieben, was abermals ein starkes Verbrechen gegen die bestehenden Gesetze bekundet, auf das bei solch erschwerenden Umständen ein zehnjähriger schwerer Kerker als Strafe gesetzt ist.

5. Und dazu kommt gar noch eine fünffache allergewissenloseste Schändung, der als einer zu mächtigen Verletzung der Tod folgte! Das ist schon wieder ein Verbrechen, auf das bei so erschwerenden Umständen ein mindestens fünfzehnjähriger schwerster Kerker gesetzt ist oder gar der Tod!

6. Dazu kommen im Vordergrunde noch allerlei Diebereien, Betrügereien und massenhafte Lügen!

7. Herr, Du kennst meine Staatspflichten und meinen Eid auf alles, was mir heilig und teuer ist! Was soll ich hier tun? Beim Mathael und seinen vier Gefährten war ihre totalste Besessenheit ein sicherer Schutz gegen meine harten Staatsoberrichterspflichten; aber hier deckt den Menschen ja gar nichts vor meiner Richterpflicht. Er ist ein vollendeter Bösewicht! Werde ich da nicht bemüßigt sein müssen, mein strenges Amt zu handhaben?“

8. Sage Ich: „Verstehe, – da Ich hier zufälligerweise der Herr bin und du im Grunde des Grundes nur Mir deinen Eid schuldest und Ich dir ihn erlassen kann, wie und wann Ich will, so habe hier unterdessen auch Ich allein zu bestimmen, was hier der Reihenfolge nach zur Heilung einer kranken Seele zu geschehen hat! Zudem hast du deinen Eid zu den Göttern, die ewig nirgends bestehen, geschworen; da es aber mit den Schützern deines Eides gar so sehr luftig aussieht, so wird auch dein Eid kein größeres Gewicht haben. Deine Götter und dein Eid sind demnach gleich eine Null für sich. Nur insoweit, als Ich deinen Eid als ein Treuzeichen ansehe, hat er auch eine Geltung; inwieweit Ich aber deinen Eid als eine Null ansehe, hat er vor Mir auch nicht die geringste Geltung, und du bist wenigstens für jetzt desselben völlig enthoben.

9. Ich sage es dir, daß es mit dem Examen dieses Menschen noch nicht ganz zu Ende ist; es wird schon noch etwas zum Vorscheine kommen, das dich noch mehr ergreifen wird!

10. Es ist dies ein gar sonderbarer Mensch, den du eigentlich dadurch schon mehr und mehr nun kennen solltest, daß er in seinem Entzückungsschlafe sich schon ohnehin zum größten Teile, wennschon etwas allgemeiner wie nun, enthüllt hat, besonders in seinem ersten reuigen Stadium. Die gegenwärtige offene Enthüllung geht freilich spezieller zu Werke, weil sie also zu Werke gehen muß; aber sie muß dir nicht anstößig erscheinen, denn Ich lasse sie ja eben darum geschehen, um euch eine total kranke Seele ganz zu zeigen und endlich auch die Medizin, wie sie möglicherweise noch zu heilen ist. Ich habe es dir ja ehedem erzählt, wie ungeschickt und dumm es wäre, einen leiblich kranken Menschen darum zu strafen mit Rute und Kerker, weil er krank geworden ist; um wieviel ungeschickter und dümmer aber ist es dann erst, einen Menschen seiner total kranken Seele wegen leiblich und moralisch mit den tödlichsten Hieben zu strafen! – Sage Mir, du Mein Freund Cyrenius, hast du solche Meine Lehre in deinem Eifer nun schon völlig vergessen?“

11. Sagt Cyrenius: „Das nicht, o Herr und höchster Meister von Ewigkeit; aber weißt Du, aus alter Gewohnheit kommt mir zuweilen, wenn so ein recht armdicker Bösewicht irgendwo auftaucht, so ein kleiner Sturm! Aber du siehst es ja, wie geschwinde ich mich ermahnen lasse und meine alte Dummheit auch sogleich einsehe! Jetzt freue ich mich ja schon wieder aufs weitere Examen, auf das sich unser Johannes sehr zu verstehen scheint! Aber dazu gehört auch des Johannes Weisheit und sein innerer Scharfblick, geleitet natürlich von Deinem Geiste. Das Schönste dabei aber ist, daß der Zorel von etwas Wunderbarem im Grunde noch nichts merkt, und doch sollte es ihm auffallen, wie der weise Johannes ihm seine allergröbsten Todsünden aus allen Landen, in denen er sie begangen hat, so schön hererzählt, als wäre er überall Augen- und Ohrenzeuge gewesen!“

12. Sage Ich: „Jetzt horche du nur wieder fein zu; denn der Johannes wird ihn nun sogleich wieder angehen!“

13. Cyrenius wird nun wieder voll Aufmerksamkeit; Ich aber beheiße alle anwesenden Weiber und Jungfrauen, sich unterdessen etwa in die Zelte zurückzuziehen, weil die fernere Verhandlung nur von reifen Männern vernommen werden solle. All das Weibervolk gehorcht samt der Jarah und den zwei neubelebten Töchtern des Cyrenius, der Gamiela und Ida.

68. Kapitel. Zorels Entschuldigungen.

1. Die Neugier der Weiber ist zwar groß gewesen; aber Mein Wort wirkte dennoch mächtiger, und alle begaben sich in die Zelte des Ouran, allwo sie so lange zu verweilen hatten, bis man sie wieder berief.

2. Als die Weiber auf diese Weise versorgt waren, sagte Johannes zum Zorel: „Nun, wie sieht es denn aus mit dem Losdrücken deines gespannten Bogens? Mir scheint es, als hättest du deine vielen scharfen Pfeile alle ins Blaue verschossen, ohne irgend etwas getroffen zu haben. Und doch wolltest du zuvor sogar mit der unendlichen Weisheit Gottes einen Kampf eingehen! Ich sage dir, daß du nun redest, so du noch etwas zu reden vermagst!“

3. Sagt endlich Zorel: „Was soll ich da noch reden? Dir ist – die Götter wissen's woher – ja ohnehin alles bekannt, was ich von der Wiege an alles angestellt habe; warum soll ich dir dazu noch etwas mehreres erzählen? Ich könnte nun auch reden; aber wozu mich noch weiter rechtfertigen? Wie ich war und zum größten Teile noch bin, so handelte ich auch; denn ich konnte ja nicht anders handeln, als ich beschaffen war in meinem Gemüte! Können denn ein Löwe und ein Tiger darum, daß sie wilde, reißende Bestien sind? Das ist einmal ihre Natur, und sie sind doch sicher darum nicht im Grunde und Boden fehlerhaft, weil sie so sind, wie sie sind! Wenn sie schlecht sind, so trägt daran die Schuld nur Der, der sie also geschaffen und gemacht hat!

4. Warum kann es Tausende von Menschen geben, die da frömmer denn die Lämmer sind, und warum bin ich's denn nicht?! Habe ich mich etwa selbst erschaffen und also gemacht?! Wollte ich aber schon ganz schlecht sein, so könnte ich dir jetzt noch alles in die vollste Abrede stellen, was auch du aus deiner Weisheit mir vorgetragen hast; denn einzelner Menschen Weisheitssprüche gelten bei uns vor dem Forum des Weltgerichtes nie als ein Beweis, solange sie nicht durch andere Zeugenaussagen als sich durch und durch bestätigend erwiesen werden. Aber ich erkenne deine Weisheit und glaube in dir den Menschen zu erkennen, der mir nun nicht schaden, sondern nur helfen will, und gestehe darum auch das, was du über mich aussagtest, als etwas Wahres. Ich leugne die Wahrheit alles dessen nicht im geringsten; aber irgend rechtfertigen werde ich mich wohl etwa immer noch dürfen!

5. Du hast aber ohnehin das freie Recht über mich, alles laut vorzutragen, was ich je zufolge meiner dazu inklinierenden (neigenden) Natur angestellt habe; denn mehr als töten könnet ihr mich nicht dafür, und dem Tode kann ich mutigst in die hohlen, finstern Augen schauen und habe keine Furcht vor ihm! Du kannst aus dem schon ersehen, daß ich kein heuriger Hase bin. Wenn dir aus meinem allerlumpigsten Leben etwa noch so einige Mordspektakel bekannt sein sollten, so packe damit nur aus; denn mich geniert nun schon lange nichts mehr in der Welt!

6. Übrigens hast du in bezug auf die fünf Mägdlein dahin ein wenig zuviel aufgetragen, so du mich beschuldigest, daß mir um sie bloß darum leid war, weil mir durch ihren Tod, der auch nicht so ganz von einer leichten Schändung herrührte, sondern durch den Rücktritt eines bösen Aussatzes erfolgte, ein bedeutender Gewinn entging; ich könnte dir sogar etliche glaubwürdige Zeugen aufführen, die es gehört haben, daß ich den Zeus inständigst bat, mir die fünf Mägdlein zu erhalten, und tat den Göttern einen Schwur, die Mägdlein als Töchter zu behalten für immer, so sie gesund würden und am Leben blieben. Als mir aber trotz aller Pflege im Verlaufe von dreißig Tagen dennoch alle fünfe starben, ward ich untröstlich und tat abermals einen Schwur, kein Mädchen mehr zu berühren und keinen Sklavenhandel mehr zu betreiben. Das hielt ich bis zur Stunde, habe mich ebendarum hierhergezogen und meine Besitzung mir angekauft, mit der ich durchs Feuer nun alles verlor, was ich mir je irgend erworben hatte. – Rede du nun, ob ich auch diesmal eine Unwahrheit geredet habe!“

69. Kapitel. Zorel als Muttermörder.

1. Sagt Johannes: „Ja ja, das tatest du wohl später; aber im Anfange warst du nur also gesinnt, wie ich es dir gesagt habe! Daß du dich aber der Mägdlein nur so ganz leicht bedient habest, da redest du auch nun noch eine grobe Unwahrheit! Nur eine hast du etwas milder hergenommen, und das war die letzte, als deine Geilheit dir den schnöden Dienst schon versagte; die ersten vier hast du nicht im geringsten geschont, sondern sie ganz entsetzlich bedient! Kannst du das in Abrede stellen? – Sieh, du schweigst und bebst! Die Mägdlein bekamen darauf einen sehr gefährlichen Aussatz, der freilich den Tod beschleunigte; aber auch dafür war deine Geilheit die so ganz eigentliche und alleinige Schuldträgerin! Aber dies Kapitel ist zu Ende, und wir gehen nun auf ein anderes über!

2. Weißt du, was noch auf deinem Gewissen rastet, ist freilich etwas, wobei abermals dein Wille nicht haftet; aber die Tat ist da und ihre Folge! Darum soll der Mensch im Zorne nie handeln; denn den Taten, die im Zorne geschehen, schleichen stets böse Folgen wie der Schatten auf der Ferse nach. Kannst du dich noch erinnern, als besonders deine Mutter Agla, die eine sehr vernünftige Person war, dich von deinen liederlichen Streichen und von deiner ruchlosen Gesellschaft vollernstlich abmahnte, was du ihr da entgegentatst?“

3. Sagt Zorel: „O Götter! Mir schwebt wohl noch so was wie aus einem Traume vor; aber etwas Genaues kann ich darüber nicht mehr sagen! Rede daher nur du, weil du schon einmal im Redezuge stehst! Das weiß ich, daß ich nie etwas Arges mit einem vorgefaßten bösen Willen tat; für das aber, daß ich dem Jähzorne unterliege, kann ich ebensowenig, wie ein Tiger darum kann, daß er eine blutdürstige, reißende Bestie ist! – Rede du nun!“

4. Sagt Johannes: „Das werden wir erst später durchnehmen; aber damals hast du einen Topf, der auf einer Bank sich befand, ergriffen und schleudertest ihn mit aller Gewalt an den Kopf deiner Mutter, daß sie darob ganz betäubt zu Boden sank. Du aber, statt deiner guten Mutter nun beizuspringen und ihr Hilfe zu verschaffen, nahmst die bewußten Goldpfunde und entflohst auf einem Korsarenschiffe hierher und machtest darauf einige Jahre lang das schöne Seeräuberhandwerk mit, bei welcher Gelegenheit du dann auch ein Sklavenhändler wurdest. Deine Mutter aber starb bald darauf, teils an den Folgen einer starken Hirnschädelverletzung und teils aus Gram ob deiner Unverbesserlichkeit. Und so hast du nebst vielen anderen Sünden auch die eines Muttertotschlägers auf deinem Gewissen, und als Krone für deine vielen argen Taten rastet auf deinem Haupte ein allerbitterster Fluch von seiten deines Vaters, wie auch von seiten deiner Geschwister! – Nun bist du ganz enthüllt; was sagst du nun zu alledem als ein Mensch von reiner Vernunft?“

5. Sagt Zorel: „Was soll ich dazu sagen? Geschehen ist geschehen und kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden! Jetzt sehe ich gar manches aus meinen früheren Handlungen ein, was da hoch gefehlt war; aber was nützt mir alle diese Einsicht? Es ist genau also, als könntest du aus einem Tiger einen einsichtsvollen Menschen machen, der zurücksähe, welche blutigsten Greuel er angerichtet hat; was würde ihm alles das nützen?! Könnte er das Geschehene ungeschehen machen, so würde er sich dazu sicher alle erdenkliche Mühe geben; aber was konnte er in seinem Tigerzustande dafür, daß er eben ein Tiger und kein Lamm war?! Da ist auch die Reue über eine verruchte Tat und der beste Wille, sie wieder völlig gutzumachen, etwas so Vergebliches wie eine albernste Mühe, einen vergangenen Tag wieder zu einem gegenwärtigen zu machen. Ich kann wohl von nun an ein ganz anderer und besserer Mensch werden; aber dort, wo ich ein böser Mensch war, kann ich mich unmöglich mehr besser machen, als ich war. Soll ich etwa darüber bittere Schmerzenstränen vergießen, daß ich so viele arge Taten verübt habe? Das wäre doch etwas so Lächerliches, als ob ein menschgewordener Tiger darum die bittersten Tränen der Reue vergießen wollte, weil er früher ein Tiger war!“

70. Kapitel. Zorels Rechtfertigung seiner Charaktereigenschaften.

1. (Zorel:) „Ich besaß von der Geburt an ein jähzorniges Temperament. Statt dasselbe durch eine sanfte und vernünftige Erziehung zu dämpfen und den Verstand möglichst auszubilden, ward ich mit allen Strafen korrigiert, die es nur gibt. Meine Eltern waren stets meine größten Peiniger! Hätten sie Verstand mit gutem Willen vereinigt, so hätten sie aus mir einen Engel der Juden erziehen können; aber mit den tausend Strafen ward ich zu einem Tiger! Und an wem liegt da die Schuld, daß ich zu einem Tiger ward? Ich selbst habe mir fürs erste schon nicht können vor der Zeugung und Geburt irgend weisere Eltern aussuchen, und fürs zweite, als ich geboren ward, war ich sicher noch so hübsch lange kein Plato oder Phrygius und keine Spur von einem Sokrates und konnte mir darum selbst keine Erziehung geben! Was hätte da aber geschehen sollen, daß ich ein besserer Mensch und kein Tiger geworden wäre?

2. Ich halte dich für zu weise, als daß du auf diese Frage keine vernünftige Antwort von selbst finden solltest. Bei euch Juden gibt es stets hie und da von bösen Geistern besessene Menschen, wie ich erst vor etlichen Wochen einen bei den Gadarenern gesehen habe, und das wäre noch der bessere; einer soll etwa gar eures jüdischen Teufels sein, der sein Unwesen in den finstersten Nächten halte! Es war aber der Tagesteufel sein Geld wert; denn ganze Scharen von Menschen richteten nichts mit ihm aus. Er verrichtete Taten, vor denen aller Menschheit die Haut schaudert und angstrunzlich wird. Könnte aber möglicherweise der erwähnte Besessene von seinem Übel geheilt werden, sage mir, welcher Ochse von einem Menschenrichter könnte so blind und finster dumm sein, daß er dem geheilten Menschen zeigte alle die unerhörtesten Greuel, die er in seiner Besessenheit verübt hat, und hielte ihn darum an zur tränenvollsten Reue und Besserung?! Konnte denn der Mensch darum, daß er in seinem Besessensein solche Greuel verübt hat?!

3. Sage mir, Freund voll Weisheit: Von einer großen Höhe fällt ein schweres Felsstück und erschlägt unten, dahin es stürzte, zufällig zwanzig daselbst weilende Menschen. Warum mußte denn das geschehen? Wer trägt an dieser Kalamität die Schuld? – Ich setze aber den wenigstens denkbar möglichen Fall, daß dazukäme ein so mächtiger Zauberer, der aus dem Felsblocke nach Art des Deukalion und der Pyrrha einen Menschen machte, mit aller Einsicht und Intelligenz begabt. Wie der neue Mensch so ganz gesund dastünde, da käme dann ein weiser und barmherziger Richter und sagte zu diesem Neumenschen: ,Da siehe hin, du Verruchter! Da ist dein böses Werk! Warum fielst du als Felsstück also mit aller Gewalt auf diese zwanzig Menschen? Rechtfertige dich, oder du hast für die Tat die furchtbarste Strafe zu gewärtigen!‘ Was wohl würde der Neumensch zu dem dummen Richter sagen? Nichts als: ,Konnte ich als schwerer und völlig bewußtloser Felsblock denn dafür, daß ich fürs erste irgend auf einer Höhe durch eine fremde Gewalt von meinesgleichen getrennt wurde, und fürs zweite irgend darum, daß ich eben so entsetzlich schwer war, und habe ich fürs dritte irgend diese zermalmten Menschen berufen, hier zu harren, bis ich herabstürzte und sie alle erschlug?!‘

4. Das höchst unvernünftige Beschuldigen dieses Neumenschen von seiten eines superklugen Richters wirst du nun hoffentlich einsehen, aber daneben vielleicht doch auch, daß ich, als nur erst aus einem Rohklotze ein Neumensch werdend, für alle meine schlechten Taten nahe ebensoviel kann wie der dir soeben gezeigte Felsklotz-Neumensch! Willst du kein dummer Richter sein, so richte mich nach der Gerechtigkeit der reinen Vernunft und nicht nach deiner sich weise dünkenden Laune! Sei ein Mensch, wie auch ich nun ein Mensch bin!“

71. Kapitel. Des Cyrenius Verwunderung über den Scharfsinn Zorels.

1. Johannes fängt an, über diese schlagenden Worte des Zorel tiefer nachzudenken und findet, daß sie nicht ohne Grund dastehen, und wendet sich still, bloß nur im Herzen, mit einer Frage an Mich, was er nun fürder mit dem Menschen noch weiteres anfangen solle, da ihm dieser offenbar über den Kopf zu wachsen beginne.

2. Ich aber sage dem Johannes: „Laß ihm nun ein wenig Zeit; dann werde Ich dir wie bis jetzt schon ins Herz und auf die Zunge legen, was du als weiteres mit ihm zu reden haben sollst!“ – Das befolgt Johannes.

3. Cyrenius, der die Rechtfertigung des Zorel mit großer Aufmerksamkeit angehört hatte, sagte zu Mir: „Herr, ich muß es hier offen bekennen, daß dieser Mensch ein ganz merkwürdiges Wesen ist! Nun scheint es, daß er sogar den weisen Jünger Johannes ganz bedeutend zum Nachdenken gebracht hat. Kurz, ich zum Beispiel wäre jetzt rein fertig mit meiner Weisheit und müßte ihn als Richter von aller seiner Schuld lossprechen!

4. Aber unbegreiflich ist es mir, woher dieser Hauptlump in seinen Handlungen solch eine schlagende Verstandesschärfe überkommen hat! Daß Menschen, wie zum Beispiel ein Oberster Stahar, auch ein Zinka, ganz scharf verständig zu ihrem Vorteile reden konnten, bevor sie mit Dir noch die nähere Bekanntschaft gemacht hatten, ist begreiflich, denn das sind lauter gelehrte Menschen und in vielen anderen Dingen tief erfahren; aber dieser Mensch war von jeher doch sicher ein Lump der allerersten Klasse, – und trotzdem diese enorme Verstandesschärfe! Ah, so was ist mir noch gar in meinem ganzen Leben nicht vorgekommen! Sage es mir doch, o Herr, wie dieser Mensch wohl dazu gekommen ist!“

5. Sage Ich: „Gar so leer ist er nie gewesen; denn die Griechen sind ja stets die besten Advokaten Roms! Sie kennen die rücksichtslose Schärfe der römischen Gesetze und studieren sie darum ungemein genau durch, auf daß sie, wenn ein Richter sie irgendeines Vergehens wegen zur Verantwortung zöge, mit einer gediegensten Entgegnung in steter Bereitschaft seien; und solche Menschen, die sich vorgenommen haben, den Staat so recht baumdick zu hintergehen, die haben sich die Rechte des Staates und der Menschheit schon gar ungewöhnlich fest angeeignet und auch die Schriften von verschiedenen Weltweisen sich ungemein intensiv zu eigen gemacht. Und zu solch einer Klasse gehört auch dieser Zorel.

6. Vor dem Verzückungsschlafe aber hätte er auch nicht mit solch einer determinierten Verstandesschärfe gesprochen; aber von dem Schlafe ist ihm aus seinem Geiste so ein gewisser Nachduft geblieben in seiner Seele, und darum kritisiert diese nun so scharf. Diese Schärfe würde sich aber wohl bald wieder verlieren, so er von nun an wieder ganz in die alte Lebenssphäre überginge; aber bei dieser Behandlung wird er noch immer schärfer werden, was Ich auch eigens Meiner Jünger wegen zulasse, damit sie bei dieser Gelegenheit die möglichste Schärfe des menschlichen Weltverstandes ein wenig zu verkosten bekommen, was ihnen sehr heilsam ist. Denn obwohl sie sehr demütige Menschen sind und ein schon sehr verständiges Herz besitzen, so kommt ihnen aber doch so dann und wann ein wenig ein eigendünklicher Gedanke, und dem gegenüber ist so ein Mensch ein ganz ausgezeichneter Stein des Anstoßes.

7. Johannes hat Mir bereits die Unzulänglichkeit seiner Weisheit im Herzen bekanntgemacht, und die anderen Jünger denken und denken nun, was dies sei; aber Ich lasse sie noch eine kleine Weile nachdenken, damit sie sich selbst besser finden. Haben sie sich etwas tiefer gefunden, so werde Ich ihnen dann schon wieder vorwärtshelfen. Aber Mücken wird er ihnen noch in die Ohren setzen, daß sie sich alle gar gewaltigst hinter den Ohren werden zu kratzen anfangen! Dann aber werden sie schon wieder einen Schritt weiter machen können. – Nun aber werde Ich wieder dem Johannes die Zunge lösen, und er wird wieder zu reden anfangen; darum gib nun nur recht acht!“

72. Kapitel. Johannes ermahnt Zorel zu einem besseren Lebenswandel.

1. Nach einer kurzen Weile sagte Johannes zu Zorel: „Ich kann es dir gerade nicht in Abrede stellen, daß du nun mit deinem Verstande so manches berührt hast, was allerdings nicht so ganz ohne allen Grund dasteht; aber auf dein Leben paßt es darum schlecht oder gar nicht, weil deine Seele in sich selbst allzeit so weit gebildet war, um das Falsche vom Wahren unterscheiden zu können. Welche Seele aber das in solcher Schärfe, wie es bei dir der Fall ist, zu tun imstande ist, die unterscheidet auch das Gute vom Bösen, und kann sie das, so sündigt sie wider ihre eigene Erkenntnis und ihr Gewissen; wer aber wider seine Erkenntnis und wider sein Gewissen sündigt, der kann nur durch eine wahre Reue und Buße von dem alten Unflate seiner Sünden gereinigt und Gott angenehm werden.

2. Du willst und sollst ein besserer Mensch werden! Willst du das, so mußt du auch erkennen, daß du an all den argen Handlungen selbst schuld warst; warst du aber das, so liegt es nun auch an dir, einzusehen, daß es nicht recht ist, die Schuld auf einen andern hinzulenken, sondern du sollst sie bei dir selbst und für dich als ganz zu eigen erkennen und darum eine wahre Reue fühlen, dieweil du das Wahre und Gute in vielfacher Hinsicht gar wohl erkannt, im Handeln aber doch fürs Entgegengesetzte dich bestimmt hast.

3. Ja, hättest du gar keine noch so blasse Idee von etwas rein Wahrem und somit Gutem in dir erkannt, sondern wärst nur in einem finstersten Aberglauben, als begründet in der Sphäre deines Lebens, dagestanden, da könnten dir deine Handlungen – und wären sie vor dem Richterstuhle des allerreinsten Verstandes an und für sich noch so böse – nicht als Schuld angerechnet werden, und so wärst du dann ebenso sündenfrei wie dein menschgewordener Tiger und Felsklotz, und niemand hätte das Recht, dir zu sagen: ,Bessere dich, bereue deine Untaten und tue eine rechte Buße, auf daß du dem wahren Gott wohlgefällig werdest!‘

4. Da müßte man dich zuvor erst in aller Wahrheit fein unterrichten, dir den rechten Weg zeigen und dich eine Zeitlang führen auf demselben! Würde jemand, als vollkommen in dieser Wahrheit unterwiesen, sich dennoch wieder in sein altes Falsche werfen und ebenso arg handeln wie zuvor, so würde er dann schon sündigen, weil er da wider seine feste Überzeugung handeln und sein Gewissen in eine tobende Unruhe versetzen würde. Deine mir vorgestellten Bilder taugen daher nur für Menschen, die gleich den Tieren noch nie irgendeine Wahrheit erkannt haben; aber du bist in der echten Wahrheit kein Laie, sondern erkennst sie nahe so gut, wie ich sie erkenne, und hast solche auch schon lange erkannt. Und es hat dir dein Gewissen auch allzeit eine jede deiner argen Taten vorgeworfen; du aber achtetest wenig darauf und suchtest durch allerlei falsche Vernunftgründe dasselbe zu übertäuben. Du fühltest auch allzeit Reue, sooft du etwas Schlechtes wider dein Erkennen und wider dein Gewissen begangen hattest; nur zur Buße und zur wahren Besserung kam es bei dir bis jetzt noch nicht.

5. Gott der Herr aber hat dich darum nun in ein großes Elend kommen lassen. Du hast nun nichts; auch dein ehemaliger Sklavenhandelsgesellschafter hat dich im Stiche gelassen und befindet sich nun schon in Europa, allwo er seine bedeutenden Gewinne verzehrt. Du stehst nun nackt hier und suchest Hilfe. Diese soll dir auch werden; aber du mußt dich derselben zuvor erst würdig machen dadurch, daß du aus dir selbst freiwillig das allein Wahre und Gute ins handelnde Leben überträgst. Alsdann wird dir auch wahrhaft geholfen für zeitlich und ewig.

6. Verharrest du aber handelnd bei dem, was du so gut wie ich als falsch und schlecht erkennst, so bleibst du elend dein Leben lang, und wie es dereinst drüben aussehen wird, indem es ein reines Leben nach dem Abfalle des Leibes gibt, darüber kann dir deine eigene reine Vernunft den ganz guten Aufschluß geben, so du bedenkst, daß dieses zeitliche Leben der Same und das jenseitige ewige die Frucht ist.

7. Pflanzest du in diesem deinem Lebensgarten einen edlen, guten Samen ins Erdreich eben dieses deines Lebensgartens, so wirst du auch edle Früchte ernten; legst du aber Distel- und Dornensamen in deines Lebensgartens Erdreich, so wirst du dereinst auch das ernten, was für Samen du nun gesäet hast! Denn das wirst du wohl wissen, daß auf den Distelstauden keine Feigen und auf den Dornen keine Trauben wachsen!

8. Sieh, ich habe dich nun nicht gerichtet, sondern dir nur gezeigt, was du für die Folge tun sollst, und mein Wort war nicht hart gegen dich, und sanft war der Ton meiner Rede! Beherzige solche meine Worte, und ich stehe dir als Freund mit meinem Leben dafür, daß dich dessen wohl ewig nie gereuen wird!“

73. Kapitel. Erkenntniswille und Genußwille im Menschen.

1. Sagt Zorel: „Ah, also lasse ich mit mir schon reden; denn das hat echt menschlich getönt, und ich werde mir alle Mühe geben, das zu tun, was du mir als Mensch, nur nicht als Richter, sagen wirst. Lieber Freund! Ich kenne mich nun genau, mein innerer Lebenskern scheint nicht eben der schlechteste zu sein; aber mein Äußeres ist durchgängig schlecht! Wäre es möglich, dieses Fleisch samt seinen schlechten seelischen Anhängseln total auszuziehen und den inneren Lebenskern mit einer besseren Fleischmasse zu umhüllen, so wäre ich ein ganz rarer Mensch; aber bei dieser meiner gegenwärtigen Leibeskonstitution ist nichts zu machen! Ich bin nun freilich kein so bedeutender Bösewicht mehr, als ich war; aber zu trauen ist meinem Fleische nimmer. Merkwürdig ist doch immer das, daß ich bei allen meinen noch so arg aussehenden Handlungen mit meinem Willen nie dabei war! Ich bin noch allzeit gerade wie zufällig hineingezogen worden; was ich eigentlich wollte, davon geschah gerade das Gegenteil! Wie ist das zu verstehen?“

2. Sagt Johannes: „Ja sieh, der Wille des Menschen ist ein zweifacher: der eine Wille ist der, an dem das Erkennen der Wahrheit ein stets etwas schwaches Zug- oder Leitseil besitzt; der andere Wille aber ist der, an dem die sinnliche Welt mit ihren wonnig duftenden Ansprüchen auch ein Zugseil besitzt, und das ein durch allerlei Gewohnheiten recht stark und mächtig gewordenes. Läßt dich die Welt einen angenehmen Bissen erschauen samt der Möglichkeit, seiner leicht habhaft zu werden, da fängt das starke Seil am Willensknaul des Herzens sogleich stark zu ziehen an; rührt sich da zu gleicher Zeit auch das weniger starke Zug- und Leitseil der Wahrheitserkenntnis, so nützt das wenig oder nichts, weil seit jeher der Starke noch allzeit den Sieg über den Schwachen davonträgt.

3. Der Wille, der wirken soll, muß entschieden ernst auftreten und vor nichts irgendeine Furcht haben. Mit der stoischsten Gleichgültigkeit muß er all den Vorteilen der Welt ins Angesicht lachen können und sogar auf Kosten seines Leibeslebens den lichten Weg der Wahrheit verfolgen. Dann ist der sonst schwache Erkenntniswille zum starken und mächtigen geworden und hat sich den rein weltlichen Gefühls- und Genußwillen vollends untertänig gemacht. Dieser geht endlich selbst ganz ins Licht des Erkenntniswillens über, und so ist der Mensch endlich eins in sich geworden, was zur inneren Vollendung des menschlich unsterblichen Wesens von der allerunerläßlichsten Wichtigkeit ist.

4. Denn kannst du im Denken und in dir selbst nicht einig werden, wie kannst du da sagen: ,Ich habe die Wahrheit erkannt in ihrer Tiefe und Fülle!‘, – bist aber in dir selbst noch vollkommen uneins und somit für dich selbst nichts als eine barste Lüge?! Die Lüge aber ist der Wahrheit gegenüber nichts, als was da ist die dickste Nacht gegenüber dem hellsten Tage. Eine solche Nacht ersieht kein Licht, und der Mensch in sich als Lüge kann keine lichte Wahrheit erkennen, und darum ist bei allen in sich höchst zertragenen Weltmenschen das Zug- und Leitseil des Erkenntniswillens gar so schwach, daß es schon von einem leichtesten Gegenzuge des weltlichen Genußwillens über Bord geworfen und somit besiegt wird.

5. Hat bei manchen Menschen der Weltgenußwille den Erkenntniswillen für immer ganz besiegt und erdrückt, so daß dadurch auch eine Art Einheit in der Finsternis des innern Menschen erfolgt ist, so ist der Mensch im Geiste tot geworden und ist somit ein in sich selbst Verdammter und kann zu keinem Lichte mehr kommen in Ewigkeit, außer durchs Feuer seiner durch den Begierdendruck entzündeten groben Materie. Aber die Materie der Seele ist hartnäckiger um vieles als die des Leibes, und es gehört ein gar mächtiges Feuer dazu, um alle die Seelenmaterie zu verzehren und zu vernichten.

6. Da sich aber eine Seele solch eine überaus schmerzliche Purifikation (Reinigung) nicht aus Liebe zur Wahrheit oder zum Lichte wird gefallen lassen, sondern sich aus alter Genuß- und finsterer Herrschsucht derselben wie ein Proteus dem Fange zu entziehen trachten wird, so ist ein Mensch, der in dieser Welt in sich in seiner Lebensnacht völlig eins geworden ist, auch so gut wie für ewig verloren.

7. Nur der Mensch, der durch seinen energischen lichtvollen Erkenntniswillen den weltlichen Genußsuchtswillen gänzlich besiegt hat und also im Lichte und in aller Wahrheit in sich eins geworden, ist dadurch ganz Licht und Wahrheit und sohin auch das Leben selbst. Dazu ist aber, wie ich dir schon früher bemerkt habe, eine wahrhaft stoische Selbstverleugnung nötig, – nur nicht jene in sich hochmütige eures Diogenes, die sich für mehr und höher dünkt als ein vom Golde strahlender König Alexander, sondern jene demütige eines Henoch, eines Abraham, Isaak und Jakob. Kannst du das, so wird dir geholfen sein für zeitlich und ewig; kannst du aber das nicht, und nicht aus deiner eigenen Wahrheitserkenntniskraft, dann ist es aus mit dir, und es kann dir weder auf der einen noch auf der andern Seite geholfen werden. Ich aber bin der Meinung, daß du solches über dich vermögen wirst; denn an der Einsicht und Erkenntnis fehlt es dir nicht. Was sagt dazu nun dein innerer Sinn?“

74. Kapitel. Das Wesen Gottes und Seine Menschwerdung.

1. Sagt Zorel: „Der sagt: ,Zorel kann alles, so er als der echte Zorel es will!‘; und der will es nun, und so wird ihm sicher auch geholfen werden! Könnte ich aber wenigstens nur etliche Wochen bei dir sein, so ginge die Sache offenbar leichter und schneller!“

2. Sagt Johannes: „So du nur den vollkommen ernsten Willen, ein besserer Mensch zu werden, gefaßt hast, so wirst du schon unter Männern verbleiben, die ebenso stark sind wie wir in der unmittelbarsten Nähe des großen und lebendigen Lichtes aus Gott!“

3. Sagt Zorel: „Was und wer ist denn so ganz eigentlich euer Gott, den ihr Juden den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs nennet?“

4. Sagt Johannes: „Diese Frage wirst du, so du in dir in deinem Lichte eins geworden sein wirst, klarst beantwortet finden, so wie wir sie gefunden haben; wollten wir dir aber nun solches näher zu erklären suchen, so würdest du uns nicht verstehen dein Leben lang. Das aber kannst du wohl zum voraus wissen, welchen Begriff sich ein wahrer Mensch von Gott machen soll, und so höre denn!

5. Der allein wahre und einige Gott ist in Sich ein ewiger, purster Geist aus Sich Selbst, ausgerüstet mit dem höchsten Grade des Selbstbewußtseins, mit der tiefsten und lichtvollsten Weisheit und mit jenem festesten Willen, dem kein Ding unmöglich ist.

6. Gott ist das Wort in Sich, und das Wort selbst ist Gott. Dies ewige Wort aber hat nun Fleisch angenommen, kam in die Welt zu den Seinen, und diese erkennen nicht das Licht, das dadurch in die Welt gekommen ist. Darum wird dieses Licht den Kindern genommen und den Heiden (Abergläubern) überantwortet werden. Denn die Heiden suchen nun die Wahrheit, des Lichtes Kinder aber fliehen sie, wie die großen Verbrecher das Gericht. Darum also wird es den Kindern genommen werden und gegeben den Heiden, wie solches soeben der Fall ist und geschieht.

7. Denn zu Jerusalem wohnen des Lichtes Urstammkinder, ächten die Wahrheit aus Gott und hängen sich stets mehr und mehr an die Nacht, an die Lüge und an ihre losen Werke. Aber die Heiden durchwandern die Welt und suchen die Wahrheit, und so sie sie gefunden haben, da haben sie eine große Freude und loben und preisen den Geber des Lichtes über alle die Maßen wahrhaft im Herzen und in der Tat.

8. Hier sieh dich um, und du ersiehst eine bedeutende Volksmenge! Die größte Anzahl sind Heiden, die das Licht aus den Himmeln gesucht haben. Sie haben es gefunden und freuen sich dessen; aber Jerusalem, die Stadt des Herrn, sandte nur Schergen und Häscher aus, daß sie das Licht erdrücken sollten! Doch die ausgesandt wurden, waren klüger als die, welche sie ausgesandt hatten; sie kamen aus ihrer großen Finsternis ans Licht, hatten eine rechte Freude am selben und blieben im selben. Sie haben das Licht zwar gefangengenommen, aber nicht für die Kerker Jerusalems, sondern für sich, für ihre Herzen, und sind nun unsere Brüder im Lichte aus Gott, und freuen sich desselben und Dessen, von dem das große Licht ausgeht.

9. Du kamst als ein Heide hierher, zwar nicht, damit du ein Licht fändest für deine Lebensnacht, sondern Gold und Silber. Aber wer da kommt aus den Kerkern in das Licht der Sonne, der wird es nicht leichtlich verhüten können, daß er erleuchtet wird. Und also ergeht es dir hier. Suchtest du auch eben nicht das Licht, so wirst du nun aber dennoch erleuchtet, da du an die Sonne kamst, das heißt nicht an das Licht der Natursonne, die jetzt soeben den Horizont des Unterganges berührt, sondern an das Licht der Geistessonne, das erleuchtet mit aller Weisheit die Unendlichkeit, auf daß alle Wesen, die der Gedanken fähig sind, aus diesem Lichte denken und wollen können, so wie auf dieser Erde also auch auf zahllosen anderen Welten, mit denen aus Gott der endlose Raum erfüllt ist.

10. Lasse dich demnach durchleuchten von diesem Lichte, das du nun ein wenig zu merken anfängst, daß es durchleuchtet deine Eingeweide, und du wirst durch ein kleinstes Fünklein dieses Lichtes schon glücklicher werden, als so du dich in den Besitz aller Schätze der Erde versetzen könntest. Suche du nun selbst das wahre Reich der Wahrheit, und es wird dir alles andere als eine freie Zugabe werden, und du wirst an nichts irgendeinen Mangel haben!“

75. Kapitel. Cyrenius nimmt sich des Zorel an.

1. Sagt Zorel: „Freund, du hast recht: Was der Mensch in der Finsternis genießt, gedeihet nicht! Daß ich aber in einer starken Geistesnacht lebe, das merke ich nun schon selbst; denn deine Worte haben mir trotz ihres geheimnisvollen Klanges eine rechte und große Erleuchtung gegeben, und ich habe nun schon eine große Freude daran. Aber, so dein Wort auch beim Cyrenius etwas vermag, so bitte ihn, daß er mir doch wenigstens gäbe einen nur etwas besseren Mantel; denn ich kann mich in diesen Lumpen nicht mehr sehen in eurer Gesellschaft. Cyrenius wird wohl so irgendeinen alten, abgetragenen Dienerschaftsmantel haben!“

2. Ruft Cyrenius einen seiner Diener und sagt: „Gehe hin, da unser Gepäck ist, und hole mir ein gutes Hemd, eine Toga und einen griechischen Mantel!“

3. Der Diener geht und bringt das Verlangte.

4. Cyrenius aber beruft darauf den Zorel und sagt: „Hier, nimm das Gewand, gehe irgend hinter das Haus und kleide dich um!“

5. Zorel nimmt höchst dankbarlich das Gewand, begibt sich damit hinter des Markus Haus, kleidet sich um und bekommt dadurch ein ganz stattliches Aussehen.

6. In wenigen Augenblicken ist Zorel wieder bei uns und sagt zu Cyrenius: „Hoher Herr! Nicht mehr unsere nichtigen Götter, sondern der eine, wahre und ewig lebendige Gott lohne es dir! Du hast nun einen nackten, armen Menschen bekleidet; und das ist ein edles Werk, dessen ich wohl nicht wert bin! Aber so es einen wahren, allmächtigen und höchst weisen Gott gibt, dessen Kinder wir alle sind, oder doch zum wenigsten Seine Werke, und wie Er uns ja auch mit Wohltaten überhäuft, deren wir nicht wert sind, und für die wir Ihm auch nur danken können und sonst nichts, so bin auch ich nun hier vor dir, hoher Herr und Gebieter: aus dem innersten Grunde des Herzens kann ich dir nur danken und sonst nichts tun! Willst du mich aber als einen letzten deiner Diener annehmen, so bringe ich dir darum meinen Acker zum Geschenke!“

7. Sagt Cyrenius: „Dein Acker ist nicht dein, sondern dessen, um wessen Geld du ihn erkauft hast; daher werden wir ihn verkaufen, dem Eigentümer oder seinen Kindern das Geld einhändigen, und du wirst erst dann mein Diener sein können!

8. Sagt Zorel: „Hoher Herr und Gebieter! Was du willst, das tue! Von dir ist mir alles eine Gnade; aber nur verlasse mich nicht, und beschenke mich mit einem Dienste! Wie ich meine alten Lumpen ausgezogen habe für immer, so werde ich auch meinen schlechten, alten Menschen ausziehen und ein ganz anderer Mensch werden! Das kannst du mir glauben! So schlecht ich war, so gut will ich aber auch wieder werden, um mit dem Reste meiner allfällig noch übrigen Lebenszeit das einigermaßen zu sühnen, was alles ich Übles angerichtet habe.

9. Hätte ich je irgendeinen Menschen antreffen können, der mir über Recht und Unrecht ein so hell leuchtendes Licht angezündet hätte wie jener Johannes dort, so wäre ich nie so tief in alle Laster versunken; aber so mußte ich mir stets selbst der gescheiteste Mensch sein! Wie weit ich es aber mit meiner großen Gescheitheit gebracht habe, weißt du, und ich brauche dir meine große Schande vor euch nicht mehr zu wiederholen. Darum sei du mir von nun an gnädig und barmherzig; denn in der Folge sollst du keine Gelegenheit mehr bekommen, mit mir unzufrieden zu sein. Ich kann verschiedene Künste und bin sehr kundig im Schreiben und Rechnen, und die Geschichte der Völker bis auf diese Zeit ist mir nicht fremd. Der ganze Herodot ist mir geläufig; auch der Juden, Perser und der alten Babylonier Chronik ist mir nicht unbekannt. Und so wirst du mich wohl irgend verwenden können.“

10. Sagt Cyrenius: „Darüber wollen wir später reden; für jetzt aber kehre du nur wieder zu deinem Freunde Johannes zurück, und lasse dir von ihm den rechten Weg zeigen! Hast du den, – für alles andere dürfte dann bald gesorgt sein!“

76. Kapitel. Vom Geheimnis des inneren Geisteslebens.

1. Auf diese Worte des Cyrenius verneigte sich Zorel tiefst vor uns allen und begab sich dann sogleich wieder zu Johannes, der ihn abermals mit aller Freundlichkeit aufnahm und ihn fragte, wie es ihm nun wohl ergangen sei.

2. Sagt Zorel: „Mir ist es überaus wohl ergangen, was du aus meiner Bekleidung gar wohl ersehen kannst; denn wenn man einmal ein ganz gesundes Hemd besitzt, eine Toga und einen griechischen Mantel von blauem Merino um die Schultern gehangen trägt, dann ist es einem irdisch doch sicher sehr wohl! Freilich mit dem geistigen Wohlsein und Wohlergehen, ich sage es dir, da hat es noch ein ganz gewaltiges Unwohlergehen am Brette! Wollte Gott, daß ich auch im Geiste also neubekleidet auszusehen anfinge wie nun am Leibe, so ginge es mir sicher noch wohler; aber da wird es schon noch seine Zeit benötigen!

3. Eine Frage, Freund, aber wirst du mir schon erlauben, und diese lautet also: Ihr seid Menschen wie ich, habt Fleisch und Blut und die gleichen Sinne wie unsereins; du hast mir aber Beweise von deiner Geistesstärke gegeben, die alles, was mir bis jetzt vorgekommen ist, himmelhoch und weit übertrifft! Es fragt sich nun, wie du dazu kamst. Wer hat dich und deine Kollegen solches gelehrt? Wie kamet ihr auf den Weg?“

4. Sagt Johannes: „Dir das zu erklären, würde dir wenig nützen; so du aber das tust, was ich dir nun sagen werde, so wirst du die Lehre in dir selbst finden, und dein geweckter Geist wird dich, gestärkt vom Geiste Gottes, in alle Wahrheit und Weisheit leiten. Willst du irgendeine Kunst erlernen, so mußt du zu einem Künstler gehen und dir von ihm die Handgriffe zeigen lassen; dann kommt die fleißige Übung, dir die Handgriffe derart zu eigen zu machen, daß sie denen des Meisters völlig gleichen, und du bist dann ein Künstler wie dein Meister.

5. Willst du denken lernen, so mußt du zu einem Philosophen gehen; der wird dich auf die Ursachen und Wirkungen aufmerksam machen, und du wirst dadurch zu denken und zu schließen anfangen und wirst sagen: Dieweil das Wasser ein flüssiger Körper ist, so kann es leicht in eine Unruhe versetzt werden; es muß vermöge seiner Schwere talabwärts fließen, weil nach der allgemeinsten Erfahrung bis jetzt alles Schwere vermöge einer der Erdtiefe eigenen Anziehungskraft sich eben auch stets der Tiefe der Erde zugewendet hat und dahin unaufhörlich streben muß nach dem unwandelbaren Willen des Schöpfers, der da ein Mußgesetz in der gesamten Natur ist.

6. Hat das Wasser im Meere ein möglich tiefstes Bett erreicht, so kommt es in bezug auf ein Weiterfließen wohl zur Ruhe, – aber in sich bleibt es dennoch stets ein flüssiger Körper; und weht ein Sturmwind über die weite Oberfläche, so bringt er die sonst ruhige Oberfläche des Wassers in eine wogende Bewegung, und dies Wogen des Wassers ist an sich wieder nichts anderes als ein Bestreben des flüssigen Wasserkörpers nach der Ruhe. Aber weil eben nichts so sehr einen Trieb nach der Ruhe hat wie das Wasser, so kann es auch am leichtesten und am ehesten aus dem Gleichgewichte seiner Ruhe gebracht werden.

7. Hieraus kommt endlich der Schluß: je flüssiger irgendein Körper ist, desto mehr Bestreben nach Ruhe birgt er in sich; und je mehr Bestreben nach Ruhe er in seinem körperlichen Wesen äußert, desto leichter kann er in eine Unruhe versetzt werden. Je leichter aber ein elementarischer Körper in Unruhe zu bringen ist, desto flüssiger muß er sein. Du siehst aus diesem Beispiele, wie man in einer Schule der Philosophen denken zu lernen anfängt, und wie man von der Ursache auf eine Wirkung und also auch umgekehrt zu schließen anfängt.

8. Allein all dies sogestaltige Denken bewegt sich innerhalb eines Kreises, aus dem es nirgends einen weiteren Ausweg findet und auch nicht finden kann. All solches Denken nützt dem Menschen denn auch wenig oder nichts in bezug auf sein inneres, geistiges Sein, Wollen und Denken. Wenn du dir aber irgendeine Kunst nur bei einem Künstler, ein geordnetes rationales Denken nur bei einem Philosophen zu eigen machen kannst, so wirst du das innere, geistige Denken nur von einem Geiste, und zwar vom alles durchdringenden Geiste Gottes in dir selbst erlernen können, – das heißt: nur ein Geist kann einen Geist wecken; denn ein Geist sieht und erkennt den andern Geist, so wie ein Auge das andere erschaut und erkennt, daß es ein Auge und wie es beschaffen ist.

9. Der Geist ist der Seele innerste Sehe, deren Licht alles durchdringt, weil es ein innerstes und somit reinstes Licht ist. Aus dem ersiehst du nun, wie es mit dem Erlernen der verschiedenen Dinge zugeht, und wie man zu allem, was man erlernen will, stets den geeignetsten Lehrer haben muß, ansonst man ein ewiger Stümper verbleibt; es kommt aber dann sehr darauf an, so man schon auch den allergeeignetsten Lehrer gefunden hat, daß man das alles genaust und fleißigst tut, was einem der Meister zu tun und zu üben befohlen oder angeraten hat.

10. Wenn dein Geist in dir wach wird, so wirst du seine Stimme wie lichte Gedanken in deinem Herzen vernehmen. Diese mußt du wohl anhören und dich danach in deiner ganzen Lebenssphäre richten, so wirst du dadurch deinem eigenen Geiste einen stets größeren Wirkungsraum verschaffen; also wird der Geist wachsen in dir bis zur männlichen Größe und wird durchdringen deine ganze Seele und mit ihr dein ganzes materielles Wesen.

11. Hast du mit dir selbst diesen Standpunkt erreicht, so bist du dann auch ebenso wie unsereins fähig, nicht nur das zu sehen und zu erkennen, was alle natürlichen Menschen mit ihren Sinnen sehen und wahrnehmen können, sondern auch solche Dinge, die für den gewöhnlichen Menschen unerforschlich sind, wie du solches an mir entdeckt hast, da ich, ohne dich früher je gesehen und gekannt zu haben, dir doch alles von dir noch so verborgen Gehaltene auf ein Haar vortragen konnte, was du auf dieser Erde je irgend angestellt hast.

12. Nun habe ich dir nur so einen kleinen Vorgeschmack von dem Sachverhalte gegeben, auf daß du ersehen und erkennen kannst, wie es sich mit den Dingen des Geistes verhält. Aber mit alldem ist dir noch immer wenig oder auch nichts geholfen; du mußt nun erfahren, was du zur Erweckung deines Geistes tun mußt. Das dir vorzuzeichnen aber steht mir noch lange nicht zu, sondern einem andern, der auch unter uns ist, und dessen ganzes Wesen vom Gottesgeiste allerdichtest durchdrungen ist. Der wird dir erst den Wahrheitsweg zeigen und durch dein Fleisch zu deinem Geiste als Selbst Geist aller Geister rufen: ,Erwache in der Liebe zu Gott und daraus zu deinen Brüdern im Namen Dessen, der ewig war, ist, und auch ewig sein wird!‘ – Und nun sage du mir, wie du all das von mir dir nun Gesagte findest!“

77. Kapitel. Zorels Entschluß zur Besserung.

1. Sagt Zorel: „Ich finde deine mir nun gemachte Belehrung höchst geistreich, wahr und gut, und es muß alles also sein; denn sonst hättest du mir ehedem wohl nicht können meine verborgensten Taten wie aus einem Buche hersagen. Man kann als Mensch somit in jedem Falle einer kaum glaublichen Vollendung gewärtig werden, und es genügt mir vor allem diese nun gemachte Überzeugung; ich geize auch gar nicht nach solcher an dir nun wahrgenommenen Vollendung darum, um bei einer andern ähnlichen Gelegenheit einem armen Sünder seine begangenen Sünden vorzutragen, sondern der menschlichen Vollendung selbst wegen möchte ich in solch einen Zustand kommen, um dadurch mir selbst einen wahren Lebenstrost zu verschaffen und mich also im stillen über mich selbst zu freuen! Ich will nie ein Lehrer noch irgendein noch so sanfter Richter sein; nur dienen will ich als ein vollkommener Mensch, auf daß in der Folge kein Mensch durch meine Dummheit in irgendeinen Schaden kommen soll.

2. Dieses ist der alleinige Beweggrund, aus dem ich in deine Vollendung kommen möchte. Bestehe die Forderung dazu an mein Leben, worin sie nur immer wolle, ich werde ihr sicher nachkommen; denn so ich etwas will, da ist mir kein Opfer zu schwer! Es wird ausgeführt, selbst auf Kosten dieses meines Leibeslebens! Denn welchen Wert kann auch ein Leben haben, wenn es aus lauter Unvollkommenheiten zusammengesetzt ist?! Mit der Unvollkommenheit kann man nichts Vollkommenes erreichen, – nach etwas Unvollkommenem aber gelüstet es mich wahrlich durchaus nicht mehr!

3. Du sagtest aber, daß mich über das, was ich tun soll, ein anderer Mensch belehren wird, der voll des Geistes Gottes ist; du kennst ihn, – zeige mir ihn, auf daß ich hintrete zu ihm und ihn bitte um die Mittel zur Erweckung meines Geistes!“

4. Sagt Johannes: „Jener ist es, der dich ehedem zu mir beschied! Zu Dem gehe hin, Der wird dich erwecken!“

5. Sagt Zorel: „Eine innere Ahnung hat es mir schon seit meinem Erwachen gesagt, daß dieser mir früher bekanntgegebene Zimmermannssohn aus Nazareth etwas mehr denn bloß nur ein Mensch sein muß. Endlich kommt es als Wahrheit heraus, was ich bisher dunkel nur geahnt! Es ist überhaupt äußerst merkwürdig, daß mir eben jener Mensch gar so bekannt vorkommt! Wie aber kam denn hernach er zu solch einer Vollendung? Weißt du mir darüber keinen Bescheid zu geben?“

6. Sagt Johannes: „Darüber kann ich dir nichts anderes sagen, als daß dir so eine Frage wohl zu vergeben ist; sonst aber wäre das wohl so viel, als würdest du danach fragen, wie und auf welche Art Gott zu Seiner unendlichen Weisheits- und Machtvollkommenheit gelangt ist. Gott Selbst hat Diesen erwählt zu Seiner leiblichen Wohnstätte! Das ist die große Gnade, die durch diesen Erwählten allen Völkern widerfährt. Das Menschliche, das du an Ihm siehst, ist gleichsam der Sohn Gottes; aber in Ihm wohnt des Geistes Gottes Fülle!

7. Wenn aber das, da kann man ja nicht fragen, wie Er zu solch einer unendlichen Vollendung kam! Das, was Er nun ist, und ewig sein wird, war Er schon im Mutterleibe. Er machte zwar alles rein Menschliche mit, bis auf die Sünde, die die Menschen immer mehr oder weniger begehen; aber zu Seiner geistigen Vollendung trug das nichts bei, weil Er schon von Ewigkeit her vollendet war. Er tat und tut aber alles nur, damit alle Menschen ein vollkommenstes Vorbild an Ihm haben sollen, um Ihm als dem Urgrunde und Urmeister alles Seins und Lebens nachzufolgen.

8. Jetzt weißt du auch, mit wem du es in Ihm zu tun hast. Gehe darum hin, auf daß Er dir zeige den rechten Weg zu deinem Geiste, der in dir ist als die reine Liebe zu Gott, und durch deinen Geist oder durch deine Liebe zu Ihm, der da unter uns nun weilt als das wahre Heil aller Menschen, die je auf dieser Erde gelebt haben, jetzt leben und in der Zukunft leben werden.

9. So du aber zu Ihm gehest, da gehe in der Liebe deines Herzens zu Ihm und nicht mit der Purheit deines Verstandes! Denn nur durch die Liebe kannst und wirst du Ihn gewinnen und Ihn in Seiner Göttlichkeit auch begreifen; mit dem Verstande aber wirst du ewig nichts ausrichten! Denn nur die reine Liebe ist einer ewigen Steigerung fähig, während dem Verstande seine Grenzen gesetzt sind, über die er ewig nicht zu klettern vermögen wird. Aber des Menschen Liebe zu Gott ist, wie gesagt, einer ewigen Steigerung fähig, und je mächtiger die Liebe zu Ihm in dir werden wird, desto heller wird es auch in deinem ganzen Wesen! Denn die reine Liebe zu Gott ist ein lebendiges Feuer und ein hellstes Licht. Wer in diesem Lichte wandelt, der wird den Tod in Ewigkeit nicht sehen, wie Er Selbst also geredet hat. – Und nun weißt du schon gar vieles; erwecke dich im Herzen und wandle zu Ihm hin!“

10. Zorel weiß aber auf diese Nachricht vor lauter Ehrfurcht kaum, was er nun denken und tun soll. Denn diese letzte Belehrung läßt ihm nun gar keinen Zweifel mehr übrig, daß Ich die Gottheit in aller Fülle in Mir berge, und er wird darum aus der stets wachsenden Ehrfurcht auch stets verzagter und kleinmütiger, und er sagt nach einer Weile tiefernsten Nachdenkens: „Freund! Je mehr ich nun deine Worte überdenke und bedenke, desto schwerer wird es mir auch, zu Ihm hinzutreten und Ihn als ein Seiner Gnade Unwürdigster zu bitten, daß Er Selbst mir zeige den lichtvollen Weg zum Leben! Es ist, geradewegs zu sagen, mir nun nahe unmöglich, zu Ihm hinzutreten; denn ich fühle eine eigene Heiligkeit aus Ihm mir entgegenwehen, und diese sagt mir stets: ,Tritt zurück, du Unwürdigster! Wirke zuvor eine jahrelange Buße, dann erst komme und sieh, ob du den Saum Meines Gewandes anrühren kannst!‘ Sage mir, woher nun solch eine außerordentliche Bangigkeit mein ganzes Wesen durchdringt!“

11. Sagt Johannes: „Das ist schon recht also; der wahren Liebe zu Gott dem Herrn muß ja stets die Demut des Herzens vorangehen! Wo dies nicht der Fall ist, da kommt die Liebe nie und nimmer zum wahren und lebendigen Vorscheine. Verharre nur noch eine kleine Weile in solch einer rechten Zerknirschung deines Herzens vor Ihm! Wenn Er dich aber rufen wird, dann zaudere nimmer, eiligst zu Ihm hinzutreten!“

12. Nach diesen Worten findet Zorel etwas mehr Beruhigung in sich, denkt aber dennoch sehr darüber nach, wie gut und selig es nun wäre, ohne Sünde vor den Heiligsten hinzutreten.

78. Kapitel. Der Weg zum ewigen Leben.

1. Ich aber sage zum Zorel zu seiner höchsten Überraschung und zu seinem größten Erstaunen: „Wer seine Gebrechen reuig bekennt und Buße wirkt in der wahren, lebendigen Demut seines Herzens, der ist Mir lieber denn neunundneunzig Gerechte, die der Buße noch nie bedurft haben. Komme daher nun zu Mir, du bußfertiger Freund; denn in dir waltet nun das rechte Gefühl der Demut, das Mir lieber ist denn das der Gerechten von Urbeginn an, die da in ihren Herzen rufen: ,Hosianna, Gott in der Höhe, daß wir Deinen heiligsten Namen niemals entheiligt haben durch eine Sünde mit unserem Wissen und Willen!‘ Das rufen sie wohl und haben auch ein Recht dazu; aber darum sehen sie auch einen Sünder mit richterlichen Augen an und fliehen seine Nähe wie die Pest.

2. Sie gleichen den Ärzten, die selber von der vollsten Gesundheit strotzen, sich aber darum scheuen, dorthin zu gehen, wo ein Kranker um ihre Hilfe ruft, aus Furcht, etwa selbst krank zu werden. Ist da nicht ein Arzt besser und achtbarer, der keine Krankheit scheut und zu jedem Kranken hineilt, der ihn gerufen hat?! Wird er manchmal auch von einer Krankheit mitergriffen, so ärgert er sich nicht darob, hilft dennoch dem Kranken und sich selber auch. Und also ist es recht!

3. Komme du darum nun nur zu Mir, und Ich werde dir zeigen, was dir Mein Jünger nicht zeigen konnte, nämlich den allein wahren Weg des Lebens und der Liebe und der wahren Weisheit aus ihr!“

4. Auf diese Meine Worte bekam Zorel Mut und kam ganz langsamen Schrittes zu Mir.

5. Als er bei Mir war, sagte Ich: „Freund, der Weg, der zum Leben des Geistes führt, ist ein dorniger und schmaler! Das will soviel sagen als: Alles, was dir in diesem Leben von seiten der Menschen auch immer Ärgerliches, Bitteres und Unangenehmes begegnen kann, das bekämpfe du mit aller Geduld und Sanftmut, und wer dir Übles tut, dem tue nicht wieder dasselbe zurück, sondern das Gegenteil, so wirst du glühende Kohlen über seinem Haupte sammeln! Wer dich schlägt, dem vergelte nicht Gleiches mit Gleichem, nimm lieber noch einen Schlag von ihm, auf daß Friede und Einigkeit zwischen euch sei und bleibe; denn nur im Frieden gedeiht das Herz und des Geistes Wachstum in der Seele.

6. Wer immer dich um einen Dienst bittet oder um eine Gabe, dem verweigere nichts, vorausgesetzt, daß der von dir verlangte Dienst nicht den Geboten Gottes und den Gesetzen des Staates zuwider ist, was du schon gar wohl zu beurteilen imstande sein wirst.

7. Bittet dich jemand um den Rock, da gib ihm auch noch den Mantel hinzu, auf daß er erkenne, daß du ein Jünger aus der Schule Gottes bist! Erkennt er das, so wird er dir den Mantel lassen; nimmt er ihn aber, so ist seine Erkenntnis noch äußerst schwach, und dir sei nicht leid um den Mantel, sondern darum, daß ein Bruder noch nicht erkannt hat die Nähe des Reiches Gottes.

8. Wer dich bittet, eine Stunde mit ihm zu gehen, mit dem gehe zwei Stunden, auf daß ihm solche deine Bereitwilligkeit zu einem Zeugnis werde, aus welcher Schule der sein müsse, dem ein so hoher Grad von Selbstverleugnung eigen ist! Auf diese Weise werden sogar die Tauben und Blinden die rechten Winke bekommen, daß das Gottesreich nahe herbeigekommen ist.

9. An euren Werken und Taten wird man es erkennen, daß ihr alle Meine Jünger seid! Denn leichter ist, recht predigen als recht tun. Was nützt aber das leere Wort, wenn es nicht Leben durch die Tat bekommt?! Was nützen dir die schönsten Gedanken und Ideen, so dir das Vermögen mangelt, sie je ins Werk zu setzen?! So nützen die schönsten und die wahrsten Worte ebenfalls nichts, wenn dir selbst nicht einmal der Wille eigen ist, sie vor allem ins Werk zu setzen. Das Werk allein hat den Wert; Gedanken, Ideen und Worte aber sind wertlos, wenn sie nicht irgend ins Werk gesetzt werden. Darum soll jeder, der gut predigt, auch selbst gut handeln, – sonst ist seine Predigt nicht mehr wert als irgendeine hohle Nuß!“

79. Kapitel. Von der Armut und der Nächstenliebe.

1. (Der Herr:) „Es gibt in der Welt eine große Menge der Gefahren für die Seele. Auf der einen Seite hast du die Armut; ihre Begriffe von Mein und Dein werden desto schwächer, je mehr ein Mensch von derselben gedrückt wird. Darum lasset unter den Menschen die Armut nie zu groß werden, wollet ihr sicheren Weges wandeln!

2. Wer aber schon arm ist, der bitte die wohlhabenderen Brüder um eine nötige Gabe; stößt er an harte Herzen, so wende er sich zu Mir, und es soll ihm geholfen werden! Armut und Not entschuldigen den Diebstahl und den Raub nicht, und noch weniger den Totschlag eines Beraubten! Wer arm ist, der weiß nun, wohin er sich zu wenden hat.

3. Es ist zwar die Armut eine gar große Plage für die Menschen, aber sie trägt den edlen Keim der Demut und wahren Bescheidenheit in sich und wird darum auch stets unter den Menschen verbleiben; dennoch aber sollen die Reichen sie nicht mächtig werden lassen, ansonst sie sehr gefährdet werden hier und dereinst auch jenseits.

4. Wenn ihr unter euch Arme habt, so sage Ich es euch allen: Ihr brauchet ihnen nicht zu geben, daß auch sie reich würden; aber Not sollet ihr sie nicht leiden lassen! Die ihr sehet und kennet, denen helfet nach Recht und Billigkeit! Es wird aber noch gar viele geben auf dieser weiten Erde, die gar entsetzlich arm sind und eine übergroße Not leiden. Allein ihr kennet sie nicht und vernehmet auch nicht ihr Jammergeschrei; darum lege Ich sie euch auch nicht ans Herz, sondern die nur, die ihr kennet und die irgend zu euch kommen.

5. Wer von euch ein Freund der Armen sein wird aus vollem Herzen, dem werde auch Ich ein Freund und ein wahrer Bruder sein, zeitlich und ewig, und er wird nicht nötig haben, die innere Weisheit von einem andern Weisen zu erlernen, sondern Ich werde sie ihm geben in aller Fülle in sein Herz. Wer seinen nächsten armen Bruder lieben wird wie sich selbst und wird nicht hinausstoßen eine arme Schwester, welchen Stammes und welchen Alters sie auch sei, zu dem aber werde Ich Selbst kommen allzeit und Mich ihm treulichst offenbaren. Seinem Geiste, der die Liebe ist, werde Ich's sagen, und dieser wird damit erfüllen die ganze Seele und ihren Mund. Was der dann reden oder schreiben wird, das wird von Mir geredet und geschrieben sein für alle Zeiten der Zeiten.

6. Des Hartherzigen Seele aber wird ergriffen werden von argen Geistern, und diese werden sie verderben und sie einer Tierseele gleichmachen, wie sie dann auch jenseits also offenbar werden wird.

7. Gebet gerne und gebet reichlich; denn wie ihr da austeilet, so wird es euch wieder zurückerteilt werden! Wer ein Hartherz besitzt, das wird von Meinem Gnadenlichte nicht durchbrochen werden, und in ihm wird wohnen die Finsternis und der Tod mit all seinen Schrecken!

8. Aber ein sanftes und weiches Herz wird von Meinem Gnadenlichte, das gar zarter und übersanfter Wesenheit ist, gar bald und leicht durchbrochen werden, und Ich Selbst werde dann einziehen in ein solches Herz mit aller Fülle Meiner Liebe und Weisheit.

9. Solches möget ihr wohl glauben! Denn diese Worte, die Ich zu euch nun rede, sind Leben, Licht, Wahrheit und vollbrachte Tat, deren Realität ein jeder erfahren muß, der sich danach kehren wird.“

80. Kapitel. Von der Fleischeslust.

1. (Der Herr:) „Also, die Armut haben wir nun durchgemacht und haben auch gesehen die feindlichen Dinge, die aus ihrer Überhandnahme zum Vorscheine kommen können; wir haben aber auch gesehen, wie ihr abzuhelfen ist und warum, und welche Vorteile dem Menschen aus der Befolgung dieser Meiner Belehrung an euch alle für jedermann erwachsen können. Und so wären wir mit dieser Plage und Ärgerlichkeit fertig und kommen nun daneben auf ein anderes Feld, das dem nun bearbeiteten zwar sehr wenig ähnlich sieht, aber dennoch mit ihm in einer nächsten Verbindung steht. Dieses Feld heißt: des Fleisches Lust.

2. Darin liegt eigentlich das Hauptübel für alle Menschen mehr oder weniger begraben. Aus dieser Lust entspringen nahe alle leiblichen Krankheiten und gar alle Übel der Seele schon ganz sicher und vollends gewiß.

3. Jede Sünde legt der Mensch leichter ab als diese; denn die anderen haben bloß nur äußere Motive, diese Sünde aber hat das Motiv in sich selbst und im sündigen Fleische. Daher sollet ihr eure Augen abwenden von den reizenden Gefahren des Fleisches auf so lange, bis ihr Meister über euer Fleisch geworden seid!

4. Bewahret die Kinder vor dem ersten Fall und erhaltet ihnen ihre Schamhaftigkeit, so werden sie als Erwachsene dann ihr Fleisch leicht zu beherrschen haben und nicht leicht zu Falle kommen; aber einmal übersehen, – und des Fleisches böser Geist hat vom selben Besitz genommen! Kein Teufel aber ist schwerer aus dem Menschen zu vertreiben als eben der Fleischteufel; der kann nur durch vieles Fasten und Beten aus dem Menschen geschafft werden.

5. Hütet euch darum, die Kleinen zu ärgern oder sie durch übermäßiges Putzen und durch reizende Kleidung zu reizen und fleischlich zu entzünden! Wehe dem, der sich also an der Natur der Kleinen versündigt! Wahrlich, dem wäre es wohl erklecklicher, so er nie wäre geboren worden!

6. Den Frevler an der heiligen Natur der Jugend werde Ich Selbst züchtigen mit aller Macht Meines Zornes! Denn ist das Fleisch einmal brüchig geworden, dann hat die Seele keine feste Unterlage mehr, und ihre Vollendung geht schlecht vonstatten.

7. Welche Arbeit ist es für eine schwache Seele, ein brüchiges Fleisch wieder zu heilen und ganz und narblos zu machen! Welche Angst steht sie dabei oft aus, so sie merket ihres Fleisches, ihres irdischen Hauses Brüchigkeit und Schwäche! Wer schuldet daran? Die schlechte Überwachung der Kinder und die vielen Ärgernisse, die den Kindlein durch allerlei gegeben werden!

8. Namentlich aber ist die Sittenverderbnis in den Städten stets größer als auf dem Lande; darum machet einstens als Meine Jünger die Menschen darauf aufmerksam und zeiget ihnen die gar vielen bösen Folgen, die aus einem zu frühen Fleischbruche entstehen, so werden sich viele daran kehren, und es werden daraus gesunde Seelen zum Vorscheine kommen, in denen der Geist leichter zu erwecken sein wird, als es nun bei gar so vielen der Fall ist!

9. Sehet an die Blinden alle, die Tauben, die Krüppel, die Aussätzigen, die Gichtbrüchigen; sehet weiter an alle die verschiedenartig bresthaften und mit allerlei Leibesübeln behafteten Kinder und erwachsenen Menschen! Alles Folgen einer zu frühen Fleischbrüchigkeit!

10. Der Mann soll vor seinem vierundzwanzigsten Jahre keine Jungfrau anrühren – ihr wisset es, wie und wo es zu verstehen ist vor allem –, und die Jungfrau soll wenigstens vollkommen achtzehn Jahre zählen oder mindestens volle siebzehn; unter dieser Zeit ist sie nur notreif und soll keinen Mann erkennen! Denn vor dieser Zeit ist hie und da eine nur notreif; wird sie zu früh berührt von einem geilen Manne, so ist sie schon brüchigen Fleisches und zu einer schwachen und leidenschaftlichen Seele geworden.

11. Es ist schwer, eines Mannes brüchiges Fleisch zu heilen, – aber noch um vieles schwerer das einer Jungfrau, so sie vor der Zeit brüchig geworden ist! Denn fürs erste wird sie nicht leichtlich ganz gesunde Kinder zur Welt bringen, und fürs zweite wird sie darauf von Woche zu Woche beischlafsüchtiger und am Ende gar eine Hure, die da ist ein elendester Schandfleck beim Menschengeschlechte, nicht so sehr für sich selbst, als vielmehr für jene, durch deren Nachlässigkeit sie dazu gemacht wurde.

12. Wehe aber dem, der die Armut einer Jungfrau benützt und ihr Fleisch bricht! Wahrlich, für den wäre es auch besser, so er nie geboren worden wäre! Wer aber eine schon verdorbene Hure beschläft, anstatt durch die rechten Mittel sie von der Bahn des Verderbens abzuwenden und ihr auf den rechten Weg zu helfen, der wird dereinst vor Mir ein mehrfaches, strengstes Gericht zu bestehen haben; denn wer da schlägt einen Gesunden, der hat sich nicht so mächtig versündigt als einer, der einen Krüppel mißhandelt hat.

13. Wer irgend beschlafen hat eine ganz reife und gesunde Jungfrau, der hat zwar auch gesündigt; aber da das dadurch angerichtete Übel von keinem besonders schädlichen Belange ist, besonders so beide Teile ganz gesund sind, so steht darauf nur ein kleineres Gericht. Wer aber aus purer, schon alter Geilheit einer noch so reifen Jungfrau das tut etwa also, wie er es täte einer Hure, ohne Zeugung einer lebendigen Frucht in der Jungfrau Schoße, der soll ein doppeltes Gericht zu bestehen haben; wenn er aber solches tut mit einer Hure, so soll er auch ein zehnfaches Gericht zu bestehen haben!

14. Denn eine Hure ist eine in ihrem Fleische und in ihrer Seele vollkommen zerrüttete und zerbrochene Jungfrau. Wer ihr hilft aus solcher ihrer großen Not aus redlichem und Mir getreuem Herzen, der wird groß sein in Meinem Reiche dereinst. Wer eine Hure um einen schnöden Sold beschläft und sie noch schlechter macht, als sie früher war, der wird dereinst mit dem Lohne belohnt werden, mit dem ein jeder böswillige Totschläger belohnt wird im Pfuhle, der allen Teufeln und ihren Dienern bereitet ist.

15. Wehe dem Lande, wehe der Stadt, wo die Hurerei getrieben wird, und wehe der Erde, wenn dies große Übel auf ihrem Boden überhandnehmen wird! Über solche Länder und Städte werde Ich Tyrannen zu Herrschern setzen, und diese werden den Menschen unerschwingbare Lasten auferlegen müssen, auf daß alles Fleisch hungere und ablasse von der frevelhaftesten Handlung, die nur immer ein Mensch an seinem armen Mitmenschen begehen kann!

16. Eine Hure aber soll verlieren alle Ehre und Achtung sogar bei denen, die sie um den Schnödsold gebraucht haben, und ihr Fleisch soll in der Folge dazu noch behaftet werden mit allerlei unheilbarer oder wenigstens schwer heilbarer Seuche. Wenn sich aber eine ordentlich bessert, so soll sie bei Mir wieder in Gnaden angesehen werden!

17. So aber irgendein Geiler zu anderen Befriedigungsmitteln greift außerhalb des von Mir im Schoße des Weibes gestellten Gefäßes, der wird schwerlich je zur Anschauung Meines Angesichtes gelangen! Moses hat zwar dafür die Steinigung angeordnet, die Ich zwar darum nicht völlig aufhebe, weil sie eine harte Strafe für dergleichen schon ganz dem Teufel verfallene Verbrechen und Verbrecher ist, sondern Ich erteile euch nur den väterlichen Rat, solche Sünder von den Gemeinden zu entfernen, sie vorerst einer großen Not an einem Orte der Verbannung preiszugeben und erst, wenn sie nahe nackt an die Grenzen des Heimatlandes kommen, sie wieder anzunehmen, sie dann in eine Seelenheilanstalt zu bringen und sie diese nicht eher verlassen zu lassen, bis solche Menschen in die vollste Besserung übergegangen sind. Wenn sie, vielfach erprobt, ihr Bessersein vollkommen an den Tag legen längere Zeit hindurch, so können sie zur Gesellschaft wieder zurückkehren; lassen sich aber nur irgend noch die allergeringsten Spuren von sinnlichen Anfechtungen erkennen, so bleiben sie lieber unter Gewahrsam ihr Leben lang, was um vieles besser und heilsamer ist, als so die unverdorbenen Menschen einer Gemeinde durch sie verpestet würden.

18. Du, Zorel, warst in solcher Hinsicht eben auch nicht ganz rein; denn schon als Knabe warst du mit allerlei Unlauterkeit behaftet und warst ein ärgerliches Beispiel für deine Jugendgefährten. Aber es kann dir solches dennoch zu keiner Sünde gerechnet werden; denn du hattest keine jener Erziehungen bekommen, aus der du zu irgendeiner reinen Wahrheit gelangt wärst, die dir gezeigt hätte, was da nach der Ordnung Gottes vollkommen Rechtens ist. Das Bessere hast du erst einzusehen angefangen, als du bei einem Advokaten die Rechte der Bürger Roms kennengelernt hast. Von da an warst du zwar wohl kein Tiermensch mehr, aber sonst ein Gesetzesverdreher erster Klasse und betrogst deine Nächsten, wo es nur immer möglich war. Doch alles das ist vorbei, und du stehst nun nach deiner gegenwärtigen Erkenntnis als ein besserer Mensch vor Mir!

19. Aber alles dessenungeachtet merke Ich dennoch, daß in dir noch viel fleischliche Geilheit vorhanden ist. Auf diese mache Ich dich besonders aufmerksam und rate dir, daß du dich in diesem Punkte sehr in acht nehmen sollst; denn wenn du einmal in einem etwas bessern Leben stecken wirst, so wird sich dein noch sehr durchlöchertes Fleisch in seiner noch lange nicht geheilten Brüchigkeit zu rühren anfangen, und du kannst dann deine Not haben, dasselbe zu beruhigen und endlich an selbem die alte Brüchigkeit völlig zu heilen. Hüte dich darum vor aller Übermäßigkeit; denn in der Un- und Übermäßigkeit ruht der Same der fleischlichen Wollust! Sei daher in allem mäßig, und laß dich niemals zur Unmäßigkeit im Essen wie im Trinken verleiten, ansonst du dein Fleisch schwer wirst bezähmen können!

20. Und so haben wir nun denn auch das Feld des Fleisches so ein wenig durchgemacht, insoweit es nun für dich notwendig ist. Und nun wollen wir uns auf ein anderes Feld begeben, das bei dir auch als ein starkes bezeichnet werden kann!“

81. Kapitel. Vom rechten, gottgefälligen Geben.

1. (Der Herr:) „Dieses besteht in dem reinen Begriffe über Mein und Dein. Moses sagt: ,Du sollst nicht stehlen!‘ und wieder: ,Du sollst kein Verlangen tragen nach allem, was deines Nächsten ist, außer ein solches, das aller Gerechtigkeit entspricht!‘

2. Du kannst deinem Nächsten wohl ganz redlich etwas abkaufen und es dann gerecht und vor allen Menschen ehrlich besitzen; aber jemandem wider seinen Willen geheim etwas entwenden, ist Sünde wider die von Gott durch Moses den Menschen gegebene Ordnung, weil so eine Handlung offenbarst gegen alle Nächstenliebe streitet. Denn was dir rechtlichermaßen unangenehm sein muß, so es dir ein anderer tut oder täte, das tue auch du deinem Nächsten nicht!

3. Der Diebstahl entspringt zumeist der Eigenliebe, weil daraus hervorgehen die Trägheit, der Hang zum Wohlleben und zur Tatlosigkeit. Aus dem geht hervor eine gewisse Mutlosigkeit, die mit einer hochmütigen Scheu umlagert ist, der zufolge man sich zwar nicht zur etwas lästigen Bitte, aber desto eher zum geheimen Stehlen und Entwenden bequemt. Im Diebstahl ruhen sonach eine Menge Gebrechen, darunter die zu sehr emporgewachsene Eigenliebe der offenbarste Grund von den andern allen ist. Durch eine recht lebendige Nächstenliebe kann diesem Seelenübel am meisten entgegengewirkt werden zu allen Zeiten.

4. Du denkst nun erklärlicherweise in deinem Gehirne: ,Nächstenliebe wäre leicht geübt, wenn man nur immer die Mittel dazu besäße! Aber unter hundert Menschen gibt es stets kaum zehn, die so gestellt sind, daß sie diese herrliche Tugend üben können; die neunzig sind zumeist solche, an denen diese Tugend von den zehn Vermögenden ausgeübt werden soll. So man aber nur durch die Ausübung der Nächstenliebe dem Laster der Dieberei kräftigst begegnen kann, da werden die neunzig Armen sich schon schwer ganz davor verwahren können; denn denen fehlen die Mittel, diese Tugend kräftigst zu üben.‘

5. Du hast verstandesgemäß ganz richtig gedacht, und niemand kann dir mit dem Weltverstande etwas einwenden. Aber im Verstande des Herzens liesest du eine andere Sprache, und diese lautet: Nicht mit der Gabe nur werden die Werke der Nächstenliebe geübt, sondern vielmehr durch allerlei gute Taten und ehrliche und redliche Dienste, bei denen es am guten Willen natürlich nicht fehlen darf.

6. Denn der gute Wille ist die Seele und das Leben eines guten Werkes; ohne den hätte auch das an und für sich beste Werk gar keinen Wert vor dem Richterstuhle Gottes. Hast du aber auch ohne alle Mittel den lebendig guten Willen, deinem Nächsten, so du ihn in irgendeiner Not erschauest oder triffst, so oder so zu helfen, und es wird dir darum schwer ums Herz, so du solches nicht vermagst, so gilt dein guter Wille bei Gott um sehr vieles mehr als das Werk eines andern, zu dem man ihn durch was immer erst hat verlocken müssen.

7. Und hat ein Reicher eine ganz verarmte Gemeinde darum wieder auf die Füße gestellt, weil die Gemeinde ihm, so sie wieder wohlständig wird, den Zehent und eine gewisse Untertänigkeit zugesagt hat, so ist sein ganzes gutes Werk vor Gott gar nichts; denn er hat sich seinen Lohn schon genommen. Was er getan hat, das hätte des Gewinnes wegen auch ein jeder noch so wucherische Geizhals getan.

8. Du siehst daraus, daß vor Gott und zum Vorteile des eigenen inneren, geistigen Lebens ein jeder Mensch, ob er reich oder arm ist, die Nächstenliebe üben kann; es kommt nur auf einen wahrhaft lebendig guten Willen an, demnach ein jeder mit aller Hingebung gerne tut, was er nur kann.

9. Freilich wäre da der gute Wille allein auch nichts, so du ein oder das andere Vermögen wohl besäßest und es dir auch nicht am guten Willen fehlte, du nähmest aber dabei doch gewisse Rücksichten, teils auf dich selbst, teils auf deine Kinder, teils auf deine Anverwandten und teils noch auf manches andere, und tätest dem, der bedürftig vor dir steht, entweder nur etwas weniges oder mitunter auch gar nichts, weil man denn doch nicht allzeit wissen könne, ob der Hilfesucher doch nicht etwa ein fauler Lump sei, der der angesuchten Hilfe nicht würdig sei. Man täte da dann nur einen Lumpen in seiner Trägheit unterstützen und entzöge dadurch die Unterstützung einem Würdigeren! Kommt aber ein Würdigerer, so trägt man dann auch dieselben Bedenken; denn man kann es ja doch nicht mit völliger Bestimmtheit wissen, daß dieser ein völlig Würdiger ist!

10. Ja, Freund, wer sich beim Wohltun, selbst beim besten Willen, also besinnt, ob er etwas Erkleckliches tun solle oder nicht, dessen guter Wille ist und hat noch lange nicht das rechte Leben; darum zählen bei ihm weder der gute Wille noch die guten Werke etwas Besonderes vor Gott. Wo das Vermögen ist, müssen der Wille und die Werke gleich sein, sonst benimmt eines dem andern den Wert und die Lebensgeltung vor Gott.

11. Was du aber tust oder gibst, das tue und gib mit vielen Freuden; denn ein freundlicher Geber und Täter hat einen Doppelwert vor Gott und ist der geistigen Vollendung auch ums Doppelte näher!

12. Denn des freundlichen Gebers Herz gleicht einer Frucht, die leicht und früh reif wird, weil sie in sich eine Fülle der rechten Wärme hat, die zum Reifmachen einer Frucht von höchster Notwendigkeit ist, weil in der Wärme das entsprechende Element des Lebens, weil der Liebe, waltet.

13. Also ist des Gebers und Täters Freudigkeit und Freundlichkeit eben jene nicht genug zu empfehlende Fülle der rechten innern, geistigen Lebenswärme, durch die die Seele für die Vollaufnahme des Geistes in ihr ganzes Wesen mehr denn ums Doppelte eher reif wird und auch werden muß, weil eben diese Wärme ein Übergehen des ewigen Geistes in seine Seele ist, die durch solchen Übergang ihm stets ähnlicher gemacht wird.

14. Ein sonst aber noch so eifriger Geber und Wohltäter ist von dem Ziele der wahren innern, geistigen Lebensvollendung um so entfernter, je saurer und unfreundlicher er beim Geben und Tun ist; denn das unfreundliche und saure Gebaren beim Geben hat noch etwas materiell Weltliches in sich und ist darum vom rein himmlischen Elemente um sehr vieles entfernter denn das freudige und freundliche.

15. Also sollst du beim Geben oder Tun auch nicht ernste und oft bittere Ermahnungen mitgeben; denn diese erzeugen bei dem armen Bruder oft eine bedeutende Traurigkeit, und er fängt dann an, sich im Herzen sehr danach zu sehnen, von dem ihn stets mit ernster Miene ermahnenden Wohltäter ja nichts mehr annehmen zu müssen. Den Wohltäter aber machen solche unzeitige Ermahnungen nicht selten so ein wenig stolz, und der Bewohltätigte fühlt sich dadurch zu tief unter die Füße des Wohltäters geworfen und fühlt dann erst so recht seine Not vor dem Wohlstande des Wohltäters, und da ist es, wo das Nehmen bei weitem schwerer denn das Geben wird.

16. Wer Vermögen und einen guten Willen hat, der gibt leicht; aber dem armen Nehmer wird schon beim freundlichsten Geber bange, so er sich durch seine Armut genötigt sieht, dem noch so freundlichen Wohltäter zur Last fallen zu müssen. Wie schwer muß ihm aber erst ums Herz werden, so der Wohltäter ihm mit einem grämlichen Gesicht entgegentritt und ihm noch vor der Wohltat mehrere weise Lehren zukommen läßt, die für den Bewohltätigten in der Zukunft zu schmerzlichen Hemmschuhen werden, in einem Notfalle noch einmal vor die Tür des Mahnpredigers zu kommen, weil er bei einem zweiten Kommen noch eine weisere, längere und somit eindringlichere Predigt erwartet, die nach seinem Verständnisse allenfalls soviel sagt als: ,Komme du mir ja nicht sobald – oder auch gar nie wieder!‘, obwohl der Geber sicher nicht und nie im entferntesten Sinne daran gedacht hat.

17. Eben darum aber hat ein freudiger und freundlicher Geber einen so großen Vorzug vor dem grämlichen Mahnprediger, weil er das Herz des Nehmers tröstet und erhebt und in eine dankbare Stimmung versetzt. Auch erfüllt es den Nehmer mit einem liebevollen und gedeihlichen Vertrauen gegen Gott und gegen Menschen, und sein sonst so schweres Joch wird ihm zu einer leichteren Bürde, die er dann mit mehr Geduld und Hingebung trägt, als er sie zuvor getragen hat.

18. Ein freudiger und freundlicher Wohltäter ist einem armen und notleidenden Bruder gerade das, was dem Schiffer auf sturmbewegtem Meer ein sicherer und freundlicher Hafen ist. Aber ein grämlicher Wohltäter in der Not gleicht nur einer dem Sturme weniger ausgesetzten Meeresbucht, die den Schiffer wohl vor einer gänzlichen Strandung sichert, aber ihn danebst stets in einer spannenden Furcht erhält, ob nicht eine unheimliche und sehr verderbliche Springflut die Bucht nach dem Sturme, wie es dann und wann geschieht, heimsuchen könnte, die ihm dann einen größeren Schaden bringen könnte als zuvor des hohen Meeres Sturm.

19. Jetzt weißt du auch vollkommen nach dem Willensausmaße Gottes, wie die wahre und die geistige Vollendung einer leicht und ehest zu bewerkstelligenden Nächstenliebe beschaffen sein muß; tue danach, so wirst du auch leicht und ehest das allein wahre Lebensziel erreichen!“

82. Kapitel. Von der Demut und vom Hochmute.

1. (Der Herr:) „Aber nun kommt noch ein gar überaus wichtiges Lebensfeld, auf dem man dann erst so ganz zur vollen Wiedergeburt des Geistes in seiner Seele gelangen kann, was da ist des Lebens wahrster Triumph und höchstes Endziel. Dieses Feld ist der schnurgeradeste Gegensatz zum Stolz und Hochmut und heißt – Demut.

2. In einer jeden Seele aber liegt gleichfort ein Hoheitsgefühl und Ehrgeiz, der bei der geringsten Gelegenheit und Veranlassung sich nur zu leicht zu einer alles zerstörenden Zornleidenschaft entflammt und nicht eher zu dämpfen oder gar vollauf zu löschen ist, als bis er die ihn beleidigenden Opfer verzehrt hat. Durch diese gräßliche Leidenschaft aber wird die Seele so zerstört und materievoll, daß sie für eine innerliche, geistige Vollendung noch um vieles untauglicher wird – als der großen Wüste Afrikas glühender Sand zur Stillung des Durstes!

3. Bei der Leidenschaft des elenden Hochmutes wird am Ende die Seele selbst zum glühenden Wüstensand, über dem auch nicht ein elendstes Moospflänzchen erwachsen kann, geschweige irgendeine andere saftvollere und gesegnetere Pflanze. So die Seele eines Hochmütigen! Ihr wildes Feuer versengt und verbrennt und zerstört alles Edle, Gute und Wahre des Lebens vom Grunde aus, und tausendmal Tausende von Jahren werden vergehen, bis Afrikas Sandwüste sich in freundliche und segentriefende Fluren umgestalten wird. Da wird noch gar oftmals das ganze Meer seine Fluten darüber treiben müssen!

4. Siehe an einen stolzen König, der durch irgendeine kleine Sache von seinem Nachbar beleidigt wurde! Seine Seele gerät darauf stets mehr und mehr in den wüstesten Brand; aus seinen Augen sprühen schon lichterlohe Zornflammen, und die unwiderrufliche Losung heißt: ,Die furchtbarste Rache dem ehrvergessenen Beleidiger!‘ Und ein verheerendster Krieg, in dem sich Hunderttausende für ihren stolzen und übermütigen König auf die elendeste Weise zerfleischen lassen müssen, ist die altbekannte, traurigste Folge davon. Mit großem Behagen schaut dann der zornentflammte König aus seinem Zelte dem tollsten Schlachten und Morden zu und belohnet stolz jeden wütendsten Krieger mit Gold und Edelsteinen, der dem bekriegten Gegenteile irgendeinen größten und empfindlichsten Schaden hatte zufügen können.

5. Wenn ein solcher König seinen Beleidiger schon nahe bis aufs letzte Hemd beraubt hat mit seiner überwiegenden Macht, so ist ihm das noch viel zu wenig! Ihn selbst will er vor sich noch auf das allergrausamste martern sehen! Dagegen nützet kein Bitten und kein Flehen etwas. Und ist der Beleidiger auch vor des stolzen Königs Augen unter den peinlichsten und schmerzlichsten Martern gestorben, so wird dessen Fleisch noch dazu allergräßlichst verflucht und den Raben zum Fraße ausgestreut, und nimmer kehrt in das diamantene Herz eines solchen Königs irgendeine Reue zurück, sondern der Zorn oder die glühende Wüste Afrikas bleibt, einem jeden gleichfort den fürchterlichsten Tod bringend, der es je wagen sollte, auch nur der Stelle, wo irgend der stolze König stand, nicht die höchste Ehre zu bezeigen.

6. Ein solcher König hat freilich wohl auch noch eine Seele; aber wie sieht diese aus? Ich sage es dir: ärger denn die glühendste Stelle der großen Sandwüste Afrikas! Meinst du wohl, daß solch eine Seele je zu einem Fruchtgarten der Himmel Gottes wird umgewandelt werden können? Ich sage es dir: Tausendmal eher wird Afrikas Wüste die herrlichsten Datteln, Feigen und Trauben tragen, denn solch eine Seele auch nur einen kleinsten Tropfen der himmlischen Liebe!

7. Daher hütet euch alle vor allem vor dem Hochmut; denn nichts in der Welt zerstört die Seele mehr als der stets zornschnaubende Hochmut und Stolz! Ein immerwährender Rachedurst ist gerade also sein Begleiter, wie der ewige und unlöschbare Regendurst der großen, glühenden Sandwüste Afrikas steter Begleiter ist, und alles Getier, das seine Füße auf diesen Boden setzt, wird ebenfalls nur zu bald von derselben Plage ergriffen, so wie die Dienerschaft des Stolzen am Ende selbst ganz ungeheuer stolz und auch rachedurstig wird. Denn wer dem Stolze ein Diener ist, muß ja am Ende selbst stolz werden; wie könnte er sonst dem Stolzen ein Diener sein?!“

83. Kapitel. Die Erziehung zur Demut.

1. (Der Herr:) „Wie aber kann sich denn ein Mensch vor dieser allerbösesten Leidenschaft verwahren, da doch in einer jeden Seele der Keim dazu vorhanden ist und schon gar oft bei den Kindern einen beträchtlichen Wucherhöhepunkt erreicht hat? Durch die Demut allein ist dieses möglich!

2. Und es ist auf dieser Erde eben darum die Armut so überwiegend groß vor der Wohlhabenheit der Menschen, um dadurch den Hochmut gleichfort am scharfen Zügel zu haben. Versuche du, einem ärmsten Bettler eine Königskrone aufzusetzen, und du wirst dich alsbald überzeugen, wie seine frühere Demut und Geduld mit mehr denn Blitzesschnelle verdampft sein wird. Und es ist darum sehr gut, daß es sehr wenig Könige und sehr viele demütige Bettler gibt.

3. Eine jede Seele hat, angestammt von Gott aus, dessen Idee und Wille sie ist, ein Hoheitsgefühl, dessen Dasein man schon an der Kinder Schamhaftigkeit gar wohl merken kann.

4. Das Schamhaftigkeitsgefühl der Kinder ist eine Empfindung der Seele, sowie sie sich einmal zu fühlen anfängt, durch die sich stumm die Unzufriedenheit kundgibt, da sich die Seele als ein Geistiges mit einem plumpen und ungefügigen Fleische umkleidet sieht, dessen sie ohne Schmerzen nicht los werden kann; je zarter und sensitiver der Körper einer Seele ist, desto stärker wird auch ihr Schamhaftigkeitsgefühl sein. Wenn nun ein rechter Erzieher der Kleinen es versteht, dieses unvertilgbare Gefühl zur rechten Demut zu lenken, so schafft er aus diesem Gefühle dem Kinde einen Schutzgeist und stellt es auf den Weg, auf welchem fortwandelnd es leicht zur frühen geistigen Vollendung gelangen kann; aber eine nur ein klein wenig schiefe Leitung dieses angestammten Gefühls kann sogleich auf den Hochmut und Stolz hinüberlenken.

5. Das Schamhaftigkeitsgefühl in den sogenannten Kinderehrgeiz hinüberzulenken, ist schon hoch gefehlt; denn da fängt ein Kind gleich an, sich als ein vorzüglicheres zu denken denn ein anderes. Es wird leicht beleidigt und gekränkt und weint darum ganz bitterlich; in diesem Weinen gibt es klar und deutlich kund, daß es in seinem Hoheitsgefühle von jemand verletzt worden ist.

6. Suchen nun schwache und sehr kurzsichtige Eltern das beleidigte Kind dadurch zu besänftigen, daß sie, wenn auch nur zum Scheine, den Beleidiger des Kindes zur Verantwortung und zur Strafe ziehen, so haben sie bei dem Kind schon den ersten Keim zur Stillung des Rachedurstes gelegt; und so die Eltern ihr Kind gleichfort auf dieselbe Weise besänftigen, so erziehen sie aus demselben nicht selten einen Teufel für sich und für viele andere Menschen. Wo aber die Eltern klug sind und dem Kind schon frühzeitig stets den größeren Wert in den andern Menschen und Kindern erschauen lassen und so das Schamhaftigkeitsgefühl in eine rechte Demut hinüberlenken, da werden sie aus ihren Kindern Engel ziehen, die später als wahre Lebensvorbilder den andern, gleich den schönsten Sternen in der Nacht des Erdenlebens, voranleuchten und sie erquicken werden mit ihrer Sanftmut und Geduld.

7. Da aber Kinder nur selten eine solche Erziehung erhalten, durch die ihr Geist in ihrer Seele erweckt würde, so hat dann der erwachsene und zur reineren Erkenntnis gelangte Mensch vor allem darauf zu sehen, daß er sich der wahren und rechten Demut befleißige aus allen seinen Kräften. Bevor er nicht den letzten Rest eines Hochmutsgefühles getilgt hat, kann er weder hier noch jenseits in eine völlige Vollendung des rein geistigen Himmelslebens übergehen.

8. Wer da sich selbst erproben will, ob er in der Demut ganz vollendet ist, der frage sein Herz, ob er noch durch irgend etwas beleidigt werden kann, und ob er seinen größten Beleidigern und Verfolgern leicht aus vollem Herzen vergeben kann und Gutes tun denen, die ihm Arges zugefügt haben, ob er gar keine Sehnsucht nach irgendeiner Weltherrlichkeit dann und wann fühlt, ob es ihm angenehm ist, als der Geringste unter den Geringen sogar sich zu fühlen, um jedermann in allem dienen zu können! Wer das alles ohne Trauer und Wehmut vermag, der ist schon hier ein Einwohner der höchsten Himmel Gottes und wird es bleiben in Ewigkeit; denn durch solch eine gerechte Demut wird nicht nur die Seele völlig eins mit ihrem Geiste, sondern auch zum größten Teile der Leib.

9. Daher wird solch ein Mensch den Tod des Leibes auch nie fühlen und schmecken, weil der gesamte ätherische Leibesteil – als der eigentlich naturlebige – schon diesseits mit der Seele und ihrem Geiste unsterblich geworden ist.

10. Durch den physischen Tod wird nur das gefühl- und leblose Schattenwerk von der Seele abgelöst, was der Seele kein Bangen und keinen weiteren Schmerz verursachen kann, weil alles Gefühlslebendige des Leibes sich schon lange ganz mit der Seele geeinigt hat; und alsonach kann ein so vollendetgestaltiger Mensch denn auch den Abfall des ohnehin immer gefühllosen und somit toten, äußern Schattenleibes ebensowenig verspüren, als so man seinem Leibe bei dessen vollen Naturlebzeiten die Haare abschneidet oder die Nägel, wo sie übers Fleisch hinausgewachsen sind, oder den Wegfall einer Hautschuppe, die sich hie und da von der ohnehin unfühlbaren Oberhaut des Leibes ablöst. Denn was am Leibe nie ein Gefühl hatte, das kann auch beim gänzlichen Austritt der Seele aus dem Leibe keine Empfindung haben, weil alles Empfindsame und Lebendige des Leibes sich zuvor schon ganz mit der Seele vereinigt hat und mit ihr nun ein Wesen ausmacht, das nimmer von ihr getrennt wird.

11. Du sahst jetzt, was die rechte Demut ist, und was sie bewirkt, und so wirst du dich in der Folge dieser Tugend befleißigen! Wer nun dies dir von Mir Gesagte getreust befolgt, der wird sich in sich selbst überzeugen, daß diese leichtfaßlichen Worte, wenn auch ohne allen rednerischen, leeren Prunk gegeben, nicht von einem Menschen, sondern von Gott herkommen. Und wer danach lebt und handelt, der wandelt auf dem rechten Wege zur wahren innersten, geistigen Lebensvollendung. – Nun aber sage du Mir auch, ob dir das alles wohl so ganz klar und einleuchtend geworden ist!“

84. Kapitel. Zorels gute Vorsätze.

1. Sagt Zorel, ganz zerknirscht vor Verwunderung über die hohe Wahrheit und Reinheit dieser Meiner etwas gedehnten praktischen Lebenslehre: „Herr und ewiger Meister alles Seins und Lebens! Ich für meine Person habe Dich aus dieser Deiner Lehre auch ohne die vorhergehende praktische Lebensübung erkannt, – daß solches aus Deinem Munde kein Mensch, sondern nur ein Gott, der Himmel und diese Erde und den Menschen erschaffen hat, geredet hat; desto intensiver aber werde ich auch alles praktisch in mein Leben übertragen, was Du, o Liebe der Liebe, mich nun gnädigst gelehret hast!

2. Verstanden habe ich alles; denn es kam mir merkwürdigermaßen vor, als hätte ich ähnliche Worte schon irgendwo einmal vernommen und sie auch praktiziert. Aber es kann das nur so in einem Traume gewesen sein; denn im wirklichen Leben wüßte ich wahrlich nicht, wo und wann mir je solch eine Gnade wäre zuteil geworden! Sonderbar aber bleibt es immer, wie mich ein jedes Wort aus Deinem heiligen Munde gar so bekannt und überaus freundlich angeregt hat! Es war mir darum auch alles gar so verständlich! Aber sei ihm nun wie ihm wolle, – solche Worte und solche Lehren, die alles, was im Menschen irgend Leben heißet, so tief, wahr und treu berühren, sind von eines sterblichen Menschen Munde noch nie ausgesprochen worden!

3. Wer nach diesen Worten noch nicht den rechten Weg zu seiner innern, geistigen Lebensvollendung finden sollte und nicht den mächtigen Trieb in sich bekäme, all sein Tun und Lassen genau danach einzurichten, der müßte wahrlich entweder gar kein Mensch sein, oder er müßte sich gar mächtig in die dumme, tote Welt hineingelebt haben, und seine Seele müßte ganz diamanten geworden sein, ansonst es wohl gar nicht zu denken wäre, wie ein Mensch, der diese Lehre gehört und begriffen hat, nicht auch sein ganzes Leben danach einrichten würde, da er doch den dadurch zu erreichenden Endzweck so hell und klar wie die Sonne am Mittage vor sich sehen müßte! Ich will mich aber damit nicht rühmen, als hätte ich schon etwas erreicht; aber eine helle, ins Lebensbewußtsein eindringende und vollkommen klare Anschauung der reinsten Wahrheit solcher Lehre ist doch auch schon etwas, das da – für mich wenigstens – einen schon ganz bedeutenden Lebenswert hat.

4. Wer aber diese heilige Sache einmal so hell einsieht wie ich, der wird doch samt mir nicht mehr der Narr sein und sich bei all solcher lebendigster Einsicht und Erkenntnis lieber in alle Kotlachen und Pfützen der Welt stürzen, um den stinkenden Schlamm herauszufischen, an dem er am Ende ersticken müßte, als zu besteigen die lichten Höhen des Horeb und Libanon und dort zu sammeln die heilsamen Kräuter, die die kranke Seele heilen und völlig gesund machen zum ewigen Leben. Ich verstehe unter den heilsamen Kräutern auf den lichten Höhen Horebs und Libanons die Werke, die man nur auf der lichtvollsten Höhe der Wahrheitserkenntnis Deiner Lehre, o Herr, findet, das heißt, durch das Handeln nach dem Worte, das man aus Deinem Munde vernommen hat. Unter ,Horeb‘ und ,Libanon‘ aber verstehe ich das Göttlich-Wahre und das Göttlich-Gute, – das ist so nach meinem Verstande die Bedeutung.

5. Groß, heilig und über alles erhaben bist Du, o Herr, der Du hier vor mir stehest, – aber nie größer, heiliger und erhabener als in den Menschen, die Deine Liebe und Weisheit zu Deinen Kindern umgewandelt hat!

6. Siehe, Herr, es muß ja auch für Dich die größte Freude sein, so ein vorher bloß menschförmiges Geschöpf Dein Vaterwort zu hören und zu verstehen beginnt, ja endlich sogar frei aus sich den unwandelbaren Entschluß faßt, also zu wandeln und zu handeln, um zu jener geheiligten Vollendung zu gelangen, die Du als Gott, Schöpfer, Vater und Lehrer zum seligsten Ziele gesetzt hast!

7. Wie groß muß Deine Vaterfreude erst dann sein, so ein Mensch die Vollendung in Deiner heiligen Ordnung erreicht hat! Aber wie groß muß dann auch die Freude eines Kindes sein, das in und aus seiner geschöpflichen Nichtigkeit in der Fülle seiner wahren Demut in seiner inneren Vollendung endlich Dich Selbst als den wahren und einzigen Vater erkannt hat! Den himmlischen Engelsgeist möchte ich wohl kennenlernen, der mit der sonnenhellsten Phantasie mir solch eine Freude beschreiben könnte, – und denjenigen, der nun aus dieser seiner gegenwärtigen geistigen Verarmung solche Tiefe einer solchen Phantasie zu fassen vermöchte also, wie sie als nur einigermaßen gelungen zu fassen wäre! Ich habe wohl so ein dumpfes Vorgefühl, – ja, es kommt mir nun wieder gerade also vor, als hätte ich irgendwie in einem Traume einmal etwas Ähnliches gefühlt; aber das scheint dennoch alles nur so eine selige Rückwirkung von dem zu sein, was Deine Lehre, o Herr, in meinem Herzen und in meinem Willen geschaffen hat!

8. Es ist die Freude eines Säemanns, der das frohe Bewußtsein hat, daß sein Acker einmal von allem Unkraute gereinigt und in seine Furchen ein reinster Same gelegt wurde, der ganz gewiß auf eine segensreichste Ernte die schönste Hoffnung erweckt.

9. Mein Acker ist nun gut, was Du, o Herr, sicher gesehen hast, ansonst Du nicht so verschwenderisch den reinsten Samen hineingestreut hättest. Dies Bewußtsein aber mag in mir eben das mir unbeschreibliche Wonnegefühl erzeugen; denn ich bin ja des Erfolges sicher, weil ich der Möglichkeit so gut als vollkommen sicher bin, daß ich Dein heilig Wort in mir zur vollsten Realität bringen werde. Ist aber die Ursache einmal vollendet da, so kann die große, heilige Wirkung nicht unterm Wege bleiben. Ich aber will keine Halbheit, sondern das vollendete Ganze; daher soll bei mir in meinem Handeln auch nie eine Halbheit, sondern solch ein Ganzes wie Dein Wort werktätig zum Vorscheine kommen!

10. Habe ich doch als Lump etwas Ganzes leisten können, wo ich keinen Erfolg als irgend gesegnet nur mit einiger Sicherheit zu erwarten hatte; nur ein etwas arger Luftzug, und alle meine noch so vorteilhaften Hoffnungen lagen im Meeresgrunde! Und doch kann mich niemand je irgendeiner Lauheit zeihen und mir nie irgendeine Halbheit nachweisen. Konnte ich aber schon als Lump etwas Ganzes sein, oft auch ohne alle Aussicht auf irgendeinen nur halbwegs günstigen Erfolg, um wieviel mehr werde ich nun auf diesem Wege jede Halbheit zu vermeiden verstehen und meine Gedanken, Worte und Taten von dem abwenden, was die Welt verlangt; denn sie hat mich lange genug am Narrenseile herumgeführt.

11. Kein Keim von einem Weltgedanken und keine Spur von einer Welttat soll in mir mehr vorkommen, das heißt, nach meinem einmal gefaßten Willen sicher nimmer! Für das aber, was ich nicht handhaben kann, als da sind die ordentlichen Bedürfnisse meines Leibes, kann ich natürlich wohl nicht stehen; denn diese stehen, o Herr, in Deiner allmächtigen Willenshand. Aber meine Gedanken, meine Ideen, meine Worte und meine Handlungen sollen mir dereinst das Zeugnis geben, daß auch ein Grieche sein Wort und seinen einmal gefaßten Vorsatz halten kann!

12. Es kann auch sein, daß ich in dieser meiner seligen Gemütsaufloderung manches zu voreilig gesprochen habe; aber es macht das nichts! Vergessen wird es Zorel nicht, was er nun geredet hat; und vergißt er es nicht, so handelt er auch strenge danach – und sollte es ihm sein irdisches Leben kosten! Seit ich nun klarst weiß und lebendigst fühle, daß es nach dem Abfalle dieses Fleischlebens überaus sicher und wahr noch ein anderes, unvergleichbar vollkommeneres Leben gibt und geben muß, ist mir dieses Fleischleben um eine hohle Nuß feil! Habe ich mein Leben doch so oft um einen nichtigen, irdischen Gewinn in die Schanze schlagen müssen, – warum nun da nicht, wo ich des Gewinnes sicherer bin denn dessen, daß ich nun denke, fühle und rede?!

13. Oh, ich rede nun nicht wie irgendein berauschter Narr, sondern mit den nüchternsten Sinnen von der Welt rede ich solches zu einem Zeugnisse, daß ich die Fülle der Wahrheit des Wortes Gottes begriffen und verstanden habe! Daß ich's aber in der Fülle verstanden habe, beweist, daß ich nun mein irdisches Leben für diese heiligste Wahrheit in die Schanze schlagen will, – was ich nun nicht etwa darum also rede, um meinen Worten vor euch ein gewisses rednerisches Ansehen zu verleihen, sondern ich rede, wie es mir nun wahrhaft ums Herz ist.

14. Wohl gibt es Menschen, die, von der außerordentlichen Gelegenheit ergriffen und hingerissen, auch also reden, als wollten sie schon am nächsten Tage die ganze Erde in einen Garten umgestalten; wenn aber dann die Gelegenheit vorüber ist, da denken sie über all das Gesehene und Gehörte wohl nach, aber mit den Entschlüssen zum Handeln wird's von Tag zu Tag lauer, und die alten, dummen Gewohnheiten treten bald wieder an die Stelle der neuen Entschließungen. Bei mir aber ist das noch nie der Fall gewesen; denn hatte ich einmal etwas als Wahrheit erkannt, so handelte ich auch so lange strenge danach, bis ich mir von etwas Besserem eine volle Überzeugung verschafft hatte.

15. Meine früheren Handlungen standen in keinem Kontraste zu meinen Lebensansichten, die vor dem Forum sogar der reinsten und zum großen Teile philanthropisch (menschenfreundlich) eingestellten Weltvernunft durchaus nicht verwerflich waren. Wie aber konnte ich's auch nur ahnen, daß ich mit dem ewigen Meister alles Seins und Lebens je in dieser Welt in eine leibhaftige Berührung kommen würde, vor dessen reinster Weisheit und wahrhaftester Lebensanschauung und – bestimmung meine Vernunftansichten so wie Wachs vor der Sonne zerflossen! Aber das Unglaublichste ist geschehen: Der Gott in aller Fülle Seiner ewigen Macht- und Weisheitsvollkommenheit steht vor uns allen und lehrt uns des Menschen und seines Lebens nicht nur zeitliche, sondern ewige Bestimmung mit so handgreiflich klaren Worten, daß man sie schon als nahe ein Blinder und Tauber bis auf den Grund des Grundes verstehen muß! Und da kann man denn doch nicht umhin, einen Lebensentschluß zu fassen, von dem mich auch eine in Trümmer zerstoßene Welt ewig nicht abbringen würde!

16. Ja, Menschen, die da nichts als eitel feige Memmen sind, die werden sich allzeit nach der Welt mehr richten als nach der heiligsten Wahrheit aus dem Munde des allein wahren Gottes; denn die Welt hat ja auch Vorteile für die Zeit und Gold, Silber und Edelsteine! Um solchen Kot lassen die schwachen Menschen Gott bald einen guten Mann sein; denn Er läßt ihnen ja kein Gold und kein Silber aus den Wolken regnen. Ich aber habe nun das reinste Gold der wahren Himmel Gottes kennengelernt und verachte daher schon jetzt aus dem tiefsten Grunde meines Lebens diesen verlockenden Kot der Erde! Du, allmächtiger Herr der Ewigkeit, aber strafe mich nun, so ein Wort falsch ist, das nun meinen Mund verlassen hat!

17. Dich, hoher Cyrenius, aber habe ich nur in meiner Dummheit und geistigen Armut um eine Unterstützung angefleht; jetzt aber nehme ich meine ungeschickte Bitte zurück! Denn wo ich der Himmel Schätze in einem so reichlichsten Maße gefunden habe, da bedarf ich der irdischen nicht mehr; auch meinen Acker und meine verbrannte Hütte brauche ich nicht mehr, da ich Gottes Hütte in meinem Herzen erkannt und gesehen habe. Verkaufet alles und bezahlet die, denen ich irdisch etwas schulde! Ich aber werde arbeiten und den Menschen in allem, was vor Gott recht ist, dienen; denn ich kann ja arbeiten, habe mir die Zeit meines Lebens hindurch so manche Fertigkeiten erworben und bin darum ein brauchbarer Mensch. Nur so viel Zeit wird man mir doch überall gönnen, daß ich dem in meinem Handeln entsprechen kann, wozu ich mich nun für alle meine Zeit und für ewig bestimmt habe?!“

18. Sage Ich: „Weil Ich deine Seele wohl kannte, so habe Ich dich im Geiste auch berufen, ansonst du nicht hierhergekommen wärest; da du nun aber so sehr umgestaltet worden bist, so ist für dich auch schon für weiterhin gesorgt. Du wirst Mir auch ein gutes Rüstzeug sein für die Griechen an den Küsten von Kleinasien und auch bei denen in Europa. Dort gibt es gar manche, die nach dem Lichte schmachten und keines von irgendwoher erhalten können. Vorderhand aber bist du im Hause des Kornelius aufgenommen, der ein Bruder des Cyrenius ist. Von selbem Hause aus wirst du mit allem versehen werden. Wann es aber an der Zeit sein wird, daß du hinausgehest und den Völkern bekanntmachest Meinen Namen, werde Ich dir zur rechten Zeit bekanntgeben. Nun aber hast du alles, dessen du benötigest; ein mehreres wird dich der Geist der Wahrheit lehren. Wenn du zu reden haben wirst, wirst du nicht not haben nachzudenken, sondern zur Stunde wird es dir ins Herz und in den Mund gelegt werden, und die Völker werden dich hören und werden preisen Den, der dir solche Weisheit und Macht gegeben hat.“

85. Kapitel. Zorel wird Kornelius anvertraut.

1. (Der Herr:) „Nun aber ist es Abend geworden, und unser Wirt Markus hat das Abendmahl bereitet, und da wir an dir nun noch einen guten Fang gemacht haben, so werden wir uns nun das Abendmahl auch so gut als auf dieser Erde möglich schmecken lassen; in Meinem Reiche jenseits wird es dereinst schon besser gehen! Nach dem Abendmahle aber werden wir uns nicht mit dem Schlafen abgeben, sondern mit etwas ganz anderem, und morgen, bevor noch die Sonne aufgehen wird, werden wir uns trennen auf eine Zeit; denn Ich habe noch viele Orte zu besuchen. Du, Raphael, aber gehe nun zu den Weibern und lasse sie wieder hierherkommen; denn die Verhandlung, die sie wenig oder nichts anging, ist vorüber, und die Zeit des Abendmahles ist herbeigekommen!“

2. Raphael geht und holt die Weiber alle, und die Jarah kommt zu Mir gelaufen und sagt: „O Herr! Du meine Liebe! Eine Ewigkeit schien es mir nun zu dauern, bis wir wieder berufen wurden; aber nun Dir allen Dank, daß ich wieder bei Dir sein darf! Aber hätten wir weiblichen Wesen das gar nicht hören dürfen, was Du, o Herr, mit dem Zorel alles verhandelt hast?“

3. Sage Ich: „Nein, weil es für euch weibliche Wesen um vieles vor der rechten Zeit gewesen wäre; im übrigen aber hast du daran gar nichts verloren, – denn zur rechten Zeit wird dir das alles offenbar werden. Nun aber kommt das Abendmahl, und du kannst dich dabei recht erheitern mit dem Josoe und mit dem Raphael, den Ich erst nach dem Abendmahle näher mit dem Zorel werde bekannt machen; denn von dem hat er noch keine Vermutung.

4. Heute nach dem Mahle aber werden wir wieder bis an den Morgen wach verbleiben, und ihr alle werdet die letzte Nacht, die Ich leiblich unter euch verbringen werde, eine solche Masse des Wunderbaren zu sehen und zu hören bekommen wie früher noch nie; denn in dieser Nacht sollet ihr ganz kennenlernen, wer Der ist, der nun solches zu dir geredet hat. Aber davon darf vor der Zeit niemand etwas gemeldet werden! – Du, Mein lieber Zorel, aber halte dich nun an den Kornelius; denn er, und nicht der Cyrenius, wird von nun an dein Versorger sein!“

5. Sagt Cyrenius: „Herr! Ich mißgönne meinem Bruder sicher nichts, was nur irgend gut ist; aber den Zorel hätte auch ich überaus gerne bei mir gehabt!“

6. Sage Ich: „Dein Wunsch macht Meinem Herzen eine große Freude und gilt soviel als das Werk selbst; du aber hast von all denen, die hier bekehrt wurden, ja ohnehin schon eine große Anzahl auf deine Schüsseln übernommen! An Zinka und seinen Gefährten hast du einen Schatz, hast den Stahar, Murel und Floran, den Hebram und Risa, den Suetal, Ribar und Bael, den Herme mit Weib und Töchtern, und hast nun auch deine beiden Töchter Gamiela und Ida samt denen, die Ich zu deinen Schwiegersöhnen bestimmt habe, und hast den Wunderknaben Josoe; und es versteht sich, daß dir auch aller der Benannten Anhang gegeben ist, und du kannst damit vollkommen zufrieden sein! Dein Bruder Kornelius übernimmt nur den Zorel, und dieser wird vorerst seinem Hause gute Dienste leisten und später aber auch den Fremden, für die Ich ihn erweckt habe. Du aber wirst ohnehin noch oft genug zu deinem Bruder kommen und er zu dir, und da wirst du mit unserem Zorel schon auch über so manches dich besprechen können. – Bist du noch traurig darum, daß Ich dir den Zorel nicht übergeben habe?“

7. Sagt Cyrenius: „O Herr! Wie fragst Du mich denn um so etwas?! Du weißt es ja, daß Dein allein heiliger Wille meine höchste Seligkeit ist, laute er nun, wie er wolle! Dazu vergeht ja ohnehin nie ein voller Monat, daß nicht ich zum Bruder oder der Bruder zu mir kommt auf Besuch, entweder in Geschäften oder so aus alter Bruderliebe, und da wird sich wohl eine Gelegenheit geben, mit dem Manne etwelche Wörtlein zu reden!

8. Aber Du hast ehedem zu der lieben Jarah gesagt, daß Du diese Nacht hindurch noch eine Menge des Wunderbarsten wirken wirst, dieweil wir nun alle hinreichend eingeweiht sind in Deine Wesenheit; nun, worin wohl dürfte der Wunderhauptmoment bestehen?“

9. Sage Ich: „Lieber Freund! Das wirst du samt allen andern alles schauen und vernehmen zur rechten Zeit! Nun aber siehst du ja den alten Markus schon auf das emsigste die Speisen auf die Tische tragen und Wein, Salz und Brot, und vor allem bedürfen deine Töchter einer guten Stärkung; darum wird nun vor dem verzehrten Abendmahle nichts mehr unternommen, geredet und besprochen werden!“

86. Kapitel. Übertriebene und rechte Demut.

1. Markus gibt nun das Zeichen zum Sichniederlassen auf die angebrachten langen Bänke, und Kornelius beruft den Zorel, daß er bei ihm zur Rechten Platz nehme.

2. Zorel weigert sich dessen, sagend: „Hoher Herr und Gebieter! Tue mir doch so was nicht an! Denn siehe, ich gehöre dorthin nahe an der Holzhütte zum letzten und allergemeinsten Brettertische, an dem eure letzten und geringsten Diener und Knechte sitzen, – nicht aber hierher und sogar zu deiner Rechten, da der allererste Tisch gedeckt ist! Das wäre eine schöne Demutsübung von mir, die der Herr alles Lebens mir doch über alles ans Herz gelegt hat!“

3. Sage Ich: „Freund Zorel, es genügt hier dein Wille! Darum tue dem Kornelius den Gefallen! Die wahre Demut aber liegt ja ohnehin nicht in einem äußerlichen Werke ins Gesicht, sondern im Herzen, der vollen Wahrheit gemäß. Gehe nach Jerusalem, und siehe dort die Pharisäer und alle Schriftgelehrten an, mit welch demutsvollen Gesichtern und Kleidern sie einherschreiten; ihre Herzen aber sind danebst doch des stinkendsten Hochmutes voll und hassen bis tief unter die Hölle jedermann, der nicht nach ihrer Pfeife tanzen will, – während ein König mit Krone und Zepter, so er diese nicht setzt über den Wert eines Menschen, so demutsvollen Gemütes sein kann wie ein letzter Bettler auf der Straße! Wenn du das so recht bedenkst, da wird es dich zur Rechten des Kornelius an unserem Tische schon dulden.“

4. Sagt Zorel: „Ah, wenn so, da geht es freilich wohl!“ – Er geht nun hin und setzt sich nach dem Wunsche des Kornelius.

5. Kornelius aber sagt zu ihm: „So, lieber Freund, so freut es mich von ganzem Herzen! Wir wollen ja in der Folge miteinander leben und wirken im Namen Dessen, der uns erleuchtet hat! Ich denke es mir also, was da betrifft eine rechte Demut: Man soll im Herzen voll der wahren Demut und Nächstenliebe sein, aber äußerlich soll man damit eben nicht prunken; denn dadurch, daß ich mich äußerlich zu knechtisch tief unter die anderen Menschen beuge, mache ich sie hochmütig und benehme mir die Gelegenheit, ihnen in allem, was da nützlich wäre, dienen zu können.

6. Eine gewisse Achtung, die ich schon bloß nur als Mensch von meinen Nebenmenschen zu erwarten habe, darf ich nie völlig vergeben, weil ich ohne dieselbe nichts ersprießlich Gutes bewirken kann! Darum wollen wir beide zwar in unseren Herzen so demütig als nur immer möglich sein; aber von unserem notwendigen äußeren Ansehen können und wollen wir nichts vergeben!

7. Wir werden gar oft in Gelegenheiten kommen und sehen, wie irgend arme Menschen sich zu ihrem Unterhalte mit sehr geringen und allerunansehnlichsten Arbeiten abgeben müssen. Sollen wir, um etwa unserer Demut die Krone aufzusetzen, auch die Pfützen und Kloaken räumen gehen?! Dessen glaube ich, bedarf es nicht äußerlich; da genügt es, daß wir jene Menschen, die sich mit solcher Arbeit abgeben, darum in unseren Herzen nicht für geringer halten denn uns, die wir vom Herrn aus ein ganz anderes Amt zu versehen überkommen haben.

8. Wir selbst müssen zuerst das Amt hochachten, uns aber freilich nicht etwa um unsertwillen, sondern vor dem Volke nur um des Amtes willen. So aber das eine Notwendigkeit ist, da dürfen wir nicht selbst die Pfützen und Kloaken reinigen gehen, sondern müssen diese Arbeit denen übertragen, die vom Herrn und von der Natur dazu bestimmt sind. Wir würden es auch nicht aushalten, weil wir nicht von Jugend auf daran gewöhnt worden sind. Und der Herr wird so etwas von uns auch sicher nicht verlangen; aber das verlangt Er als Vater aller Menschen, daß wir in unseren Herzen keinen Menschen, sogar den größten Sünder nicht, verachten sollen, sondern alles aufbieten, um seine Seele zu retten! Und so glaube ich, daß wir recht handeln werden vor Gott und vor allen Menschen.“

9. Sage Ich: „Ja, also ist es recht! Die wahre Demut und die wahre Nächstenliebe wohnen wahrhaft in euren Herzen – und nicht im äußern Scheine wie bei den Pharisäern!

10. Wer sich ohne Not unter die Kleie und Treber menget, muß sich's am Ende gefallen lassen, von den Schweinen aufgefressen zu werden!

11. Also verlangt die rechte Demut auch nicht, daß ihr die Perlen Meiner Lehre gerade den Schweinen vorwerfen sollet. Denn es gibt Menschen, die da ärger sind denn die Schweine, und für die taugt Meine Lehre nicht; denn diese Art Menschen möget ihr ganz füglich eher zur Räumung der Pfützen und Kloaken verwenden, bevor ihr ihnen Meine Worte und Meinen Namen kundmachet!

12. Sehet aber da nicht etwa aufs Kleid oder auf eine Außenwürde, sondern allein auf das Benehmen eines Menschen seinem Herzen und Gemüte nach! Ist das edel, sanft und geduldig, dann verkündet ihm das Evangelium und saget: ,Der Friede sei mit dir im Namen des Herrn und mit allen Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!‘ Ist der also zum voraus gesegnete Mensch eines wahrhaft guten Willens und Herzens, so wird der segenvolle Friede in ihm verbleiben, und das ihm bekanntgemachte Evangelium wird ehest die schönsten Himmelsfrüchte zu tragen beginnen. Und so glaube und meine Ich Selbst nun nach eurer menschlichen Weise, daß ihr alle nun mit dem, was die rechte Demut ist, so völlig zu Hause sein dürftet!

13. Und da die Speisen bereits auf dem Tische im reichlichsten Maße sich befinden, so essen und trinken wir alle nach Herzenslust und voll heiteren Mutes; denn so Ich als ein wahrer Bräutigam eurer Seelen unter euch sitze, so möget ihr wohl heitersten Mutes und fröhlichsten Sinnes dies wohlbereitete Mahl mit Mir verzehren! Werde Ich aber jüngst wieder nicht also wie nun unter euch sein, so möget ihr schon wieder mit minderer Lust und Heiterkeit am Speisetische sitzen!“

87. Kapitel. Kornelius und Zorel besprechen sich über Wunder.

1. Alle greifen nun zu und essen wacker und heiter drauflos; besonders stark nahm wieder Raphael zur Sicht mehrere große Fische vor sich und verzehrte sie wunderbar schnell, was dem Zorel und dem Zinka sehr auffiel, besonders aber dem Zorel, der noch gar nicht wußte, wer der Jüngling sei. Er erkundigte sich darum beim Cyrenius, wie der Junge gar so heißhungrig die größten Fische verzehre, da er ja doch von ferne keinem Vielfresser gleichsehe.

2. Darauf gibt ihm Cyrenius zur Antwort: „Jener Junge ist ein wundersames Wesen; er ist ein Mensch und Geist zugleich, ist von einer Kraft und Macht belebt, von der dir noch nie etwas geträumt hat. Mein Bruder Kornelius, der neben dir sitzt, kann dir dasselbe bezeugen!“

3. Hierauf fragt Zorel den Kornelius, was es denn mit dem Jungen für eine besondere Bewandtnis habe.

4. Sagt Kornelius: „Siehe, lieber Zorel, es ist das, was dir mein Bruder schon gemeldet hat; ein mehreres über sein wundersames Wesen kann ich dir aus dem ganz einfachen Grunde nicht mitteilen, weil ich, ganz offen gesagt, es wahrlich selbst nicht verstehe. Er ist etwa derselbe Engel, der nach der Juden Mythe einst einem jungen Tobias schon als Führer gedient hat. Ich war sicher nicht dabei, um dir in dieser Sache als ein lebendiger Zeuge dienen zu können; aber ich glaube es, daß es also war, – und warum sollte man so etwas nicht glauben?!

5. Es geschehen ja hier wieder solche Wunderdinge, die unsere späten Nachkommen schwer glauben werden, – und doch sind sie wahr vor unseren Augen und Ohren, weil wir sie sehen und hören! Es geschieht nun des göttlich Wunderbaren ja so viel, daß man am Ende schon alles glauben muß, was immer in den Schriften und Büchern der Juden als Wundersames erzählt wird. Denn kann hier ein Wunder das andere ordentlich zudecken, warum nicht auch in jenen alten Zeiten, – und so kann unser Starkesser ganz gut vor etlichen hundert Jahren einem frommen jungen Tobias als ein Führer gedient haben! Ich für mich glaube das alles nun steinfest und bin der Meinung, daß du darin auch keinen Anstand nehmen wirst!“

6. Sagt Zorel: „Ich schon gar nicht; denn alles Wunderbare ist etwas Besonderes und hat mit den Erscheinungen im Gebiete des Natürlichen keine Ähnlichkeit. Es tritt die bekannten Gesetze der Naturwelt mit Füßen und ist in sich die Verwirklichung der Phantasie eines mit aller Weisheit begabten Dichters. Denn was nur immer ein phantasiereicher Mensch sich denken kann, wird im Gebiete des Wunderbaren realisiert!

7. Einem Gott muß ja doch alles möglich sein, weil der Bestand einer Welt und des gestirnten Himmels in einem fort als permanente Zeugen dastehen! Denn die erste Erschaffung einer Welt müßte uns ja ganz entsetzlich wunderbar vorkommen! Ist aber eine Welt als erschaffen und mit den gewissen Bestandsgesetzen versehen einmal da und von Wesen unter denselben Bestandsgesetzen bevölkert, so kann sie denen, die sie bewohnen, freilich wohl nicht mehr gar zu wunderbar vorkommen!

8. Kommt aber, wie außerordentlichstermaßen nun, auf derselben wunderbarst erschaffenen Welt der Schöpfer zu der Bevölkerung der Welt, so muß diese sicher von neuem groß zu staunen beginnen, wenn der alte Allmächtige vor ihren Augen Werke zu vollführen beginnt, die freilich nur Ihm und sonst in der ganzen Unendlichkeit ohne Seinen Willen niemandem möglich sein können.

9. Ich stelle damit aber gar nicht in irgendeine Abrede, daß irgendein geistig ganz vollendeter Mensch auch Wunderbares zu leisten imstande sein wird; vielleicht wird er als ein ganz vollendeter, reiner Geist sogar auch eine kleine Welt erschaffen können, – aber ohne Mitwirkung des göttlichen Willens sicher ewig nicht! Ein solcher Geist wird auch sicher höchst weise reden und lehren können, aber ohne den göttlichen Geist in seiner Brust auch ewig nicht!

10. Ich kann mich noch so dunkel entsinnen aus der jüdischen Geschichte, daß einmal ein Esel zu einem Propheten Bileam soll ganz weise gesprochen haben. Ja, in der gar alten Zeit sollen sogar die wilden und reißenden Tiere die verstockten Menschen gelehrt haben! Wir waren nach deinen Worten auch nicht dabei; aber es kann dem ungeachtet schon immer etwas Wahres daran sein. Aber solche Tiere wurden für den Augenblick sicher vom Geiste Gottes ergriffen und mußten Ihm als Werkzeuge dienen! Und nicht um vieles anders und besser wird es mit der Weisheit der weisesten Menschen und Geister stehen; der eigentliche, große Unterschied wird nur in dem Verbleiben und Wachsen bestehen!

11. Das ist so meine Ansicht! Dies will ich freilich wohl nicht als eine apodiktisch gewisse Wahrheit aufgestellt haben, – denn ich bin mit meinen Vernunftgründen schon einmal eingegangen und möchte solch einen Sprung auf Leben und Tod nicht noch einmal durchmachen; aber nur, wie man vernünftigermaßen also davon spricht, kann man ohne irgendeine Begründung ja doch immerhin so eine Meinung gegen eine andere aufstellen und am Ende zur Einsicht gelangen, ob und wieviel Wahres etwa daran ist oder auch nicht ist!“

12. Sagt Kornelius: „Freund, du redest wie geschrieben, und es ist an deiner bescheidenen Meinung schon sicher auch etwas daran; aber ich habe nun noch eine Meinung für dich, und diese besteht darin, daß du nun deinen Fisch verzehren sollst und nicht so sehr darauf sehen, wie der Himmelsjunge einen Fisch um den andern wegißt und noch immer einen Appetit äußert, aus dem sich mit aller Leichtigkeit erkennen läßt, daß er noch zehn solche Fische ohne alle Anstrengung unters Dach zu bringen imstande wäre! Iß nun auch du, und zeige, daß auch du wenigstens eines Fisches Meister werden kannst und eines Bechers guten, ja besten Weines!“

13. Auf diese Worte ißt und trinkt nun unser Zorel in aller Ruhe ganz wacker drauflos und kümmert sich nicht mehr gar so um alles, was da irgend um uns her geschieht.

88. Kapitel. Die verschiedenen Ansichten über das Wesen Jesu.

1. Der Wein aber fing an, an den Tischen die Zungen zu lösen, und es ward darum stets lebhafter und lebhafter. Es entstanden sogar verschiedene Meinungen über Mich, und man könnte sagen, daß hier beim Abendmahle eine erste Kirchenspaltung vor sich ging. Einige behaupteten, daß Ich ganz unmittelbar das allerhöchste Gottwesen sei; andere sagten aber: Ich sei das wohl, aber nicht unmittelbar, sondern mittelbar. Wieder andere sagten: Ich sei eigentlich nur ein Sohn Davids laut der Abkunft und sei zum Messias des Davidschen Reiches bestimmt und darum mit der Wunderkraft Davids und mit der Weisheit Salomos ausgerüstet. Noch andere meinten: Ich sei ein erster Engel der Himmel, nun auf Erden pro forma im Fleische wandelnd, und habe noch einen Adjutanten aus den Himmeln bei Mir.

2. Ein Teil, zu dem sich sogar Meine Apostel teilweise schlugen, erklärte Mich für den Sohn des Allerhöchsten. Ich hätte zwar dieselben Eigenschaften wie Mein Vater, sei aber dennoch eine ganz andere Persönlichkeit, und es möchte etwa also auch der oft besprochene Geist Gottes am Ende gar noch eine dritte Persönlichkeit ausmachen, die in gewissen Fällen für sich ganz allein ein Wörtlein zu reden hätte!

3. Mit dieser Meinung waren jedoch nur sehr wenige einverstanden. Einige fragten Petrus, was er denn meine.

4. Petrus aber sagte: „Er, der Herr Selbst, hat uns, als wir in dieser Gegend umherfuhren, befragt, was die Leute von Ihm hielten, wer Er sei, und was endlich wir selbst von Ihm hielten. Da ward auch dies und jenes behauptet, und als am Ende ich befragt ward, sagte ich es auch geradeheraus, wie ich es im Herzen empfand: ,Du bist der Sohn des Allerhöchsten!‘ Und Er war mit solch meinem Zeugnisse vollkommen zufrieden und nannte mich sogar einen Glaubensfels, auf dem Er Seine Kirche bauen werde, die von den Pforten der Hölle nicht mehr überwunden werden würde. Damit ward also meine damals ausgesprochene Meinung von Ihm Selbst gutgeheißen und bestätigt, und also tue ich nicht unrecht, so ich wie ein Fels dabei stehenbleibe!“

5. Johannes aber war dennoch sehr bedeutend gegen diese Meinung des Petrus und sagte: „In Ihm wohnt die Fülle der Gottheit körperlich! Als den Sohn, der aber keine andere Persönlichkeit ist und sein kann, erkenne ich nur Seinen Leib insoweit, als er ein Mittel zum Zwecke ist; aber im ganzen ist Er dennoch identisch mit der in aller Fülle in Ihm wohnenden Gottheit!

6. Oder ist denn mein Leib etwa eine andere Persönlichkeit als meine Seele? Machen nicht beide einen Menschen aus, obschon anfänglich meines Seins die Seele sich diesen Leib erst ausbilden mußte und man füglich sagen könnte: Die Seele hat über sich einen zweiten, materiellen Menschen gezogen und somit um sich eine zweite Persönlichkeit gestellt? Man kann wohl sagen, daß der Leib ein Sohn oder etwas von der Seele Erzeugtes ist, aber darum macht er keine zweite Persönlichkeit mit ihr oder gar ohne sie aus! Und noch weniger kann man das von dem Geiste in der Seele sagen; denn was wäre denn eine Seele ohne den göttlichen Geist in ihr? Sie wird ja erst ein vollkommener Mensch durch ihn, so er sie ganz durchdrungen hat! Da ist ja dann Geist, Seele und Leib vollkommen ein und dieselbe Persönlichkeit!

7. Zudem steht es geschrieben: ,Gott schuf den Menschen vollkommen nach Seinem Ebenmaß.‘ So aber der Mensch als vollkommenes Ebenmaß Gottes mit seinem Geiste, seiner Seele und seinem Leibe nur ein Mensch ist und nicht drei, so wird doch etwa Gott als der vollkommenste Urgeist, umgeben mit einer ebenso vollkommenen Seele und nun auch vor unseren Augen sichtbar mit einem Leibe, auch nur ein Gott und ewig nie ein Dreigott, etwa gar noch in drei gesonderten Personen, sein! – Das ist meine Ansicht, die ich ewig festhalte, ohne darob ein Glaubensfels sein zu wollen!“

8. Sagen alle an Meinem Tische: „Johannes hat recht geredet!“

9. Petrus aber will sich darum nun korrigieren und sagt: „Ja, also meine ich es ja auch; nur bin ich nicht so mundwendig, um mein inneres Verständnis so schnell an den Tag zu legen, obwohl diese Sache immer etwas schwer zu fassen sein wird!“

10. Sagt Johannes: „Schwer und wieder nicht schwer! Nach deiner Art wird es wohl nie ein Mensch auf dieser Erde fassen, – nach meiner Art, so denke ich, wieder ganz leicht! Der Herr allein aber soll nun zwischen uns beiden einen rechten Schiedsrichter machen!“

11. Sage Ich: „Der Glaube vermag vieles, aber die Liebe vermag alles! Du, Simon Juda, bist wohl ein Fels im Glauben; aber Johannes ist ein reiner Diamant in der Liebe, und darum sieht er auch tiefer denn jemand anders von euch. Er ist darum auch Mein eigentlicher Leibschreiber; er wird vieles von Mir zum Niederschreiben bekommen, das euch allen noch ein Rätsel sein wird! Denn in solcher Liebe hat vieles Raum, im Glauben aber nur etwas Bestimmtes, allda es heißt: ,Bis hierher und dann nicht mehr weiter!‘ Haltet euch nur an den Ausspruch Meines Lieblings; denn er wird Mich der Welt als vollkommen überbringen!“

12. Darob wird Petrus etwas verlegen und auf den Johannes ganz geheim stets so ein wenig eifersüchtig. Aus diesem Grunde hielt sich Petrus auch nach Meiner Auferstehung, als Ich ihn behieß, daß er Mir folgen solle und weiden Meine Lämmer, darüber auf, daß Mir Johannes ohne Mein Geheiß auch folgte, was Ich dann, wie bekannt, dem Petrus verwies, und wobei Ich dem Johannes auch eine vollste Unsterblichkeit verhieß, – woher dann die Sage ins Volk kam, daß dieser Jünger nimmer, auch leiblich sogar, sterben werde.

13. Petrus aber fragte den Johannes, wie er denn tue, daß er stets eine viel tiefere Einsicht und Erkenntnis an den Tag lege als er, Petrus nämlich.

14. Johannes aber sagte: „Sieh, ich wohne nicht in deinem Gemüte und du nicht in dem meinigen, und ich habe dazu keinen Maßstab, um bestimmen zu können, aus welchem Grunde meine Ansicht die gediegenere und richtigere ist! Aber so der Herr Selbst es nun gesagt hat laut vor uns, nämlich den Unterschied zwischen Glauben und Liebe, da nimm das als Antwort auf deine Frage! Denn Nieren und Herzen kann nur der Herr allein prüfen, und so wird Er es auch wissen auf ein Haar, welch ein Unterschied da ist zwischen unsern Gemütern.“

15. Mit dieser Antwort war Petrus vorderhand auch zufrieden und fragte nicht weiter. Es war aber nun auch das Mahl zu Ende, und wir erhoben uns und gingen alle auf den Berg.

89. Kapitel. Der Leuchtstein von der Nilquelle.

1. Als wir alle nach und nach auf dem uns schon bekannten Berge ankamen und unsere Plätze einnahmen, da trat der alte Markus mit seinem Weibe und seinen Kindern zu Mir hin und bat Mich inständigst, daß Ich doch noch den kommenden Tag über bei ihm verbleiben möchte, da es ihm zu schmerzlich vorkomme, so Ich ihn schon vor dem Aufgange verließe.

2. Sagte Ich: „Sei du darum unbesorgt! Ich kann gehen und bleiben, Mich nötigt keine Zeit; denn Ich bin auch ein Herr der Zeit und aller Zeiten! Mir wächst keine Zeit je über dem Haupte zusammen. Es gibt aber noch viele Orte, die Ich besuchen muß und besuchen werde; aber gerade auf einen Tag und auf eine Stunde kommt es bei Mir dort nicht an, wo Ich eine wahre, lebendige Liebe gefunden habe.“

3. Sagt Markus, mit Tränen in den Augen: „O Herr und Vater, ewig Dank Dir für diese übergroße Gnade! Dein allein heiliger Wille geschehe! Aber, Herr, die Nacht ist sehr finster, weil die Wolken den Himmel sehr dicht überzogen haben; soll ich nicht Fackeln herauftragen lassen?“

4. Sage Ich: „Laß das, wir werden uns schon Licht verschaffen!“

5. Hierauf berufe Ich den Raphael und sage zu ihm: „In Afrikas Mitte, da, wo die hohen Komrahai-Berge stehen und des Nils erste Quelle einem Felsen entsprudelt, wirst du zehn Manneshöhen unter dem Gerölle einen Stein von der Größe eines Menschenkopfes finden; den schaffe Mir her, er soll uns diese Nacht erhellen zur Genüge! So du ihn aber wirst hierhergebracht haben, dann lege ihn auf jenen kahlen Baumstamm, auf daß sein Licht weithin dringe und die Gegend erleuchte! Daß Ich mit dir aber nun also geredet habe wie mit einem Menschen, geschah eben um der Menschen willen, auf daß sie wissen sollen, was da zu geschehen hat, und Meine Macht erkennen in deiner Ausführung Meines Willens.“

6. Mit dem verschwand Raphael, war aber jedoch gleich einem fliegenden Lichtmeteore sogleich wieder samt dem sonnenhell leuchtenden Steine bei uns.

7. Bevor aber Raphael den Stein noch auf den bezeichneten hohlen und kahlen Baumstamm legte, verlangten mehrere, den Stein näher in Augenschein zu nehmen.

8. Als ihn aber Raphael sehr in die Nähe brachte, konnte denselben vor lauter Lichtstärke niemand anschauen, weil er nahe ein so starkes Licht von sich ließ, wie die Sonne für die Erde an einem kürzesten Wintertage, das heißt fürs Sehgefühl der menschlichen Fleischaugen, und es blieb demnach dem Raphael nichts anderes übrig, als den Leuchtstein sogleich an den Ort seiner Bestimmung zu legen. Von dort erleuchtete sein intensivstes Licht die Umgegend so bedeutend, daß man weithin noch alles recht gut ausnehmen konnte.

9. Daß sowohl Zinka mit seinen Leuten und ganz besonders aber Zorel sich vor lauter Verwunderung kaum zu atmen getrauten, läßt sich leicht begreifen. Zorel strengte sich an, etwas so recht Kernvernünftiges darüber zu sagen; aber er brachte nichts heraus, weil sich ihm hier nach seinen noch sehr mathematisch stereotypen Begriffen logische Unmöglichkeiten in der Erscheinung der schnellen Steinherbeischaffung und in dessen vehementesten Leuchten entgegenstellten, denen seine Erfahrungen und seine Wissenschaften keinen Sieg abnötigen konnten. Er war fürs erste mehrere Male mit seinen Sklavinnen in Ägypten, und einmal noch ein paar Tagereisen weit hinter den Katarakten gewesen. Es war ihm darum die Entfernung der hinterägyptischen Gegenden nicht ganz unbekannt, da er mit guten Kamelen bis zu den Katarakten stets fünf bis sechs Wochen Reisezeit benötigte.

10. Nach seiner Berechnung würde diese Strecke ein Orkan in drei Tagen und ein Pfeil diese Reise in einem Halbtage zurücklegen. Welche Schnelligkeit in der Bewegung muß sonach der Junge gehabt haben, um eine sicher dreimal so lange Strecke in wenigen Augenblicken zurückzulegen! Ist der Junge ein Geist, – wie konnte er eine Materie tragen, und wie konnte die Materie, selbst von der härtesten Art, vor der Zerstörung durch den Widerstand der Luft geschützt werden?! Das gibt es in den Naturgesetzen nicht! Dann kommt dazu das ganz hitzlose, sonnenähnlich intensivste Licht; das gibt es auch nicht! Keine Erfahrung hat das noch je irgend entdeckt, außer beim faulenden Holze, dessen Leuchten aber eigentlich auch nur ein so matter Schimmer ist, daß er in der Nacht, selbst in höchster Potenz, nur kaum dem Leuchten der Sonnenwendewürmer gleichkommt!

11. Also dachte unser Zorel eine Zeitlang und sagte nachher zu Kornelius und Zinka: „Das will ich denn doch ein wahrhaftes Wunder nennen; denn so etwas hat bisher auf der Erde noch nie stattgefunden! Was etwa doch das für eine Steinart sein wird? Von allen Zeiten bis jetzt ist ein solcher Stein noch nie entdeckt worden! Welchen Wert müßte ein solcher Stein für einen Kaiser oder für einen König haben, vorausgesetzt, daß er sein Licht mit der Zeit nicht einbüßt! Denn an der weitgedehnten Küste Afrikas bis sehr weit hinter die Herkulessäulen, bis in die Gegenden, wo des hohen Atlas Ausläufer den atlantischen Ozean begrüßen, sieht man im Spätsommer ebenfalls hie und da sehr weiße und in der Nacht zu gewissen Stunden sehr stark leuchtende Steine; aber ihr Leuchten dauert nicht lange, und läßt man einen solchen Stein in ein trockenes Gemach bringen, so ist's mit seinem Leuchten bald aus, und der Stein hat darum keinen Wert mehr. Mit diesem Steine aber scheint es eine ganz eigentümliche Bewandtnis zu haben! Der wird sein Licht sicher nimmer verlieren und muß darum einen unsäglichen Wert haben!“

12. Sagt Kornelius: „Nicht nur des Leuchtens wegen, sondern vielmehr dessen wegen, durch den er hergeschafft ward! Aber lassen wir nun das! Morgen am Tage werden wir ihn schon leichter besichtigen und beurteilen können als heute; denn da werden unsere Augen durch der Sonne Licht weniger empfindlich sein denn eben heute, das heißt nun in dieser dicken Nacht, in der das Gewölke zu einem tüchtigen Landregen ein allen gesegnetstes Gesicht macht. Nun seien wir aber ruhig; denn der Herr wird erst das beginnen, was Er uns unten am Tische verheißen hat!“

13. Mit dem begnügt sich Zorel und ist nun ganz Aug' und Ohr.

14. Es tritt aber nun Ouran zu Mir hin und sagt: „Herr, was wird morgen mit dem Steine geschehen, und wird er wohl sein Licht stets behalten?“

15. Sage Ich: „Mit dieser Frage hast du so ganz eigentlich den Wunsch an den Tag gelegt, daß du ihn für deine Kronen besitzen möchtest! Aber es geht das nicht; denn es könnten wegen der Eroberung dieses Steines große und sehr verderbliche Kriege entstehen. Daher wird ihn morgen Mein Engel wieder dahin zurückstellen, von woher er ihn geholt hat, und das macht dann allem Streite für immer ein Ende.“

16. Mit dem Bescheide begnügt sich Ouran vollkommen und tritt wieder an seinen Platz zurück.

17. Aber Cyrenius sagt dennoch: „Herr! Als ein Geschenk an den Kaiser würde dieser Leuchtstein sicher einen mächtigen Eindruck machen.“

18. Sage Ich: „Das ganz gewiß, er würde aber am Ende seines zu hohen Wertes wegen auch dort zu Kriegen sein Licht herleihen, und das wäre recht schlimm! Einige Körnchen davon sollst du wohl schon haben, – aber den ganzen Stein ja nicht!“

19. Sagt Cyrenius: „Aber wie und auf welche Weise ist denn diesem Steine diese Leuchtfähigkeit inne? Welchen Namen hat er wohl?“

20. Sage Ich: „Diese Steine gehören eigentlich nicht dieser Erde an, sondern sind nur in der großen Sonnenwelt einheimisch. Nun, in der großen Sonnenwelt aber gibt es von Zeit zu Zeit große Eruptionen von einer für eure Begriffe allerunmeßbarsten Kraftäußerung, von der gar oft solche Steine ergriffen und mit der größten Wurfgewalt in den weiten Schöpfungsraum hinausgeschleudert werden. Und da hast du einen davon!

21. Ihr Leuchten rührt allein von ihrer über alle deine Begriffe allerglattesten Oberfläche her, an der sich beständig eine Menge Blitzfeuer ansammelt und die in die überaus harte Materie gebannten Geister zur Tätigkeit eben durchs benannte Feuer stets von neuem auffordert. Zudem ist dieser Stein im höchsten Grade durchsichtig, und es wird demnach gar leicht jede auch innerste Geistertätigkeit in der äußern Erscheinlichkeit des Leuchtens tätig ersichtlich und natürlich durch die Außentätigkeit der an der höchst glatten Oberfläche der Kugel schnell vorbeigleitenden Geister der Luft im hohen Grade vermehrt.

22. Diese Steine aber werden in der Sonne nicht etwa in der Natur schon also angetroffen, sondern auch erst durch die Kunst und durch die Hände der dortigen Menschen dazu präpariert. Sie werden zumeist schon in der runden Form gefunden in der Gegend großer Gewässer und entstehen stets bei Ausbrüchen. Es werden da im höchsten Grade geschmolzene mineralische Elemente weit in den mit Äther erfüllten Raum hinausgetrieben und nehmen im freien Raume stets die runde Gestalt eines Tropfens an, nach dem in alle Materie gelegten, dem Mittelpunkte zustrebenden und denselben suchenden Ruhegesetze.

23. Das Zurückfallen solcher Kugeln, die von sehr verschiedener Größe sein können, dauert oft Tage, Wochen, Monate und bei größeren oft viele Jahre, je nachdem sie mehr oder minder weit von der Sonne entfernt hinausgeschleudert worden sind. Nun, manche fallen auf der Sonne Gebirge und Felsen und zerschellen sich; aber viele fallen in die großen Gewässer, bleiben unbeschädigt und werden leicht von den Menschen der Sonnenwelt herausgeholt. Denn die Sonnenmenschen können ganz leicht oft stundenlang unterm Wasser verbleiben und auf dem Meeresgrunde arbeiten wie auf dem trockenen Lande, und das um so leichter, weil sie nebst solcher nahe amphibienartigen Eigenschaft noch ganz überaus zweckmäßige Taucherinstrumente besitzen.

24. Wenn ein großes Sonnenhaus sich mit solchen Kugeln hinreichend versehen hat, so werden sie, trotzdem sie schon ohnehin eine äußerst glatte Oberfläche besitzen, mit allem Kunstfleiße noch mehr geglättet und poliert, und zwar bis auf den Grad, wo sie unter dem Polieren zu leuchten anfangen. Ist die Polierung einmal bis auf den Punkt gediehen, so werden sie in den häufig vorkommenden unterirdischen, katakombenartigen, langen Gängen, durch die stets ein starker Luftzug geht, als Leuchtkugeln auf eigens dazu hergerichtete Säulen gelegt und beleuchten sogestaltig mehr als zur Genüge die unterirdischen Gänge und dienen zugleich als besondere Zierde solcher Gänge, auf die besonders in der Sonnenwelt sehr gesehen wird; denn daselbst ist nicht selten ein ganz gewöhnliches Wohnhaus schon bei weitem gezierter und geschmückter, besonders inwendig, als in Jerusalem der Salomotempel. Und so läßt sich's wohl auch denken, daß die Sonnenmenschen, besonders die des Mittelgürtels, auch für die Verzierung ihrer unterirdischen Gänge alles mögliche aufbieten.

25. Jedoch, wir sind hier nicht versammelt, um eine Erdbeschreibung der großen Sonnenwelt zu erzielen, sondern der Stärkung eures Glaubens und Willens wegen. Dieses aber zu erreichen, dazu gehört ganz was anderes als eine noch so genaue und umfassende Erdbeschreibung der großen Sonnenwelt!“

26. Fragt Cyrenius: „Herr! Wenn aber diese Leuchtkugel also über alle Diamanten kompakt ist, wie wird man von ihrer Oberfläche irgendwelche einzelne Körner ablösen können, die ich zum Gedächtnisse für diesen Abend gar so gerne besitzen möchte?!“

27. Sage Ich: „Du denkst manchmal auch noch sehr irdisch! Dort, von wo diese Leuchtkugel her ist, gibt es noch eine Menge, sei es nun in Afrika oder in der Sonne selbst, – für Meinen Engel ist es überall gleich weit. Von dieser Leuchtkugel wird, ohne sie zu zerstören, freilich wohl kein Sterblicher irgend ein paar Körner herausbekommen können, und würde er die Kugel zerstoßen wollen, so würden die Stücke die Eigenschaft des Leuchtens auch sogleich einbüßen; aber die kleinen Kügelchen werden die Leuchteigenschaft gleichfort beibehalten. – Aber nun vollernstlich genug von dieser Sache!“

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